Spaziergänge (#32): Kontaktaufnahme zum Zengerwald

Pausieren und Müßiggang gehören zu den angenehmsten Tätigkeiten, die ich mir vorstellen kann. Deshalb mache ich auch bei sich bietenden Gelegenheiten keinen Hehl daraus, pausiere und fröne dem Müßiggang. So geschehen am vergangenen Wochenende im Zengerwald.

Im Zengerwald: Eine Fichte und viele Birken

Im Zengerwald: Birken

Seit unsere Firma vom Münchner Süden in den Norden umgezogen ist, komme ich regelmäßig auf dem Weg zur und von der Arbeit am Zengerwald vorbei. Das hat mich schon lange neugierig gemacht, vor allem, seit ich weiß, dass es sich seit mittlerweile 26 Jahren um ein Naturschutzgebiet und einen der größten zusammenhängenden Birkenwälder Bayerns handelt. Im Süden fichtelt es noch immer forstartig, der Umbau ist noch nicht abgeschlossen. Doch nach und nach weicht das Nadelgehölz den Birken, Hainbuchen und Eichen. Eine Fichte nach der anderen wird umgesägt und schafft Platz für andere Arten.

Im Zengerwald:: Mitten im Naturschutzgebiet

Der Wald befindet sich am westlichen Ende unseres Landkreises, ragt fast hinüber nach Freising. Die Ortschaft Zengermoos ist nicht weit.
Ein erster Besuch dient einer ersten Kontaktaufnahme. Ich wollte schauen, einfach nur schauen.

Im Zengerwald: Veilchen zu Füßen

Und es gibt viel zu sehen und noch mehr zu hören. Mal brechen keine zwanzig Meter vor mir ein paar Rehe aus dem lichten Wald, queren den Weg und verschwinden wieder. Dann kreischt (wieder mal) schrill ein Bussard am blauen Himmel, die dauerzwitschernden Meisen stört das ebensowenig wie die Amseln. Ein Specht drischt auf einen Stamm ein, ein Kuckuck ruft mit seiner markanten Terz seine Liebste herbei. Bei jedem Schritt über die zumeist schnurgeraden Wege (auch wieder mal) steigen erschrockene Schmetterlinge auf: Zitronenfalter und Kohlweißlinge, Tagpfauenaugen und C-Falter. Ich sehe auch einen Schwalbenschwanz. Der Boden unter mir federt, wir sind im Moos, einer ehemaligen Moorlandschaft. Phantastisch.

Im Zengerwald: Im Naturschutzgebiet

Nichts davon lässt sich fotografieren, das ist aber auch nicht notwendig. Manchmal reicht es, einfach da zu sein, zu schauen, zu hören, zu genießen. Müßiggang eben.
Mein Weg führt mich kreuz und quer durch den Zengerwald. Mal breite, aufgeschotterte Wege, mal schmale mit wenig trittfest aussehenden, maroden Brücken über winzige, längst ausgetrocknete Bachläufe.

Im Zengerwald: Marode Brücke

Im Zengerwald: Noch eine marode Brücke

Zwei Falter sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie mich gar nicht wahrnehmen, wie ich mich ihnen nähere. Ich versuche mein Glück, die Bilder sind nicht so toll, aber besser geht es bei dem permanenten Geflatter eben nicht.

Im Zengerwald: Zwei Schmetterlinge

Im Zengerwald: Zwei Schmetterlinge

Im Südwesten des Waldes befindet sich ein kleiner Weiher, offenbar ein Anglerteich mit einem wenig vertrauenserweckendem, kleinen Steg.

Im Zengerwald: Anglerteich

Im Zengerwald: Totholz im Teich

Glotzäugige Karpfen schwimmen schmatzend im warmen Wasser direkt unter der Oberfläche. Ein goldiger, aber faunenverfälschender Fremdgänger befindet sich unter ihnen. Da hat wohl wer seinen Gartenteich ausgeräumt.

Im Zengerwald: Karpfen

Im Zengerwald: Goldfisch

Noch einmal lasse ich mich auf einem Baumstumpf nieder. Es ist einfach zu idyllisch hier – erstaunlicherweise begegne ich die ganze Zeit keinem einzigen anderen Menschen. Ist der Wald zu weit ab vom Schuss? Mir soll’s recht sein.

Im Zengerwald: Müßiggang auf einem Baumsumpf

Während ich einfach nichts tue und in bester, fast schon Rodin’scher Manier dasitze und denke, herrscht zu meinen Füßen reges Treiben. Eine Kolonie schwarzer Waldameisen wohnt dort. Ich beobachte die Tiere bei dem, was immer sie da tun und mir fällt ein, dass ich 2008 an der Ostsee bei einer geführten Moorwanderung mal mit einem anderen Urlauber in einen Disput geraten bin. Der nämlich hatte, nachdem uns die Führerin auf einen riesigen Ameisenhaufen hingewiesen hatte, nichts Besseres zu tun, als sich einen Stock zu nehmen und wie ein Irrer in den Haufen hineinzustochern. Die abwehrbereiten Ameisen schwärmten sofort aus und suchten hektisch nach der Ursache der Bedrohung.
„Wozu das gut sei?“ fragte ich missbilligend. Das sei doch wohl vollkommen unnötig, respektlos und eigentlich bescheuert.
Er aber fand das spannend und lustig. Ich konnte das nicht nachvollziehen.
Wer zeitlebens im Beruf mit Filmen zu tun hatte, hunderte davon gesehen hat, wenn nicht noch mehr, der hat vielleicht eine etwas andere Vorstellung, was spannend und lustig ist. Ganz sicher aber nicht, Ameisenkolonien zu belästigen.

Im Zengerwald: Ameisen

Während ich noch darüber nachdenke, feuchtelt es langsam am Gesäß. Das Holz des Baumstumpfs doch noch nicht ganz so trocken wie gedacht, langsam dringt die Feuchte durch die Jeans. Es wird Zeit, weiterzugehen oder zumindest aufzustehen.
Auf dem Rückweg sehe ich einen Flieger hoch oben über mir am tiefblauen Himmel. Einer, der von weither kommt und sein Ziel im Süden noch lange nicht erreicht hat. Möchte ich darin sitzen, vielleicht auf dem Weg in einen Urlaub?
Quält mich ein Fernweh?

Flugzeug am Himmel

Eigentlich nicht. Ich möchte nicht da oben eingequetscht in viel zu engen Sitzreihen sitzen, ein aufgewärmtes Fertiggericht in mich reinstopfen, beim Landen klatschen müssen und zusehen, wie alle Mitreisenden, kaum, dass der Flieger den Boden berührt hat, aufspringen, alles aus den Gepäckfächern reißen und zum Ausgang drängen.

Pilz an einer Birke

Hier unten ist es eigentlich viel schöner. Und hier hab ich meine Ruhe…


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