Spazieren statt Schwimmen gehen (#15): Im Wald und auf der Heide

Immer wieder erstaunt mich, wie unterschiedlich die Landschaftsbilder sein können, ziehe ich einen Kreis von rund 30 Kilometer um unser Zuhause. Da hat es München mit seinen schlechten Autofahrern, im Osten der Metropole zersiedeltes und versiegeltes Land längs der Autobahnen und Fernstraßen. Da gibt es das Kiesland mit Weihern und künstlichen Badeseen, Staatsforst und bewirtschaftete Wälder, da gibt es Flusslandschaften und Auenwälder, hügeliges Kulturland, sumpfiges Moosland, Seen und eine Heide.

Die Heide

Nördlich von München gibt es ein paar äußerst interessante Naturschutzgebiete, als FFH-Habitate und Natura 200 ausgewiesene Gelände, deren Besuch sich unbedingt lohnt – zumindest, wenn man sie nicht durchwandern sondern spazierend erkunden will. Zwischen den zu Städten explodierten Dörfern Eching, Garching und Neufahrn liegen die Echinger Lohe, die Garchinger Heide und ein kleiner Baggersee. Ein äußerst lohnenswertes Ziel für einen Feiertagsausflug, sofern man sich für Heidelandshaften, Biotope und seltene Pflanzen interessiert.
Viel ist im Netz über diese Naturschutzgebiete zu lesen, es wäre daher müßig, das alles hier zu wiederholen, nachzukäuen, was ohnehin auf anderer Leute Mist gewachsen ist. Daher habe ich in diesem Beitrag überwiegend Bilder und ein paar flüchtige Eindrücke zusammengestellt.

Bretteben ist das Land. Das mag Menschen, die den Großraum München nicht kennen, verwundern. Die Berge, die gibt’s woanders. Hier schaut es eher so aus, als ob hinter den Bäumen am Hintergrund der Deich und das Meer liegen, und nicht die Felder, über denen die Maschinen nach ihrem Start vom Flughafen München hinweg donnern.

Schmale, gut erkennbare Pfade führen durch die Heide, Pflöcke im Boden markieren den Weg, an den man sich bitteschön halten soll – was ausnahmslos jeder, den wir dort getroffen haben, auch tut.

Der Boden ist kiesig, steinig, mager. Das Oberflächenwasser sickert schnell nach unten, Nährstoffe gibt es kaum, die Erdschicht ist wenige Zentimeter dick. Die Vegetation ist zwar spärlich, aber enorm artenreich. Die Kalk-Magerwiesen der Heide:

Da wäre zum Beispiel die herzblättrige Kugelblume, die mir liebe und sachkundige Freunde in einer Facebook-Gruppe im Nu bestimmt haben. Das ging schneller als endloses Suchen im Klassiker „Was blüht denn da“, der diese Art Kugelblumen übrigens gar nicht aufführt. Es gibt sie trotzdem. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen.

Ein erschütterndes Zeugnis finsterer Zeiten ist das Rollfeld im Südteil der Heide. Vor Ort erfährt man nur wenig, oder wir haben eine entsprechende Hinweistafel übersehen; falls nicht, wäre es angebracht, mal eine solche zu errichten. Wie so oft bereite ich diesen Spaziergang nach, nicht nur per Blog und digitaler Bilderbearbeitung. Ich möchte wissen, wo ich war und lese mich immer tiefer ein. Auch über das Rollfeld.
Dank Internet konnte ich in Erfahrung bringen, dass im Frühjahr 1945 Häftlinge des KZs Dachau hier ein Rollfeld für den Flugplatz im nahen Unterschleißheim anlegen sollten. 300-400 m lang und rund 50m breit wurde es.
Die Häftlinge mussten mit bloßer Hand Kieselsteine aus der Erde ausgraben, diese aufklauben, zum Rollfeld tragen und dort Schicht auf Schicht ablegen.

Viel ist davon nicht mehr zu sehen. Michael, ein guter Weißwurstfrühstücksstammtischfreund, ist sachkundig, ihn spreche ich auf das Rollfeld an. Er arbeitet in der KZ-Gedenkstätte Dachau und dem NS-Dokumentationszentrum und erzählt mir, dass viele dieser offensichtlich unsinnigen Arbeiten, von denen vollkommen klar war, dass sie nie zu einem Ergebnis führen würden, in Wahrheit ein ganz anderes verfolgten: Vernichtungsarbeiten, sie sollten die Häftlinge, die sie verrichteten schlicht umbringen.

Merkwürdige Hügel finden sich in unmittelbarer Nähe des Rollfelds und am nordwestlichen Ende der Garchinger Heide.

Sagte ich bretteben?
Ganz so ist es nicht. Unbedarft und unwissend fallen uns diese sehr gleichmäßigen Hügel, die so gar nicht ins Landschaftsbild passen wollen, sofort auf. Auch sie wurden von Menschenhand gemacht. Das ist mehr als offensichtlich.

Wir erfahren, dass es sich um Hügelgräber aus der Bronzezeit handelt.

Und noch etwas Historisches: Inmitten der Garchinger Heide steht ein Gedenkstein für einen verwegenen Reitersmann, den es 1908 im wilden Galopp vom Gaul geschmissen hat. Das hat ihn vom Leben zum Tode befördert.

Aber waren wir nicht wegen der Heide gekommen, der Naturschutzgebiete?

Die Heide wird sorgsam gepflegt und überwacht. Dazu gehört auch, dass östlich außerhalb des Gebiets Wiesen als Pufferzone eingerichtet wurden, damit der Dünger der benachbarten Felder nicht in die Heide dringt und zu unkontrolliert heftigem Pflanzenwachstum führt.

Folgt man den Wegen aus der Heide zurück zum Südende, wo die Straße zwischen Eching und Dietersheim verläuft, kommt zu einem alten Baggersee, der von mächtigen Weiden umgeben ist. Hier wird die Natur sich selbst überlassen.

Totholz wird nicht abgeräumt, Bruch nicht beseitigt.

Zwischen den Feldern führt ein Weg zu dem zweiten Natura2000 Gebiet.

Das liegt nur ein paar hundert Meter entfernt, die wir an einer üppigen Insektenblühwiese entlang laufen.

Der Wald

Ein Urwald, so heißt es, solle hier wieder entstehen – und das geht am einfachsten, in dem man den Wald ganz einfach sich selbst überlässt. Zwar ist die Echinger Lohe von einer Schlehenhecke umrandet, aber man kann überall hindurch und hinein ins Grün.

Eschen, Stieleichen, Ahorn… alles wächst wild durcheinander, der Wald ist ein Naturwaldreservat. So sieht er auch aus… Wunderschön:

Schmal auch hier die Wege, nicht Mal Trampelpfade, ein Wald, in dem man sich bei jedem Schritt mehr und mehr schämt, auf irgendein Kraut getreten zu haben. Schnell fühlt man sich genau als das, was man hier ist: Ein Fremdkörper.

Wer aus der Region München kommt, gern stramm wandern oder zügig spazieren gehen will, ist in den beiden Naturschutzgebieten sicher falsch. Wer aber stehen bleiben will, Bläulingen, Schwalbenschwänzen und anderen Schmetterlingen zuschauen, dem Ruf der Krähen und dem Gesang der vielen Vögel lauschen oder sonderbare und seltsame Pflanzen entdecken will, der sollte sich ruhig mal aus dem Münchner Stadtmief hinaus bewegen nach Norden – und nicht immer nur nach Süden in die Biergärten am Ammer- und Starnberger See.

Bayern kann offensichtlich auch anders.

Eine Liste aller Beiträge der Serie Spazieren statt schwimmen gehen samt Verlinkung finden Sie auf der Unterseite Die Serien dieser Seite im Überblick.


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3 Antworten

  1. Mrs. Flummi sagt:

    Das ist ja eine wunderfeine Gegend. Ich mag diese schmalen Pfade unter weitem Himmel gerne. So viel Platz für fluffige Schönwetterwolken!

  2. Naya sagt:

    Wunderschöne Bilder!

  3. Linsenfutter sagt:

    Eine herrliche Gegend. Wunderbar und Naturbelassen. Hätten wir da nur noch mehr davon.

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