Im Thüringer Nationalpark Hainich. Über allen Gipfeln ist Ruh…

…oder auch nicht. Es wird geschnattert, geratscht, gequatscht, geplaudert. Von Ruh keine Spur.
Das ist der erste Eindruck, als ich auf dem Aussichtsturm auf dem Baumkronenpfad 40 Meter über dem Erdboden stehe.  Die Tragik dieser touristischen Highlights liegt nicht am Ort selbst sondern an den Touristen. Also auch an mir. Statt still und ergriffen den Blick in die Ferne schweifen zu lassen, wird alles und jedes kommentiert. Fast, wie im Zoo.

Über allen Gipfen im Hainich Nationalpark - Ruh ist nicht

Doch von vorne.

Den Herbst 2020 verbringen wir schön brav daheim statt auf große Reisen zu gehen, nach ein paar Tagen im westfälischen Hagen drängt es uns ostwärts. Solle mir niemand sagen, als Wessi interessiere man sich nicht für die neuen Bundesländer, die nach 30 Jahren auch nicht mehr so neu sind sondern mancherorts einen ziemlich gebrauchten Eindruck machen.  Unser Ziel ist in Thüringen. Jeder aufrechte Lutheraner muss einmal auf der Wartburg gewesen sein – jeder aufrechte Katholik auch. Die einen verehren dort den als Junker Jörg getarnten Dr. Martinus, die anderen die heilige Elisabeth von Thüringen. Jeder nach seiner Fasson.Wartburg bei Eisenach

Am Folgetag geht es in den Nationalpark Hainich, ein wunderschönes Stück Landschaft und einer der größten zusammenhängenden Rotbuchenwälder, die Deutschland zu bieten hat – das hat man uns im Vorjahr zwar auf Rügen auch erzählt, aber jeder Wald ist anders und will entdeckt werden. Hiwneisschild Nationalpark HainichTouristischer Höhepunkt ist hier zweifelsohne der Baumkronenpfad in der Nähe von Craula. Ich bin skeptisch. Bretter und Geländer 30 Meter über dem Erdboden, das kommt meiner ausgeprägten Höhenangst nicht gerade zu pass, das ist eine besondere Form der Nahtoderfahrung. Da soll ich hoch? Echt jetzt?

Baumkronenpfad von untenUnd da in Todesangst befindliche Menschen sich gelegentlich vor Angst in die Hose machen, möchte ich mir diese Würdelosigkeit eben ersparen. Aber es hilft nichts – ein Blick auf die anderen Besucher und ich denke mir, wenn die sich da hoch wälzen, dann mach ich das auch. Obwohl ich den Elementen nach kein Erd- und schon gar kein Luftmensch sondern ein Wassermann bin.
Aber ich bleibe skeptisch, frage an der Kasse, wie oft schon Menschen in die Tiefe gestürzt sind, bekomme ein irritiertes „Noch nie!“ zur Antwort und raune meiner Frau zu, dass uns da ganz sicher was verschwiegen wird.Aussichtsturm - über en Gipfeln - Ruh
Ich komme nicht mehr raus aus der Nummer und muss rauf auf den Pfad, der kinderwagen- und rollstuhlgerecht ist. Er ist stabil und nicht nur eine wackelige handgeknotete Hängebrücke oder ein Lochgitter zu meinen Füßen. Alles ist ohne weitere bauliche Bedenklichkeiten für mich Bangebüx betretbar. Nur die Lochblechtreppe außen am Turm ist arg. Aber dort herrscht wegen der Enge und etwaiger entgegenkommender Absteiger oder Emporkömmlinge Maskenpflicht, ein paar mal hart ausgeatmet, dann ist die Brille so beschlagen, dass ich sowieso nichts mehr sehe.
Ich wage sogar einen Blick über das Geländer hinunter. Das nenne ich mutig. Wäre Wasser unter mir – egal. Da kann man eintauchen, wenn es schlagartig nach unten gehen sollte. Auf der Erde zerschmettert es einen. Das will bedacht sein.
Über den Gipfeln in Ruh
Aber ich bin begeistert von all dem, was es zu sehen gibt und endlich kann ich mal in Augenhöhe mit der Eichel einer uralten doitschen Eiche begeben. Perfekt für einen Altherrenwitz. Wo bekommt man das sonst geboten?

Die doitsche Eichel

Bäume im Wald

Dann geht es auf den Turm.

231 Stufen bis zur Ruh

Nach 231 Stufen bin ich auf 40 Meter über dem Waldboden auf der stabilen Plattform – eben dort, wo auch mehrere andere Menschen ihr Unwesen durch ihre pure Anwesenheit und ihr Geschwafel treiben. Die Aussicht aber ist gigantisch. Wald, Wald, Wald. Über allen Gipfeln. Nur eben keine Ruh.

Baumkronenpfad von oben

Vorher und nachher wandern wir unter allen Gipfeln wir zwei Runden, einmal direkt vom Infozentrum aus und einmal vom Craulaer Kreuz, das zu finden mir sehr gelegen kommt. Denn ich muss/soll doch in genau dieser Woche bei der Twitteraktion #JedeWocheeinFoto etwas fotografieren, was in der Natur verloren ging. Und das Originalkreuz ist tatsächlich mehrmals verloren gegangen, das letzte Mal unauffindlich, weshalb man uns an gleicher Stelle eine Replik zeigt. Na bitte: Passt doch.

Craulaer Kreuz

Zuvor hatte ich bereits einen Gemarkungsstein aus dem Jahr 1747 gefunden, auch er wäre ein gutes Motiv für das Wochenthema gewesen. Aber das Kreuz, das gar keines ist, ist besser.
Gemarkungsstein von 1747 Ruh

Zwischen beiden Wanderungen erlauben wir uns eine Einkehr im Forsthaus Thiemsburg. Das bietet die Gelegenheit, nach grenzwertigem Service-Gekreische über Food Porn zu sinnieren. Und über die Qualität in so manchem Gastro-Service. Aber das ist ein anderes Thema.

Buchenwald
Wieder zurück im Wald geht es zwischen jungen Buchen und einigen uralten Artgenossen umher, die Bäume (oder sind es Ents?) scheinen Augen zu haben. Erstaunlich still ist es, kaum Zivilisationslärm, nur ein fernes Knattern eines Motorrads, kein Rauschen des Windes, kaum noch Gezwitscher von Vögeln oder das Rascheln von Tieren im Laub. Nur unsere Schritte – unter strenger baumbart’scher Beobachtung. Ich möchte stehen bleiben und warten. Wer hat länger Geduld? Ich mit dem Beobachten oder der Ent, bis er zwinkert.

Auge des Ents - Ruh

Und es pilzt auch hier gewaltig.
Pilze
Der Weg durch den Rotbuchenwald wird mit einem Mal durchbrochen durch einen heideartigen Streifen, der nun seinerseits von einer rund 25 Köpfe zählenden Gruppe samt Führer durchstreift wird.  Selbiger belehrt die wissenshungrige Meute, was ich per se für lobenswert halte. Sofern das andernorts passiert.

Heidelandschaft
Das sind dann aber auch die einzigen Menschen, die uns im Naturpark Hainich begegnen.
So mag ich es am liebsten.
Und wenn es doch wieder zu voll und damit zu laut wird und die Massen eventuell zu undiszipliniert werden und die vorgegebenen Wege verlassten, hat der Eigentümer des Waldes bereits Vorsorge getroffen:

Warnschild

Zack! Bumm! Und dann ist Ruh. Über und unter den Gipfeln.

 


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1 Antwort

  1. Smamap sagt:

    Kenn ich. War letztes Jahr auch mal auf so einem Baumpfad. Wo auch immer das war. Und dann froh, wieder unten zu sein. Ein Hoch der Höhenangst

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