Mein Plädoyer für den herben Norden

„Vielleicht stößt Du ja auf weiter Interessantes über den stiefmütterlich behandelten Norden Münchens, der – anders als der Süden – mal sehr urwüchsig herb & schön war (ganz ohne lüftlmalerischen Touristenkitsch)“ schreibt mir als Reaktion auf meinen Beitrag über Fröttmaning ein Twitter-Follower.

Der Süden: Ja, der ist großartig. Sattes Grün, eine hügelige Bilderbuchlandschaft, Alpenvorland samt Bergpanorma, malerische Dörfer, Geranien an den Balkonen alter Bauernhäuser, Lüftelmalerei, Lederhosn. Es quietscht fast vor lauter Jodeln.
Nicht ganz falsch, das als Touristenkitsch zu bezeichnen, auch wenn es gegenüber dem Fünfseenland, dem Oberland, dem Blauen Land und dem Chiemgau nicht fair ist. Wen wundert’s, dass die Urlauberströme wie auch die riesige Zahl der Wochenendurlauber die Regionen südlich von München komplett und immer wieder überschwemmen. Unermüdlich stöhnen die Anwohner der Landkreise rings im Alpenvorland über die Scharen an Ausflüglern, die bei gutem Wochenende bei ihnen einfallen.
Man darf sich übrigens fragen, was wäre, wenn die Münchner ihrerseits auch so feindselig gegenüber den Tausenden von Umlandbewohnern wären, die an fünf Tagen pro Woche für lange Staus auf den Autobahnen und Einfallstraßen beim Berufspendeln in die Stadt sorgen oder regelmäßig für Opern-, Theater-, Kino-, Museenbesuche oder geschmeidiges Shoppen in die Stadt kommen?
Gut, dass mir diese mit zunehmender Aggressivität geführte Diskussion herzlich egal ein kann. Denn ich fahre eher selten in den Münchner Süden und noch hat kein zänkischer Einheimischer dort vor mir auf die Straße gespuckt oder mich beschimpft.

Und der Norden?

Isar im Norden von München

Herb, urwüchsig, hieß es in der Twitter-Antwort.
Und längst den Bedürfnissen der großen Stadt geopfert. Autobahnen und Bundesstraßen durchziehen die Region. Die Dörfer im Norden sind längst ausgefranst. Industrieparks, Gewerbegebiete, Technologiezentren, Büroflächen werden mehr und mehr. Der Jobmotor Münchens hat sich auf die umliegenden Landkreise ausgeweitet: Die Dörfer Garching, Eching, Neufahrn, Ismaning, Unterföhring… längst um- und verbaut.
So war es schon immer: Panzerwiesen und Truppenübungsplätze, die Automobilindustrie im Münchner Norden, Flächenfraß für Müllberge und die Allianzarena – und natürlich der Flughafen.

Was macht den Münchner Norden aus? Das bereits oft erwähnte brettebene Kiesland und direkt daneben das dauervernebelte Dachauer und Erdinger Moos, eine ärmliche Gegend, die erst seit dem Umzug des Airports 1992 zur Boomregion geworden ist. Das Moos wurde entwässert, nebelig ist es noch immer, aber nicht mehr so oft. Schwaig, Hallbergmoos, Oberding… ein Dorf nach dem anderen ist explodiert. Aber Geld kam und kommt in die Region. Dazu Arbeitsplätze, Wohnungsnot, Neubausiedlungen. Da kann man ja nicht „Nein!“ sagen.

Zwischen den Orten finden sich noch immer viele kleine Oasen. Ruhepole, idyllische Fleckerl, spannende, wenn auch sehr kleine Natur- und Landschaftsschutzgebiete, Sicherung der Reste, lohnenswerte Ziele für Wanderungen und Spaziergänge.

Isar im Norden von München

Viele davon habe ich mittlerweile besucht und hier im Blog vorgestellt. Gerne möchte ich für diese urwüchsigen, herben und schönen Landschaften oder zumindest deren Überbleibsel noch einmal eine Lanze brechen. Denn es muss nicht immer der Süden sein, vor allem nicht, wenn man sich stundenlang im Stau ins Tegernseer Tal quält, vollkommen überteuert bewirtet wird, sich vielleicht noch beschimpfen lassen muss und abends im Stop-and-Go in die Stadt zurückfährt.

Hier noch einmal eine Zusammenstellung einiger Beiträge inklusive Direktlinks nach Orten davos a schee is. Dort finden Sie viele Bilder und meine Eindrücke. Stöbern Sie doch noch mal. Wie wäre es mit dem Berg von Fröttmaning, dem Zengerwald oder dem Speichersee, dem Mallertshofer Holz mit Heiden, der Echinger Lohe und Garchinger Heide,  der Isar bei Moosburg oder bei Grafing, dem Berglwald mit dem Hack Winkler Tatort, der Fröttmaninger Heide, dem Kranzberger Weltwald oder einem Blick vom Hypoberg?
Alles keine Geheimtipps, alles keine hochsensiblen Hotspots oder verbotene Terrains – aber für einen schönen Ausflug am Wochenende bestens geeignet. Darum erzähle ich auch freimütig davon. Und manchmal ist es einfach nur ein Teich, der einen Abstecher lohnt.

Isar im Norden von München

Hinzu kommen die vielen Seen und Weiher nördlich von München, die ich zum schwimmen aufgesucht habe. Unter anderem: Karlsfelder See und Regattaparksee, Mallertshofer und Garchinger See, Echinger See, Pullinger Weiher, Notzinger Weiher, Neufahrner Mühlensee, Stoibermühlsee, Haager Badesee, Feringasee, Heiglweiher, Unterschleißheimer und Waldschwaiger See. Viele der Seen habe ich nicht nur durchs Schwimmen kennen gelernt. Oft bin  ich anschließend vor Ort auch noch zu Fuß unterwegs gewesen und habe mich umgeschaut – zum Beispiel hier zu lesen. Natürlich können sie mit den Seen im Chiemgau, dem Fünfseenland oder dem Blauen Land nicht wirklich konkurrieren. Aber Sonnenbaden, Schwimmen und einen Obatzn im Biergarten essen kann man im Norden auch sehr gut. Glauben Sie mir.

Isar im Norden von München

Während die Hallen- und Freibäder geschlossen hatten, hatte ich es mir zur Angewohnheit gemacht, abends nach der Arbeit oder an freien Tagen öfter mal die nähere Gegend zu erkunden: Was liegt links und rechts der Autobahn, die ich täglich entlang fahre? Wo kann man spazieren gehen? Wo gibt es Naturschutzgebiete, wo möglicherweise lohnenswerte Fotomotive?
Als bekennender Warmwasserschwimmer springe ich nun mal nicht bei jedem Wetter und bei jeder Wassertemperatur in den Weiher, aber Abend für Abend zu Hause zu hocken und sich vom Fernsehprogramm anöden zu lassen, ist auch keine Alternative. Google Maps, die dort hinterlegten Fotos und Infos sind dabei ebenso Quell der Inspiration wie Outdooractive.com.

Isar im Norden von München

Und so habe ich mittlerweile eine kleine Bucket-List, was ich mir alles noch auf meinen Streifzügen anschauen will: Zum Beispiel die Panzerwiese und Hartelholz und die Schleißheimer Schlossanlage. Vielleicht auch noch die eine oder andere Sehenswürdigkeit. Es gibt noch viel zu entdecken, zu fotografieren und hier vorzustellen.
Auch – oder gerade – im Münchner Norden.

Isar im Norden von München

Also runter vom Sofa und raus an die frische Luft!


PS: Illustriert ist dieser Beitrag ausschließlich mit Bildern von der Isar am Wasserfall bei Unterföhring. „Dumm und dämlich“ habe ich mich dort fotografiert, schon, um auszuprobieren, ob ich noch 1/10 oder noch längere Belichtungszeiten aus der Hand fotografieren kann.


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3 Antworten

  1. manni sagt:

    Schön wie du uns den Münchner Norden schmackhaft machst ! Warum nicht ?
    Es stimmt schon, wenn wir ( aus dem Raum Stuttgart) an einen Ausflug in die Region München nachdenken kommt sofort der Süden in den Kopf. Starnberger See, Ammersee, Kloster Andechs, München selbst oder weiter dann Richtung Schliersee und Tegernsee. Kein Mensch denkt an den Norden ! Es sind eben Touristenregionen und da wird sich auch nichts ändern was den Süden betrifft.
    Auch ich kenne den Norden nicht und vielleicht sollte man schon mal diese Gegend näher kennenlernen. Danke für den Beitrag

  2. Jörg sagt:

    Der Münchner Norden… Für mich war das 1986 die Bayern Kaserne, das Grusonwäldchen, wo wir als Wehrpflichtige „spielen durften“. Die U Bahn Haltestelle Kieferngarten und die Ingolstädter Straße, wo es einen Parkplatz mit Wohnwagen gab, wo unsere LKW Fahrlehrer immer Pause machen mussten 😉
    Und der Flughafen war noch da, wo jetzt die Messe ist.
    Später in Kirchheim und Ismaning gearbeitet und am Wochenende im Süden (Weilheim) gewohnt.
    Speichersee und Feringasee waren so Mittagspausen-Seen.

    Erinnerungen sind wach geworden. Vielen Dank.

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