Auf „Heimaturlaub“ (#03): Im Freilichtmuseum

War es ein Dutzendmal, dass ich in Hagen im Freilichtmuseum war? Oder nur ein halbes Dutzendmal?
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen, das Museum aber kenne ich seit meinen Kindertagen. Und ich war immer gern dort. Der erste Besuch fand mit meiner Grundschulklasse statt. Tags drauf baute ich mit Lego ein Hammerwerk, das ich stolz mit in den Sachkundeunterricht brachte. Und seitdem immer wieder einmal.

Alte Gebäude im Hagener Freilichtmuseum

Wasserräder - Antrieb für Hammer

Alle paar Jahre – zumeist mit Besuch von außerhalb und immer neugierig, was es dort Neues gibt – fuhren wir ins Mäckingerbachtal.
Neue Gebäude, neue Werkstätten, neue Gewerke, die früher in der Region eine Rolle spielten und jetzt im Museum gezeigt werden – zum Teil auch live demonstriert. Wie sich das eben für ein Freilichtmuseum gehört.

Wagnerei von innen

Im Freilichtmuseum

Meine Frau schlägt vor, bei unserem Hagenbesuch ins Freilichtmuseum zu gehen – eine gute Idee. Es ist kühl, fast regnerisch, kolossal leer, was in Coronazeiten von Vorteil ist, denn in die Häuser darf man meist nur allein oder zu zweit. Auch Herantreten an die Werkstätten, in denen Museumsmitarbeiter vorführen, wie früher gearbeitet wurde, darf man auch maximal zu zweit. Aber es ist an diesem Freitagvormittag sowieso fast niemand da – und so schauen wir beim Nagelschmied zu, lernen viel über die Herstellung von Nägeln, noch mehr über die Herstellung von Hufnägeln, das Beschlagen von Reit- und Rückepferden. Nützliches und Unnützes – der Schmied ist froh, dass überhaupt einer da ist, zuschaut und zuhört, ein Redeschwall ergießt sich, der nicht enden will, und schließlich weiß ich nicht nur, dass man in der Eifel Hufschmiede aus Brüssel holen muss, dass ein Fachkräftemangel von 95% herrscht, alle Kapazitäten zum Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame nach Paris abgereist sind, geschmiedete Nägel aus Skandinavien nicht ausgeführt werden müssen, die Dombaumeisterin in Köln die Renovierungsarbeiten am Turm schrottig fand… und noch mehr.

In der Schmiede im Freilichtmuseum

Ja, es ist interessant. Jetzt weiß ich auch die Funktion der Blätter bei schmiedeeisernen Zäunen, das ist keineswegs nur Zier. Gehen Sie mal hin ins Museum und lassen Sie sich das erklären – aber bringen Sie genug Zeit mit. Denn das wird dauern…

Auch nicht neu ist, dass ich mir gleich im ersten Gebäude, das ich im Museum betrete und das einen alten Friseursalon zeigt, den Kopf an einem niedrigen Balken anhaue. Ja ich weiß, die Menschen waren früher kleiner, selbst in unserem eigenen Haus, das etwa aus dem Jahr 1864 stammt, sind die Decken etwas niedriger als anderswo.

Das ist aber kein Grund, dass mir wildfremde Leute, die den Vorfall etwas amüsiert beobachten, kluge Ratschläge geben und mich belehren, den Kopf einzuziehen. Ich beschließe, diese Museumsbesucher fortan aus tiefstem Herzen zu verachten und zu vermeiden, dass sie mir sonst noch einmal wo über den Weg laufen.

Schild beim Friseur

Hoch interessant ist es, den Goldschmied zu besuchen, die Drahtzieherei, Seilerei, Schellenschmiede, Bäckerei mit herrlichem Brot mit Rosinen, den Krämerladen, Messingstampfe, die Druckerei, Blaufärberei und… und… und…
Die Zeit reicht nicht für alles – und vieles habe ich dann doch schon so oft gesehen, dass es mich nicht mehr interessiert: Papierschöpfen zum Beispiel. Sehr gerne wieder beim nächsten Mal.

Im Freilichtmuseum

Die Zigarrenmacherin ist nicht da, sie ist in der Pause. Das macht nichts. Ich war schon oft im gelben Fachwerkhaus und habe bei den Vorführungen zugeschaut. Ich weiß, wie Zigarren im Ostwestfälischen gemacht wurden – ganz sicher nicht gerollt auf den nackten Schenkeln einer siebzehnjährigen Kubanerin, wie früher oft spätpubertierend schwadroniert wurde. Und mit dem Bild der feurigen Carmen, die ja in Bizets gleichnamiger Oper auch in einer Zigarrenfabrik arbeitet, hat das Ganze noch viel weniger zu tun. Und will ich mir das zerstören lassen? Nein, natürlich nicht. Na, sehen Sie.

Im Freilichtmuseum - Tabakfabrik

Ein Rosinenbrot vom Bäcker ist ein Muss, wir verzehren es bei kaltem scharfem Wind auf dem Platz des oberen „Dorfes“. Dann geht es weiter.

Im Freilichtmuseum

Der Goldschmied nebenan ist in seiner Werkstatt. Er empfängt uns mit den Worten, was für ein unnützer Beruf Goldschmied eigentlich sei. Es entwickelt sich ein Gespräch, dass das ja im Prinzip für die meisten Berufe gelte. Was ist schon systemrelevant (um ein Schlagwort aus der Coronazeit zu benutzen)?
Er erklärt uns, dass Schmuck eine denkbar schlechte Wertanlage ist, der Wiederverkaufswert sei einfach zu gering. Wenn schon Gold, dann in Münzen oder Barren – ja, das ginge. Sagt sich leicht. Ist aber nicht so.

Nebenan ist hingegen wieder niemand da, der uns das Schnapsbrennen erklärt, aber auch das kenne ich – zumindest in der Theorie.

Brennerei im Museum

Fehlt was?
Seit Jahr und Tag endet jeder Besuch damit, dass ich in Gedanken alte Gewerke durchgehe, die man noch im Freilichtmuseum zeigen könnte. Viele fallen mir allerdings nicht mehr ein… zumindest keine, die im Sauerland eine zentrale Rolle gespielt hätten.
Der Ausflug endet im Museumshop. Ein paar Bücher wechseln den Besitzer, werden mein, dazu eine handgeschmiedete Pflanzstange. Mit Blatt, denn das ist ja eine weit größere Bedeutung, als nur schön dekorativ zu sein.

Im Freilichtmuseum

Und noch etwas nehme ich mit: Wissen, das bestens zum Klugscheißern geeignet ist.
Wenn ich mal wieder etwas über einen Streit über Kuhglocken lese, die vor Gericht endet, was ja in meiner bayerischen Wahlheimat immer wieder passiert, freue ich mich schon, besserwisserisch in die Diskussionen in den sozialen Medien eingreifen zu können, dir wenigsten Kühe tragen echte Glocken. Große Glocken werden nämlich gegossen, eine solche würde der Kuh wohl eher das Genick brechen. Sie tragen aus Blech gestanzte, geschmiedete und geschweißte Schellen – ein erheblicher Unterschied in Material und Fertigung.
Sehen Sie?
Wieder was gelernt. Für’s Leben.

Im Freilichtmuseum

Auf „Heimaturlaub“ in Hagen (#01): Rund um die Hasper Talsperre(#02): Auf der Hohensyburg(#03): Im Freilichtmuseum


Vielen Dank fürs Lesen.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, dann freue ich mich, wenn Sie ihn Ihren Freunden weiterempfehlen – z.B. über Facebook, Twitter, in Internetforen, Facebookgruppen o.ä.
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zu diesem Beitrag? Dann nutzen Sie bitte das Kommentarfeld.
Gern dürfen Sie meine Artikel auch verlinken.

Wenn Sie mehr von mir und meiner grantigen Stimmungslage lesen wollen, dann empfehle ich dieses Buch: Renate und das Dienstagsarschloch , das Sie in meinem Web-Shop aber auch in jeder stationären Buchhandlung bestellen können. Klicken Sie auf die Cover-Abbildung um mehr Informationen zu erhalten und in den Web-Shop zu gelangen.
Mehr von meinen Schwimmerlebnissen in Frei- und Hallenbädern, in Seen, Weihern, Flüssen und im Meer finden Sie in meinem Buch Bahn frei – Runter vom Sofa, rein ins Wasser , das Sie ebenfalls in meinem Web-Shop aber auch in jeder stationären Buchhandlung bestellen können.

Diesen Beitrag weiterempfehlen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.