Summertime am Schliersee (Challenge 2019/9)

Nein, am Schliersee war ich bisher noch nie. Aber ich war auch noch nie in Neuschwanstein und auf der Herreninsel nur mit Besuch von Auswärts. Die touristischen Hotspots meiden viele Hiesige (wenn ich mich als Zugroasta nach zwanzig Jahren als solcher zählen darf) wegen der hohen Touri-Dichte wie der Teufel das Weihwasser. Aber welcher Berliner fährt schon zum Brandenburger Tor, welcher Hamburger schippert durch den Hafen, wenn nicht mit Besuch?

Natürlich tue ich damit dem Oberland unrecht. Der Schliersee ist zwar genauso aufgmaschelt wie der Tegernsee, die Balkons der Häuser sind geranienüberfrachtet, die Orte herusgeputzt, dass es an allen Ecken förmlich schuhplattelt, aber was tut man nicht alles für die Sommerfrischler?Panorama am Schliersee

Der Rubel muss rollen, der Dollar auch und Yen, Renmimbi, Won und Saudi-Riyal sowieso. Also wird alles ganz wunderbar hergerichtet, und dann fließen die Moneten. Zwar wohl mehr am Lago die Bonzo, aber auch Schliersee bekommt sein Scherflein ab. Was hingegen weniger rollt, das ist der Verkehr, der sich die B307 und damit durch die Ortschaften quält – einer der Gründe, warum ich die Seen im Oberland selten und ungern anfahre. Ich mag nämlich dieses Landstraßengeqäle nicht so. Ein anderer ist, dass die Seen in den Bergen bis in den Sommer von erstaunlicher Frische sind, was für mich angenehmes, wohltemperiertes Schwimmen nur im Hochsommer erlaubt, zumindest, wenn ich auf den Neo verzichte.
Da meine Challenge mir aber mindestens fünf neue Seen abnötigt und ich den Zirkel immer weiter ziehen muss auf der Suche nach Unbeschwommenem, kommt dieses Jahr auch der Schliersee ins Visier. Und wird besucht.
Das Wasser hat nach den heißen Juni-Tagen mittlerweile 23 °C, das will ich ausnutzen, lasse den Neo, wo er ist, zwänge mich lieber in den Shorty (mehr als Sonnenrandschutz) und starte am Strandbad Schliersee eine Runde, die sich schnell als höchst angenehm herausstellt.Schliersee Nordseite. Mit Ort

Wasser- und Lufttemperaturen stimmen, kaum ein Boot oder Board, auf das ich achten muss, ist unterwegs, kaum andere Schwimmer. Das Wasser weich und gut griffig, algen- und schwebstofffrei und nach einer kurzen Verkostung kann ich es als wohlschmeckend, keineswegs fischig, sumpfig oder tümpelig, aber mit einer Note Berqquellwasser im Abgang bezeichnen.
Nach Süden geht es, schräg über den See zur Insel Wörth. Die Insel ist ein beliebtes Ausflugsziel, der kleine Ausflugsdampfer legt dort ebenso an wie die Tret- und E-Boot-Kapitäne (es gibt sie also doch), Schlauchboothelden mit Biervorrat an Bord, Kanuten und Stehpaddler.

Bootanlegerschuppen auf der Insel

Auf der Insel befindet sich in höchst idyllischer Umgebung ein Wirtshaus.
Als Schwimmer (mit Shorty und Boje) spare ich mir und den Ausflüglern den Landgang, zu tief nagt an meinem Selbstbewusstsein die Gleichsetzung mit dem Ding aus dem Sumpf nach der Veröffentlichung eines Fotos von mir im heimischen Weiher auf Twitter.
Ich umrunde die Insel, schaue viel, mache ein paar Bilder und dann mich selbst wieder auf den Rückweg zum Ausgangspunkt. Im gehörigen Abstand fährt das Ausflugsschiff, dessen Route ich laut Karte mehrfach quere, vorbei.Ein Ausflugsboot umrundet mich

Auf dem Oberdeck brutzelt eine Festgesellschaft in der Sonne, während zwei stehende Leute, wohl ein Paar ohne Unterbrechung fröhlich vor malerischer, naturnaher Kulisse in die Kamera schaut. Wohl eine Hochzeitsgesellschaft, denke ich mir, die nach dem standesamtlichem Eheversprechen noch vor Mittagsmahl, Kaffee und Kuchen und abendlicher Weinstube, stilechte Bilder von sich anfertigen lassen will. Das alles ist nur eine Ahnung, das Boot ist zu weit weg, um Details, etwa die schweißübertönte Stirn des Bräutigams und die ähnliche Tropfensammlung oberhalb der Lippe der Braut in Augenschein nehmen zu können. Kann die beiden bitte mal einer abtupfen und kurz pudern, damit die Haut auf den Fotos hinterher nicht so schweineschwartig glänzt?
Während die schwitzen, kühle ich langsam, auf der Boje hängend und auf der Stelle treibend angenehm ab.

Naturnahe Kulisse Schliersee

Die Zeit, bis das Boot weit genug entfernt ist, vertreibe ich mir damit, es dem Fotografen gleich zu tun. Derweil an Deck Bild nach Bild entsteht, von denen jedes einzelne vorzeigbar sein wird, es sei denn, die Braut gefällt sich selbst nicht auf dem Foto oder die Schweißperlen wurden nicht weggefotoshopt (geiles Wort, oder?), werden auch im Wasser Megabyte nach Megabyte Bilddateien abgespeichert. Aber im Wasser werden Fotos geknipst, die einfach niemand sehen will, die ich auch niemandem zeigen werde, weil sie unscharf und fehlerhaft belichtet sind, durch einen Wassertropfen auf dem Objektiv idiotisch ausschauen, der Horizont so schief ist, dass der See in Minutenschelle ausläuft und die motivlich auch nur einen zeigen, der es langsam mal lassen könnte, in jedem neuen See Selfies zu machen. Aber vielleicht hat ohne ein solches und die Dokumentation in den sozialen Medien einschließlich dieses Blogs das Ereignis am Ende gar nicht stattgefunden?

I bims - i war a da

Da geht es mir wie dem Brautpaar. Ohne Fotos für die Instagram-Follower und die WhatsApp-Familiengruppe sind die vielleicht gar nicht verehelicht. Und ich war nicht im Oberland, nicht am und schon gar nicht im Schliersee, wer kann das wissen?

Das Schwimmen im Schliersee aber wird, weil bewiesen und dokumentiert die oberen Plätze im Ranking 2019 ganz gewaltig durcheinander wirbeln. Das weiß ich schon jetzt. So schee woar’s.
Auch ohne Jodeln, Trachtler und die berühmten Schlierseer Goaßlschnalzer.


Noch zu erledigen:

  • Fünf neue Seen: noch 2 / noch 1
  • Fünf Wiederentdeckungen: noch 3 / noch 2 / noch 1
  • Und außerdem: Jahressoll 480 km / ein fremdes Freibad / Ranking aktualisieren / Langbürgner See / Badehosen ausmisten / Ab in die Alz / Vollmond-Schwimmen / Goldene Stunde / 100km im Freiwasser / Herbstlaubschwimmen

Erledigt:


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