Bosnien – Eine Reise (04): Jajce

Sarajevo heißt das nächste Etappenziel, Jajce liegt auf dem Weg. Es wäre, so lese ich nicht nur im Reiseführer sondern auch in einschlägigen -blogs, töricht, an der Stadt einfach vorbeizufahren.
Es geht also südostwärts durch das Tal des Vrbas, durch eine phantastische Landschaft. Anhalten, schauen und fotografieren ist fast schon Pflicht. Der Vrbas, längst ein begehrter Fluss für Kajakfahrer, schlängelt sich mal mehr, mal weniger wild durchs Tal.

Tal des Vrbas

Tal des Vrbas

Etwas mehr als eineinhalb Stunden dauert die Fahrt, bei der wir die Grenze der Republik Srpska überqueren und nun tatsächlich im bosnischen Teil des Landes angekommen sind.
Alles entspricht irgendwie dem, was ich erwartet habe, als wir uns Jajce nähern: Verkaufsstände an den Straßen, an denen die örtlichen Bauern Obst, Honig, Sirup, Säfte und Schnäpse verkaufen, kleine Dörfer mit Cafés mit winzigen Veranden, vor denen einige Leute sitzen und den vorbeifahrenden Autos hinterherschauen. In den meisten Dörfern erheben sich die weiß gestrichenen Betontürme der Minarette, sie alle wurden nach dem Krieg in Windeseile errichtet. Wir sind angekommen: Auf dem Balkan, auf der Schwelle zum Orient, dort, wo ich hinwollte.
Jajce, so schrieb mir wer als Kommentar zu einem Foto-Spotlight unserer Reise in den sozialen Medien, sei der schönste Ort des Landes. Entsprechend gespannt bin ich und jetzt in der Retrospektive kann ich sagen: Der Ort ist wirklich toll.

Jajce - Stadtansicht

Ob es der schönste ist, kann ich nicht beurteilen, ich habe so viel noch nicht gesehen und ich finde es auch ein wenig anmaßend, von flüchtigen Eindrücken her eine Bewertung, ein Ranking aufzusetzen. Liebevoll hergerichtet ist er allemal, mit den Ruinen der trotzigen Festung über der Stadt, der alten Marien-Kirche samt Lukasturm, dem Bärenturm, den Katakomben und einer kleinen Fußgängerzone.

Jajce - Stadtansicht

Das alles macht aber nicht das Besondere aus. In Jajce mündet die Pliva in der Vrbas, zuvor aber stürzt sie sich auf etwa 30 Meter Breite etwa 22 Meter bergab. Direkt vor den Toren der Altstadt.

Jajce - Wasserfall

Jajce - Wasserfall

Das ist nicht nur ein malerisches Fotomotiv, das von allen Gästen sofort aufgegriffen wird. Jedes Jahr gibt es in Jajce auch einen internationalen Wettbewerb, bei dem die, die sich trauen, von einem Steg heraus die Fälle hinab springen.
Der Steg, eine wenig vertrauenserweckende Konstruktion, befindet sich unter dem Baum in der Mitte des Flusses, ist kaum zu sehen. Nur die große, wenig fotogene Plattform unterhalb der Fälle, auf der sich bei den Wettbewerben Zuschauer, Jury und Sponsorenstände drängen, zeugt von dieser Veranstaltung.

Man kann sich darüber streiten (und tut das auch in den einschlägigen Portalen wie Tripadvisor, ob sich ein Besuch der Fälle lohnt oder nicht; was letztlich auch immer eine Frage ist, mit welchen Erwartungen und den bereits erwähnten Klischeevorstellungen man ein fremdes Land bereist.
Jajce ist der erste Ort unserer Tour, den man als ausgesprochenen Touristen-Hotspot bezeichnen kann. Motorradgruppen knattern heran, die Menschen nehmen ein Kaltgetränk von einem der vielen Verkaufsstände oberhalb des Wasserfalls (fast so wie am Königssee), machen ihre Fotos und sind wieder verschwunden.
In den Ort selbst „verirren“ sich eher weniger Touristen.
Wir machen da eine Ausnahme, denn wir steigen hinab in die Katakomben und hinauf zur Ruine. All diese Orte kosten einen moderaten Eintritt, auch wenn es relativ wenig zu sehen gibt. Hängt man die Erwartungen nicht allzu hoch, ist das aber kein Problem, ganz abgesehen davon, dass es das gute Recht des Landes ist, Tourismus als Wirtschaftsfaktor anzusehen und weder Sehenswürdigkeiten noch Parkplätze gratis anzubieten. Warum sollten sie auch?

 

Jajce - Plivo

Jajce - Katakomben

Tipp/Info für Nachahmer*innen (eigene Erfahrung, Stand 2023):
Jajce ist der erste Ort, an dem an Kassenhäuschen ein Schild angebracht wird, dass nur lokale Währung, als Mark, akzeptiert wird. Bereits in Banja Luka hatten wir die Erfahrung gemacht, dass Euro in einem Eiscafé nicht angenommen werden – anders als oft erwähnt, man könne überall mit Euro bezahlen. Nein, kann man nicht!
Man sollte also einen gewissen Bestand lokaler Währung mitnehmen, die Bankomaten (überall zu finden) zahlen nur maximal 300 Mark aus (ca 150 €) und nehmen horrende Gebühren. Besser also, die Reisekasse daheim mit Mark ausstatten.
Viele Automaten (Parkscheine) akzeptieren nur Mark-Münzen, viele Straßenhändler auch, vielleicht möchte man ja auch mal einem Straßenmusikanten oder einem Bettler etwas Geld geben oder eben an einem Stand am Straßenrand etwas kaufen.
Wer mit Euro bezahlt, bekommt unter Umständen das Wechselgeld in lokaler Währung zurück. Der Umrechnungskurs ist grob 1:2. Es war allerdings auch anders herum der Fall, dass wir Euromünzen als Rückgeld auf einen 20 Mark Schein bekommen haben.
Kredit- und EC-Karten werden nicht überall akzeptiert, weil die Banken auch den Betrieben mächtige Gebühren abverlangen, so dass einige Hotels, Restaurants etc. die Kartenbezahlung verweigern bzw. boykottieren. Das sollte man im Hinterkopf behalten.
Ich persönlich finde es auch eine vollkommen unangemessene Einstellung, zu erwarten, man könne überall mit großer Selbstverständlichkeit  Euro bezahlen, also mit einer Fremdwährung.

Alle Teile:
Ankündigung
01: Banja Luka
02: Kozara Nationalpark
03: Der Familienfriedhof im Wald
04: Jajce
05: Die Mlinčići am Pliva See / Zenica
06: Sarajevo, eine erste Annäherung
07: Sarajevo, Baščaršija
08: Sarajevo, auf dem Trebević
09: Sarajevo, zwei Moscheen
10: Sarajevo, der alte jüdische Friedhof
11: Sarajevo, die einst belagerte Stadt
12: Auf dem Weg in die Herzegowina
13: Mostar, die alte Brücke
14: Mostar, Stadtrundgänge I
15: Mostar, Stadtrundgänge II
16: Blagaj
17: Weiter gen Osten
18: Sutjeska Nationalpark
19: Tjentište, der Außenpool
20: Tjentište, das Theater am Ende der Welt
21: Trebinje
22: Die Bogomilen Nekropole Radimlja
23: Počitelj
24: Studenci, die Kravica Wasserfälle
25: Nordwestwärts
26: Una Nationalpark
Epilog: Nur ein Stuhl?


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