Betr.: Wo’s schön war – Hot Spots verraten?

Dieser Beitrag ist Teil einer kleinen Serie über Nachhaltigkeit und Verantwortlichkeit beim Bloggen.

„Was ist Ihr persönlicher Favorit? Womit verbinden Sie Bayern? Das wollen wir, das Bayerische Heimatministerium, mit der Online-Umfrage „HEIMAT.GEFÜHL“ von Ihnen erfahren. Ob echte Geheimtipps, ein besonderes Lebensgefühl oder allseits bekannte Sehenswürdigkeiten – verraten Sie uns, was Sie mit Heimat verbinden!“ –

Das wollte das Bayerische Staatsministerium der Finanzen und für Heimat im Sommer 2020 erfahren. Unter anderem auch über Facebook.
Ich konnte mir diese Antwort nicht verkneifen: „Keine Tipps von mir – weil da, wo’s schön und einigermaßen leer ist, es auch schön und einigermaßen leer bleiben soll. Das bedingt nämlich einander. Denn überall, wo’s voll wird, ist es in allerkürzesten Zeit nicht mehr schön.“

Das allerdings passt scheinbar so gar nicht zu meinen Blogaktivitäten, zu den vielen Beiträgen über schöne Seen und Badeplätze in meinem Einzugsgebiet, über Wanderungen in meinem Umland, Reisen, Spaziergänge… Auch von Naturschutzgebieten. Ja, ich erzähle davon: Von Orten, die mir gefallen haben, davon, wo’s schön war. Sensible Informationen von sensiblen Orten aber liefern diese Berichte nicht. Sie verraten weder Geheimes noch Sensationelles, weder großartige Hotspots noch gesperrte Bereiche. Alles ist öffentlich zugänglich und alles wurde/wird auch nicht nur von mir aufgesucht. Dabei entstanden auch die Bilder, die ich in diesem Beitrag zeige und die übrigens zuvor bereits in anderen zu sehen waren.

Warum erwähne ich das überhaupt?

Weil es mit Verantwortung zu tun hat. Und weil in den Zeiten von Instagram schnell schöne Orte zu Hotspots werden und ein paar unbedacht veröffentlichte Fotos Heerscharen an Leuten anlocken können, die das gleiche Bild machen wollen und dabei achtlos vorher alles kaputt trampeln.
Manche Biotope reagieren äußerst empfindlich auf Besucher – und manche von deren Bewohnern noch mehr. Das gilt vor allem für die kleinen.
Malerische Plätze gibt es überall zu entdecken. Aber nicht jeder Ort, der etwas abseits ausgetretener, viel begangener Wege liegt, verträgt zu viele Besucher. Dieser hier nicht:

Dabei wäre es wunderschön, vom Dunkel ins Licht zu treten, das würde aber die Grenzen eines Privateigentums überschreiten – und da hat man folglich unbefugt nichts zu suchen. Auch diesen Ort sollte man vielleicht im Vagen lassen. Am Ende pflückt sonst noch ein Trottel ein Strauß Blumen für daheim.

Wasser, Natur, gleich ums Eck. Wo das ist? Nicht, dass das noch zu den Hotspots dazu kommt.

Konsequent scheint das nicht zu sein. Gerade erst habe ich einen Beitrag über den Besuch des Hackensees mit vielen Bildern von diesem idyllischen Ort veröffentlicht. Hätte ich den Namen des Sees verschweigen sollen?
Nein – ich denke nicht. Es ist kein Geheimwissen, kein abgeschiedener Ort, und wenn der See von badewütigen Ausflügern überrannt wird, dann doch wohl eher, weil er auf zig Portalen als Geheimtipp geführt wird.
Wer den Beitrag liest, wird ohnehin merken, dass es den einen oder anderen Grund gibt, sein Badetuch lieber an einem anderen See auszubreiten. Und für ein paar rasche Fotos liegt der See nun mal zu weit ab, als dass Horden von fotografierwütigen Massen dorthin pilgern werden. Trotzdem bin ich zögerlich.

Die Wellen, die auch nur ein einziger Badegast oder Schwimmer macht, hätten das Bild kaputt gemacht.

Naturfotograf Benny Trapp, den ich sehr schätze bat im Frühjahr einem glühenden Appell, Fundplätze seltener Tierarten nicht im Netz zu verraten: „Schöne Bilder von attraktiven oder seltenen Arten erzeugen bei einigen nicht nur Bewunderung oder Anerkennung, sondern leider auch Begehrlichkeiten, im Extremfall Neid. Bekannt gewordene „Hot Spots“ sind dann aber genau die Regionen, die am meisten unter uns Naturfreunden selbst zu leiden haben. Einzig, weil dort dann eben keine Ruhe mehr herrscht.“

Breitrandschildkröte in Griechenland. Fundort besser verschweigen

Da ist was dran. Nicht alle Wildtiere reagieren tiefenentspannt, wenn man sie fotografiert. Benny weiß von vielen Hotspots seltener Tierarten zu berichten, die, kaum, dass sie bekannt wurden, regelrecht überrannt wurden, auch hierzulande und mit verheerenden Folgen. Es ist nicht der eine Besucher, der dort stört und vieles zerstört, es sind alle zusammen.

Es gibt es zig Beispiele, wie dieser Bilderwahn dazu führt, dass Ufervegetationen von Influencern für den bestmöglichen Fotopunkt niedergetrampelt werden, wie sich Müllberge in der Natur anhäufen, weil manche verantwortungslose Influencer und Reiseblogger die Massen genau an die Orte lotsen, wo sie eigentlich nichts zu suchen haben. Wie seltene Tierarten um ihre letzten Nischen beraubt werden, weil plötzlich jeder mal einen eher seltenen Vogel vor die Kamera bekommen will.

Neben der enormen Belastung der Natur kommt zunehmend ein anderer Aspekt zum Tragen: Spektakulär sollen die Bilder sein. Ohne Rücksicht und Verstand gefährden sich manche Influencer selbst beim Anfertigen von Selfies oder Fotos von Hotspots. Später gefährden sie dann andere, wenn diese lemminghaft es ihren digitalen Idolen gleichmachen wollen. DAS Musterbeispiel ist wohl die Instagrammerin Yvonne Pferrer, die am Königssbach Wasserfall posierte. Das an sich ist schon lebensgefährlich, das ihren über eine Millionen Followern zu präsentieren, ist unverantwortlich und einfach dämlich. Gut, dass das Terrain um den Wasserfall jetzt gesperrt wurde.
Wenn an einem Wanderweg durch ein Naturschutzgebiet ein Warnschild vor einer Steilküste mit Abbruchkante steht – warum muss ich dann den Weg verlassen für ein Foto?
Und selbst wenn kein solches Schild dort steht muss ich nicht noch einen Schritt und noch einen näher an einen Abgrund machen, um später ein Foto zu posten und so möglicherweise jemand anderen animieren, das gleiche zu machen. Was, wenn der dann vielleicht etwas weniger trittfest ist oder in Flip Flops durchs Gebirge oder über die glitschigen Felsen einer Steilküste stapft? So ein Schlund schluckt schnell…

Zu der zunehmenden Unwissenheit und Respektlosigkeit gegenüber der Natur kommt ja, dass immer häufiger Menschen diese vollkommen falsch ausgerüstet begegnen. Auch ein Zeichen einer gewissen Vollkasko-Mentalität: Ich muss mich nicht kümmern, mir keine Gedanken machen, keine Vorsorge treffen, gut ausgerüstet sein. Irgendwer wird mich im Zweifelsfall schon heimbringen. Ohnehin gehe ich ja nur noch für ein paar klick- und like-bringende Fotos vor die Tür. Hauptsache, das Motiv und möglichst ich mit im Bild sind instagrammable. Da trifft man auf seinen Wegen durchaus Menschen ohne festes Schuhwerk dort, wo sie einfach nicht hingehören.

Wohin des Wegs. Muss man nicht immer verraten

Das betrifft übrigens nicht nur Natur, Landschaft, Gegend.
Instagramable ist für Orte ein eher zweifelhaftes Prädikat geworden, geht es doch den Instagramern gar nicht um den Ort selbst, seine Geschichte, seine Schönheit, Besonderheit, sondern nur noch um ein Foto davon. Er ist nur noch Kulisse. Hallstatt in Österreich zum Beispiel wurde vor Corona von Touristen überrannt, weil der Ort angeblich das optische Vorbild für Frozen II abgegeben hat. Busweise wurden Touristen dahin gekarrt, knipsen und instagramen, twittern , pinterresten und facebooken ihre Fotos – dann geht’s weiter. Für den Ort eine immense Belastung. Für die Einwohner und Hauseigentümer noch mehr.
Das ist mittlerweile an vielen touristischen Hot Spots so – auch welchen, die nie ein solcher werden wollte, die nie mit ihrer instagrammable quality geworben haben (Ja: Wundern Sie sich nicht – auch so etwas gibt es unter Tourismusvermarktern). Gelegentlich degradieren Städte und Regionen sich selbst aktiv zu Kulissen für Schnappschuss-Touristen und meinen so, davon profitieren zu können. Abschnitte an der rosa Granitküste zeichnen sich aus, dass gps-auffindbare Hot Spots für besonders schöne Fotos eingerichtet wurden. Wegweiser vor Ort zeigen auch dem letzten, wo er sich für sein Selfie hinstellen soll. Mir nicht nachvollziehbar, tötet es doch letztlich auch die eigene Kreativität.
Nachhaltigkeit jedenfalls geht anders. Originalität beim Fotografieren übrigens auch.

Ohnehin – welch Erkenntnis! – sieht so ein instagramable place vor Ort mitnichten so aus, wie man es vorher im Netz gesehen hat. Florian Westermann hat 2018 zu einer Blogparade zum Thema aufgerufen, wie diese vollkommen überlaufenen HotSpots wirklich aussehen, in der Teilnehmerliste findet sich auch mein Beitrag über die Krka-Wasserfälle.

krka-Fälle in Kroatien - einer DER Hotspots im Land

Die Realität ist oft ist enttäuschend, ernüchternd, aber leider eben auch ermutigend, sich dann eben anderswo umzusehen und vielleicht noch tiefer in Regionen und Schutzzonen, auf Privatgrundstücke oder in gefährliches Terrain einzudringen, also an Orte, an denen man nichts zu suchen hat und in Folge andere Leute auch dahin zu locken. Gbit es nicht genug gesicherte Aussichtplattformen für schöne Fotos?

Was mich das angeht?

Ich bin weder Influencer noch Instagramer. Meine Reichweite macht einen Bruchteil dessen aus, was diese seifenblasigen, digitalen „Schwer“gewichte an Followern schaffen. Trotzdem mache ich mir Gedanken.

Als Blogger, der weder Reise- noch Fotoblogger ist, könnte ich mich entspannt zurücklehnen. Allerdings will ich mir die Sache nicht so einfach machen. Ein paar Beiträge, so verrät mir meine Statistik, werden mit großer Regelmäßigkeit aufgerufen, und das seit Jahren. Offenbar suchen deutschsprachige Italien-Urlauber Informationen über den Parco naturale Migliarino San Rossore Massaciuccoli, Bretagne-Reisende auf den Spuren von Kommissar Dupin Wissenswertes über das Vallée des Grands Traouïero

und einheimische Ausflügler etwas über den Pullinger oder den Lauser Weiher. Und das seit Jahren. So oft, wie dieser Beitrag aufgerufen wird, wird es kaum ein anderer, offenbar gibt es nicht viel im Netz über den Weiher zu lesen. Google jedenfalls listet mich ganz weit oben.
Ich weiß von Leuten, die nur meiner Empfehlungen wegen im Langbürgner See schwimmen waren, zum Mallertshofer Holz gefahren sind oder die eine Ausstellung besucht haben, weil ich darüber gebloggt und geschwärmt habe. Bin ich jetzt doch ein Influencer?

 

Ganz sicher nicht.

Aber vielleicht habe ich ein Auge für idyllische Flecken, die man überall finden kann, sogar mehr oder weniger vor der eigenen Haustür. Man muss gar nicht Influencern hinterherwetzen. Man muss nur einfach mal in seinem eigenen Eck die Augen aufsperren. Ich bin allerdings mittlerweile vorsichtiger geworden. Nicht jeder verwunschene Wald sollte oder will von jedem gefunden werden.
Manchmal überkommt es mich aber doch und ich bin so begeistert, dass ich anderen davon erzählen möchte: „Schaut Euch das an. Geht raus. Ab mit Euch in die Landschaft Es ist wunderschön.“
Ich möchte Anderen gern einen kleinen Anstubser geben, denn ich erfreue mich an solchen Orten, gönne das auch anderen, möchte davon erzählen, etwas zeigen und vielleicht auch mal den einen oder anderen aus seiner Sofa-Lethargie reißen, dass er auch nach draußen geht und sich umschaut. Und wenn es „nur“ im Wäldchen am Stadtrand ist.

Natur erleben, Natur empfinden und sich (wieder) mit ihr anfreunden, sie mögen, sie zumindest in einigen Bereichen zu verstehen, sie respektieren und dann auch als schützenswert erachten.
Aber ich möchte, dass sie liebevoll mit solchen ganz besonderen Orten umgehen. Nur kann ich das nicht wissen… nur hoffen. Wie ein Idealist eben.

Natürlich weiß ich um das Dilemma.
Auf der einen Seite zeige ich zum Beispiel ein idyllische Plätzchen, einen spiegelglatten See mit Booten, ich genieße es, dort zu sein und erzähle darüber. Aber auf der anderen Seite sollte ich vielleicht niemandem verraten, wo das ist. Um die Idylle nicht der Gefahr der Zerstörung auszusetzen, „weil da, wo’s schön und einigermaßen leer ist, es auch schön und einigermaßen leer bleiben soll…“ (s. oben). Fair ist das nicht. Oder doch? Hat nicht jeder seine kleinen, verschwiegenen Lieblingsorte, Happy Places, da wo andere Leute nur stören?

HotSpots - psst. Nicht verraten, wo das aufegonmmen wurde. blauer See mit Booten.

Wie sehen Sie das?


Eine Liste aller Beiträge der Serie über Nachhaltigkeit und Verantwortlichkeit beim Bloggen samt Verlinkung finden Sie auf der Unterseite Die Serien dieser Seite im Überblick.


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2 Antworten

  1. Susanne sagt:

    Man muss ja nicht alles und jedem alles auf dem Silbertablett servieren. Ein bisschen Geheimnis hilft, damit sich auch andere sehenden Auges auf die Socken machen, um ihre Happy Places zu finden. Wenn Du das mit dem richtigen Maß an Information und Zurückhaltung erreichst, hast Du viel erreicht. Schön, dass Du Dir über all das Gedanken machst, das ist nicht selbstverständlich.

  2. Naya sagt:

    Ich finde das einigermaßen schräg, daß das bayrische Heimatministerium zu so etwas aufruft, wo doch deren eigene Nationalparks gerade dermaßen ein Problem mit verrückten Fotojägern haben (den Königsbach Wasserfall erwähnst du ja auch)

    Auf FB zeige ich auch sehr gerne Urlaubsfotos und dort und auf Strava Bilder, die beim Laufen, Wandern, … entstanden sind. Auch ich bevorzuge Fotos, die menschenleer sind oder möglichst wenig Menschen enthalten (dank Corona ist mir das dieses Jahr sogar im Park von Schloss Schönbrunn gelungen 😉 ), aber ich gehe dafür nicht irgendwo hin, wo ich der Natur schade. Etwas querfeldein kraxele ich bei mir in der Ecke meist nur einmal im Jahr bei der Müllsammelaktion, weil andere bei uns sich leider mitten in den Wald hocken zum Saufen (oder ihre Flaschen dahinwerfen, kA) – und der Anblick ist dann auch eher nicht einladend.
    Wenn man etwas abseits der Hauptwege unterwegs ist, findet man wie du schon schreibst auch ganz in der Nähe und nahe bei stark bevölkerten Ecken wunderbare ruhige und schöne Orte, die tolle Motive abgeben. Dafür muß man sich nur ein wenig bewegen … (aber bitte jeweils angemessen ausgerüstet und nicht mit Flip Flops in die Berge!)
    Auch wieder dank Corona und einem ausgefallenen Kurzurlaub habe ich bei mir in der Umgebung wunderbare Wanderwege im Moor entdeckt …

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