Writer’s Life – Glücksmomente bei der Recherche

…und dann wäre da noch das Buchprojekt, das viel zu lange schon liegt, das Generationen umspannende Buch, die Chronik einer Familie (nicht meiner), die ich dringend um Abschluss bringen möchte. Mittlerweile wurde das Manuskript von mehreren Menschen gelesen, die Reaktionen darauf waren sehr ermutigend. Das jüngste Feedback einer sehr aufmerksamen Leserin wird noch einmal ein paar Schliffe notwendig machen, dann geht es in die Korrekturphase. So war der Plan. Und dann das:

Kollege Zufall spielte mir in Form eines Beitrags im Bayerischen Rundfunk zwei Historiker der Ludwig-Maximilians-Universität ins Radio, die einen spannenden Podcast betreiben. Beim Hören bin ich über den Empfehlungsalgorithmus von Spotify auf einen anderen Podcast gestoßen, den Nilz Bockelberg, Maria Lorenz und als Frontman Bernie Mayer für Antenne Bayern produziert haben: Dunkle Heimat.

In acht Folgen hat sich das Podcast-Team sehr intensiv mit dem Mordfall von Hinterkaifeck beschäftigt, der auch hier im Blog schon Thema war und der in dem Buchprojekt eine Randepisode darstellt.
Ich kann nicht verhehlen, dass ich den Podcast mit großer Begeisterung gehört habe, denn dieser Sechsfachmord und die ganzen ihn umgebenden Unstimmigkeiten, Geheimnisse, das komplette Chaos bei den Ermittlungen und vor allem das Düstere, Abgründige haben mich in den Bann gezogen, seit ich das erste Mal davon gehört habe.Die Morde wurden nie aufgeklärt. Gerüchte und Hypothesen ranken sich um den Fall, Theorien und Spekulationen. Es gibt eine Fülle an Büchern, Filmen, Dokumentationen und Internetseiten, sogar Führungen und organisierte Spaziergänge vor Ort. Und das, obwohl der Mord mittlerweile 100 Jahre zurück liegt. Noch immer gibt es die immense Sehnsucht derer, die sich damit beschäftigen, eine Lösung zu finden für das Unbegreifliche, eine Erklärung, in der auch wirklich alles passt. Hundert Jahre danach ist das aber wohl nur noch ein frommer Wunsch. Egal, wie man es dreht und wendet, welcher Spekulation man sich anschließt: Immer bleiben Ungereimtheiten, Fragen.

Glücksmomente

Elektrisiert hat mich im Podcast das Interview mit Jasmin Kaptur, der verantwortlichen Betreiberin der Webseite Hinterkaifeck.net. Denn sie erzählt, es gäbe über hundert dokumentierte Fälle von Männern, die verdächtigt oder angezeigt wurden, mit der Tat in Zusammenhang zu stehen. Größtenteils geschah das als Folge irgendeinen Wirtshausgeredes und von Menschen, die begierig waren, die Belohnung abzustauben. Und von Leuten, die skrupellos genug waren, wildfremde Menschen hinzuhängen, was durchaus wörtlich gemeint ist, denn auf den überführten Mörder hätte die Todesstrafe gewartet.
Für mich klang das Interview so, als hätte Kaptur eine Namensliste oder zumindest einen Überblick darüber, wer damals alles zu den Verdächtigen zählte. Und schon war ich mitten in „meiner Story“.
Eine Mail war schnell geschrieben: „Wissen Sie von einem Brüderpaar Georg und Franz F., die zu Unrecht verdächtigt und anschließend wieder freigelassen wurden? Ist das dokumentiert?“
Jasmin Kaptur antwortete noch am gleichen Tag: „Ja“, schrieb si und verwies mich per Link auf ein Dokument von 1926. Der Neuburger Staatsanwalt Richard Pielmayer fertigte damals eine Zusammenstellung der Fakten im Fall Hinterkaifeck, an. Hier steht tatsächlich, was ich wissen will.:

„Der Händler Georg Seidl von Achdorf, eine vielfach vorbestrafte Persönlichkeit, ein pathologischer Lügner, lenke den Verdacht auf die Händler Georg und Franz Fuchsbaumer von Landshut. Die Erhebungen ergaben die völlige Grundlosigkeit dieser Beschuldigung und führten dazu, dass Seidl wegen falscher Anschuldigung zur Gefängnisstrafe von 3 Monaten verurteilt wurde, die er z. Zt. in der Strafanstalt Laufen verbüßt; Strafende 26.11.26. …
Auf Seidls Angaben ist auch in Berlin gegen einen gewissen Schuhmann ein Strafverfahren anhängig geworden, zu welchem von der Staatsanwaltschaft Berlin die Akten gegen Seidl wegen falscher Anschuldigung erholt wurden. Vermutlich handelt es sich auch hier wieder um eine falsche Anschuldigung…
Seidl wurde seinerzeit mit Rücksicht auf seine ungeheuerlichen Mordanzeigen auf Veranlassung der Staatsanwaltschaft Landshut auf seinen Geisteszustand untersucht und für zurechnungsfähig erklärt. Nun haben seine Angaben aber noch vor kurzem eine gewisse Bestätigung durch Mitteilung von anderer Seite erfahren.“

Zitat aus dem Dokument in Ausschnitten.

Das ist unfassbar, das ist einer der Glücksmomente, die man verspürt, wenn man etwas unglaublich Wertvolles gefunden hat. Denn die Notizen des Staatsanwaltes passen zu 100% zu dem, was ich bisher nur vom Erzählen her kannte. Auch wenn der Nachname nicht ganz richtig übertragen wurde, vielleicht ein Abschreibefehler, deckt es sich vollkommen mit der von mir mittlerweile verschriftlichten und als Roman adaptierten Chronik.
Da sind sie wieder, die Brüder Georg und Franz, von denen der Eine, Georg, in meinem Buch eine wichtige Rolle einnimmt.
Dazu der Hinweis auf Landshut, in denen die Brüder lebten, Georg seine Frau fand und eine Familie gründete. Dazu der Hinweis auf den Verleumder Seidl, der aus Achdorf stammt (heute auch ein Teil Landshuts), die falschen Bezichtigungen, nur um die Belohnung einzustreichen – es passt einfach alles. So kenne ich die Geschichte. Heureka!

Für mich ist das genau das, was den ganzen Profis wie auch den Hobby- und Freizeitkriminologen im Fall versagt geblieben ist: Das letzte fehlende Puzzleteil, welches eine oft in der Familie meiner Frau erzählte Anekdote als wahr untermauert. Nicht, dass irgendwer daran je gezweifelt hätte, aber Pielmayers Bericht, den ich unbedingt noch in das Manuskript einflechten muss, ist für mich quasi die Kirsche auf der Sahnehaube auf dem Tortenstück.
Und er verschafft, zumal er öffentlich einsehbar ist, der Chronik eine weitere Stufe der Glaubwürdigkeit. Mitnichten wurde dort alles, was historisch greifbar war, dem Handlungsverlauf einfach hinzugefügt, um es historisch greifbarer, spannender und glaubwürdiger zu machen. Der Mord von Hinterkaifeck, auch wenn er für meinen Roman keine Rolle spielt, hat damals den Brüdern doch einige Tage Haft eingebracht, bis ihre Unschuld erwiesen war. Und auch das gilt es zu erzählen. Nicht, weil es so gut passt, weil ich mich da an eine Begebenheit anhängen will, sondern weil es tatsächlich so war – das hat Staatsanwalt Pielmayer im Oktober 1926 schriftlich niedergelegt. Daran gibt es nichts zu rütteln.

Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem ich weiß: Es geht an die Finalisierung des Romans. Mehr kann nun nicht mehr kommen, vor allem nichts Besseres.
Dieses Buch soll dieses Jahr noch fertig werden.
Was heißt „Soll?“
Es muss einfach.
Ich habe viel zu lange gezögert.


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