Direkt neben der Autobahn – nur einen Steinwurf entfernt

Direkt neben der Autobahn liegt nur einen Steinwurf entfernt ein kleines Biotop. Entstanden ist es nicht, weil es so angelegt wurde, um der Natur etwas Gutes zu tun. Entstanden ist es, weil die Natur unermüdlich versucht, sich zurückzuholen, was ihr genommen wurde: In diesem Fall ist es eine ehemalige Kiesgrube.

Ein Biotop rechts der Autobahn

Einst war es ein Kiesloch, wie so viele in der Region. Links und rechts der Isar erstreckt sich nördlich von München das nahezu brettebene Kiesland. Straßen und voor allem der Autobahnbau hat Unmengen an Kies verbraucht, die Erde im Alpenvorland ist voll davon, also wurde sie überall aufgerissen.

Die alte Kiesgrube an der Autobahn

Da, wo der Kiesabbau beendet wurde, entstanden viele neue Seen, es war halt einfacher, die Löcher mit Wasser volllaufen zu lassen, statt die Landschaften zurückzuformen, zu rekultivieren oder sogar zu renaturieren. Auffällig viele dieser Seen, vor allem die größeren, rings um München sind in Autobahnnähe, viele wurden zu Naherholungsgebieten erweitert, viele davon habe ich in den vergangenen Jahren zum Schwimmen aufgesucht. Will sagen: Ich bin nicht undankbar über diese vielen Freizeitmöglichkeiten.

Kleine Insel inmitten der Kiesgrube

Doch nicht alle Kiesgruben wurden für die erholungssuchenden Münchner und die Bevölkerung des Umlands zum Badevergnügen hergerichtet. Einige sind noch immer sich selbst überlassen, weil die Betreiber nach Beendigung des Abbaus reichlich Zeit haben, ihrer Verpflichtung zur Rekultivierung nachzukommen. Andere wurden umgewidmet. Das Kiesloch, in dem es in diesem Beitrag geht, fungiert heute als Oberflächen- und damit als Abwassersammelfläche, wie es ebenfalls viele links und rechts der Autobahn gibt. Gerade nach dem Neubau der A94 kann man überall diese neu entstandenen künstlichen Sammelbecken längs der Trasse finden.

Hier aber wurde Vorhandenes einer neuen Nutzung zugeführt. Hinweisschilder warnen vor dem Betreten des Geländes, es geschieht auf eigene Gefahr. Baden ist in dem Gewässer allerdings strikt verboten. Aber spätestens beim zweiten Blick kommt ein vernünftiger Mensch sowieso nicht auf die Idee, hier schwimmen zu gehen.

Kiesgrube - die Autobahn nur einen Steinwurf entfernt

Mag sein, das Wasser spiegelt verführerisch den Himmel wider, aber einen Fuß hineinsetzen?
Ganz sicher nicht. Nicht nur, dass das Wasser nicht besonders sauber aussieht und es eben in diesem Sammelbecken ganz sicher auch nicht ist – Kiesgruben sind per se zum Baden nicht ganz ungefährlich, für ungeübte Schwimmer kann das böse enden: Warum das so ist, habe ich vor geraumer Zeit hier beschrieben.

Keisgrube - Autobahn

Aber zum Schwimmen bin ich ja ohnehin nicht hergekommen. Mich treibt die Neugier, seit ich im Netz etwas über diesen „Tümpel“ gelesen habe, ihn auf Maps gefunden und bemerk hatte, dass der auch ganz gut zu erreichen ist. Mein Plan: Ein kleiner Spaziergang, mich etwas umschauen und vielleicht ein paar Fotos machen. Zum Fotografieren nämlich ist das Gelände sehr reizvoll.

Disteln

Also plane ich an einem Abend einen kleinen Umweg ein und stehe schon bald zwischen Autobahn und Tümpel. Wenn ich mir das monotone Dauergedröhn der Fahrzeuge wegdenke und meine Blick- und Kamerarichtung sehr selektiv lenke, kann ich mich schnell sonstwohin denken. Schau ich in die richtige Richtung, bin ich schnell an einem reizvollen Ort – einem Biotop mit Potential.

Birke an der Autobahn

Aber drehe ich mich um: sehe ich sofort die nicht abreißende Schnur der LKW, die vorbei donnern und ich bin schnell wieder zurück in der Realität. Ein wunderbares Beispiel selektiver Wahrnehmung der Wirklichkeit.

Auf der Autobahn LKW an LKW

Eine einsame Rapspflanze sucht Halt und Nahrung zwischen den kiesigen Steinen. Der Same wurde wohl herangeweht, Pech, dass sie nicht auf dem schweren und nährstoffreichen Boden auf der anderen Seite der Autobahn wächst sondern hier zwischen den Steinen. Aber sie kämpft sich durch: will leben, blühen, Samen ausbilden und sich vermehren.

Raps im Kiesbett

Viele Ruderalpflanzen wie Weiden, Brombeeren, Pestwurz, Disteln und Löwenzahn sind längst angekommen. Sie kommen mit dem äußerst kargen Boden wesentlich besser zurecht. Dort, wo man sie lässt, besiedeln sie das Kiesufer und schaffen so neue Lebensräume.

Ruderalpflanzen am Ufer

Ihnen folgen weitere Pflanzen und Wildtiere wie Insekten und Spinnen.

Verblühte, vertrocknete Distel mit Spinnen

Mücke auf Blättern

Schlammschnecken breiten sich im Wasser und Schnirkelschnecken auf den Kiesflächen drumherum aus. Auch sie lassen sich in großer Zahl entdecken.

Schlammschnecke

Schnirkelschnecken

Ich nehme mir viel Zeit, schaue mich um, gehe langsam und suchend den schmalen Trampelpfad am Ufer entlang. Permanent fühle ich mich dabei vom Wasser aus beobachtet. Hunderte von Fröschen leben im Teich, sie quaken lautstark. Schon von weitem habe ich sie gehört. Aber sobald man sich nähert, verstummen sie. Es ist nicht einfach, sie zwischen den abgestorbenen Teilen der Wasserpflanzen auszumachen.

Frosch im Wasser

Wenn dann der Kies unter meinen Sohlen knirscht oder sie eine Bewegung von mir wahrnehmen, ziehen sich die Amphibien sprunghaft zurück oder gehen auf Tauchstation. Irgendwann tauchen sie dann in sicherer Entfernung zum Ufer wieder auf.

Weitaus weniger schreckhaft geben sich die Kaulquappen, die zu Tausenden überall im flachen und warmen Wasser am Ufer herumwuseln. Sie scheinen sich einfach durch nichts stören zu lassen.

Kaulquappen

Zwei Falken kreisen über dem Biotop. Sie beeindrucken die Krähen wenig, die vereinzelt in den Bäumen sitzen. Immer, wenn ich lese, dass Kommunen wie z.B. Erding Krähen-Kolonien mit Hilfe von Falken zu vergrämen versuchen, muss ich schmunzeln. Als ob sich Krähen so vergrämen lassen… und schon gar nicht auf Dauer. Auch in Dorfen an der Sempt wird darüber diskutiert. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Krähe in einer Birke

Einsam zieht ein Blässhuhn seine Bahn. Fast schon tragisch ist das, denn das Weibchen, oder was davon übrig ist, entdecke ich am Ufer. Es ist nur noch ein Knäuel Federn aus dem zwei Füße heraustagen. Mehr nicht. Verstreut finde ich die Schalen ihres Geleges, aufgeschlagen, der Eidotter noch gut erkennbar. Irgendwer hat hier vor nicht langer Zeit seinen Hunger gestillt. Übrig geblieben ist offensichtlich nur das eine Tier.

Einsames Blässhuhn

Das wäre dann quasi die andere Seite der Idylle…

...und wieder die Autobahn

die eigentlich gar keine ist; direkt neben der Autobahn – nur einen Steinwurf von dieser entfernt.


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