Tagebuch zu dem Fotoprojekt „Vielleicht“ (#04): Zum Ziel kommen

Tagebuch zu dem Fotoprojekt „Vielleicht“ (#01): Es geht los.
Tagebuch zu dem Fotoprojekt „Vielleicht“ (#02): Brainstorming und Begriffsklärung
Tagebuch zu dem Fotoprojekt „Vielleicht“ (#03): Erste Ideen
Tagebuch zu dem Fotoprojekt „Vielleicht“ (#04): Zum Ziel kommen

Es wird allerhöchste Zeit, beim Fotoprojekt Vielleicht der Düsseldorfer Fotoschule Drittregel, zum Ziel zu kommen.

Schnell war klar, dass ich mich auf die perspektivische Interpretation des Vielleichts stürzen werde. Vielleicht mit der Perspektive dessen, was kommen könnte, was kommen sollte, die Hoffnung, die Wünsche – nicht meine allerdings sondern irgendwelche.
Damit war die Wegrichtung klar.
Dass dabei Geld, Reichtum, Karriere die gemeinsame Klammer bilden, und das erschreckt mich schon ein wenig. Die Bilder, die in dieser Serie stehen, verbindet die Frage nach dem Geld. Es zu haben, es nicht zu haben, es sich zu ersehnen. Bin ich so materialistisch oder spielt Geld eine solch große Rolle für mich?

Nein – ich denke nicht, dass das so ist. Es ergab sich einfach so, weil ich auf die allererste Idee, die eigentlich nur als Ironie gedacht war „Vielleicht… werde ich ja morgen schon Millionär“ immer wieder zurückkam. Es war ein erster Beitrag in der bereits erwähnten Facebook-Gruppe, es gab eine Menge sehr positiver Reaktionen später bei einem Zoom-Meeting darauf, warum also nicht den Faden weiterspinnen?
Manchmal, wenn auch selten, ist die erste Idee, die ich habe, doch die geeignetste. In diesem Fall war das wohl so. Nun sollte daraus nicht etwa eine homogene Serie oder gar eine Bildergeschichte werden, so nach dem Motto: Bild 1 der unausgefüllte, Bild 2 der ausgefüllte Lottoschein… und so weiter. Der Abschluss wäre dann wohl der zerrissene oder zerknüllte Zettel. Das wäre mir dann doch zu platt vorgekommen, nur noch zu überbieten durch ein Foto von einem Herrn im eleganten Anzug mit Geldköfferchen an der Tür oder wie bei der Fernsehwerbung Kai Pflaume mit Blumenstrauß. Wie albern…

Nach ein paar weiteren Anläufen, Haken und Sackgassen, zog ich für ein anderes Projekt in München mit der Kamera durch die Fußgängerzone. Völlig offen, was ich alles fotografieren wollte, nur eben unter anderem eben auch ein wenig Street Photography. Schnell gerieten Straßenmusiker, Obdachlose und Bettler, wie man sie rings um die Heiliggeist-Kirche oft sehen kann, in mein Blickfeld und einige auch in digitaler Form auf meine Speicherkarte.
Noch immer hatte ich nicht die Absicht, ein dabei gemachtes Bild in die Serie mit aufzunehmen, denn ich hatte noch gar nicht entschieden, aus was sich diese zusammensetzen würde und was ihre verbindende Klammer sein würde. Ursprünglich wollte ich diese Bilder in einen anderen Kontext setzen – in den Kontrast zum mondänen Teil der Stadt, zu Luxusgeschäften und -fahrzeugen, wie sie auch das Bild der Innenstadt prägen. Denn sie mit Menschen am anderen Ende der sozialen Leiter zu kontrastieren hätte bedeutet, diese Leute auch fotografieren zu müssen. Die Reichen und Schönen, die Geldigen. Und genau das wollte ich nicht. Abgesehen von der rechtlichen Bedenken, die sich natürlich auch für die Armen stellen, habe ich ein ganz anderes Problem: Bei Street Photography möchte ich Sympathie mit den abgebildeten Personen haben und sie in ihrer Würde darstellen, sie nicht vorführen, bloß stellen, mich über sie lustig machen. Weil ich Achtung und Respekt vor ihnen habe. Das funktioniert bei den Geldigen aber nicht, vielleicht, weil es in vielen Fällen an der Achtung fehlt.

Doch plötzlich war da diese Nähe zum Bild vom Lottoschein, das ich ganz am Anfang gemacht habe. Das könnte doch auch eine Serie werden. Warum nicht?

Vielleicht dachte ich vorher zu formal – Bilder gleichen Sujets und Genres, identisch oder zumindest ähnlich in Perspektive, Bildaufbau oder Farbwelt. Das aber erwies sich für mich als falsch, als einengend.
Andererseits:
Ein Bettler und ein Lottoschein – was haben die schon groß gemeinsam?
Die Sehnsucht, der Wunsch nach Geld. So profan. Vielleicht sogar so materialistisch. So nachvollziehbar. So weit verbreitet.
Dagegen die Frage: Brauch ich das? Will ich das? Mach ich mich davon abhängig in meinem Denken und Handeln? In meiner Kreativität?

So entwickelte sich hier eine Wegrichtung, die ich weitergehen wollte. Das Ergebnis sehen Sie hier – und wieder ist ein Ecce Homo Foto mit dabei. Der Blick auf den Menschen, der ganz unten angekommen ist. Aber auch zumindest symbolhaft der Blick auf den Menschen, der ganz oben angekommen ist, stellvertretend dafür die Felge eines Fahrzeugs, dass über 300.000 € kostet und für den Inbegriff an Luxus schlechthin steht. Und dann gibt es ganz viel dazwischen: Fotos von Menschen, denen das alles irgendwie egal zu sein scheint. Vielleicht sind sie in diesem Augenblick zumindest die Zufriedeneren?
VIELLEICHT ist das ja das Ziel?

1. Vielleicht…  Motiv 1

2. Vielleicht… Motiv 2

3. Vielleicht… Motiv 3

4. Vielleicht… Motiv 4

5. Vielleicht… Motiv 5

6. Vielleicht… Motiv 6

7. Vielleicht… Motiv 7

8. Vielleicht… Motiv 8

9. Vielleicht… Motiv 9

10. Vielleicht… Motiv 10

Jetzt muss nur noch eine Entscheidung fallen, welche sechs Bilder final mit im Projekt sind und welche vier im Raster hängen bleiben.
Verloren sind sie trotzdem nicht.


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2 Antworten

  1. Gute Bilder machen Bilder. Ich meine: Gute Bilder regen dazu an, dass im Kopf des Betrachters neue Bilder entstehen. Das genau haben deine guten Bilder gerade in meinem wirren Kopf gemacht. Dein erstes Bild ist natürlich technisch sehr gut gemacht, aber es ist auch motivisch sehr naheliegend. Vielleicht klappt es im Lotto. Klar. Ein einfacher Gedanke. Einfach und stark. Der „Bettler“ auf der Straße. Vielleicht wirft jemand was in den Korb. Schon besser. Und schon entsteht in meinem Kopf eine Bilderserie: Statt der Tür zur Geschäftsführung die Tür zur Personalabteilung, also zum Gehaltsgespräch. Der Eingang zur Münchner Börse. Zum Auktionshaus. Das sechste Motiv aber ist das Beste: Der Zwetschgenmann im Tiefschlaf. Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf. So möge es sein. Im Ernst: tolle Bilder, lieber Lutz. Jetzt werde ich MEINE Bilder nicht mehr los im Kopf. Dabei muss ich doch noch arbeiten … Das hasste wieder sauber hingekriegt … 😉

    • Lutz Prauser sagt:

      Danke Michael für das große Kompliment. Das ehrt mich sehr.
      Wenn Bilder Emotionen auslösen und sich andere Bilder im Kopf der Betrachter entwickeln, ist wohl das erreicht, was man sich hinter der Kamera erhofft hat.
      Und nachdem Du mir ja vor Kurzem einen Langzeit-Ohrwurm verpasst hast, freut es mich umso mehr, nun ein wenig Speicherplatz in Deinem Kopf in Beschlag zu nehmen.

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