Friedhofsspaziergang: Strenge Geometrie in Riem

Muss man über die Funktion und die Bedeutung von Friedhöfen viele Worte verlieren?
Vermutlich nicht.
Es sei denn, man – also ich – spräche hier von der persönlichen Bedeutung und damit meine ich jetzt nicht, Friedhöfe als Orte der Erinnerung an die Gestorbenen aus der eigenen Familie oder dem Freundeskreis. Ich meine das ganz allgemein, denn ich finde Friedhöfe ungemein spannend und inspirierend. Kaum eine Stadt, die wir besuchen, in der wir nicht einen Abstecher zu einem Friedhof machen und dort zwischen den Gräbern spazieren gehen.
Manchmal treibt uns die Neugier auch an die Gräber Prominenter, manchmal ist es eine besondere Geschichte, manchmal einfach nur die Schönheit der Anlage.
Eine Ausnahme bildet der Neue Friedhof in Riem. Seit wir vor über 20 Jahren in ein Dorf östlich von München gezogen sind, hat mich mein Weg als Berufspendler immer wieder mal an diesem Friedhof vorbei geführt. Und immer wieder war ich fasziniert von der Architektur des Eingangsbereichs, der Aufbahrungshalle – überhaupt, dem gesamten Gebäude-Ensemble. Anhalten wollte ich schon oft – einfach mal schauen. Vielleicht ein paar Fotos machen, wofür auch immer.

Moderne Architektur - der neue Friedhof in Riem

Geschafft habe ich es erst jetzt, an einem stürmischen Wintertag im Jahr 2021. Der Wind peitscht die Wolken vor sich her, immer wieder bricht die Sonne durch und kurz darauf graupelt es wieder. Ein perfektes Wetter, um dramatische Stimmungen in Bildern einzufangen. Ich nutze die Gelegenheit, habe die Kamera dabei und genug Zeit.

Jetzt also gilt’s.

Ein paar kurze Internet-Recherchen sind schnell gemacht: Zu meiner großen Überraschung lerne ich, dass der Friedhof erst 1999-2000 errichtet wurde, das Gebäude stammt von den Architekten Andreas Meck und Stephan Köppel. 2001 wurden die beiden dafür mit dem Bayern-Preis des Bundes Deutscher Architekten ausgezeichnet. Zu Recht.

Aussegnungshalle in Riem - Beton, Bruchstein, Eichenholz

Warum bin ich überrascht? Diese strenge Geometrie ausschließlich rechter Winkel, dazu der Mix aus Bruchstein (Gneis), hell gestrichenem Beton, Eichenholz, Stahl und Glas – das alles erinnert an die ultramodernen Bungalows der 50er und 60er des vorangegangenen Jahrhunderts, auch wenn der Zweck dieses Gebäude natürlich ein ganz anderer ist. Es sind viele Anklänge an diese modernistische Epoche, zu finden.

Strenge Formen in Riem

Vor allem hat es mir der Glockenturm angetan, als die Sonne durch die Wolken hindurchkommt. Eine ganze Serie brutaler, kontrastreicher Gegenlichtfotos entsteht, der an sich weiße Turm sieht schwarz aus. Der Amateurfotograf in mir jubelt. Der Abstecher hat sich gelohnt. Die Bilder sind bereit, mit Symbolik aufgeladen zu werden – auch wenn dies beim Fotografieren nicht beabsichtigt war. Es ging nur um Licht und Schatten, Gegenlicht und Kontraste.

Der Glockenturm im Gegenlicht. Die Sonne bricht sich den Weg. Riem

Lesenswertes über die Architektur und das Konzept des Friedhofs bietet die Stadt München auf ihrer Website an, das muss ich an dieser Stelle nicht abschreiben und wiederholen.
Ich beschränke mich hier darauf, meine (fotografischen) Eindrücke des Gebäudes und des Friedhofs mitzuteilen. Eine kleine Bilderauswahl von über 100 Fotos, die innerhalb kürzester Zeit entstanden, veranschaulicht am besten, wie sehr mich dieses Gebäude begeistert.

Innenhof des Friedhofgebäudes Riem

Selbst der Unterstand für die Fahrzeuge der Friedhofsgärtner sieht aus, als sei er ein ganz besonderes Designobjekt. Aber das ist er ja auch:

Unterstand für den Fuhrpark

Und das Gräberfeld?

Eine Schar Krähen kreist über dem Gelände, lässt sich in den Bäumen und auf den Wiesen nieder, fliegt aber immer wieder laut krächzend auf, wenn Spaziergänger oder Friedhofsbesucher sie bei der Futtersuche stören und ihnen zu nahe kommt. Irgendwie passend, auch wenn Raben eigentlich die Totenvögel sind und nicht ihre kleineren Verwandten, die Krähen.

Krähe über den Gräbern in Riem

Der letzte Weg, der durch die Gräberfelder führt, verläuft im Zickzack – mitnichten gerade. Da die nördlichen Gräberfelder noch nicht genutzt werden, sind die Pforten noch verschlossen. Der letzte Weg ist also (noch) nicht begehbar. Wie tröstlich.

Von Grabfeld zu Grabfeld, die alle durch Bruchsteinmauern begrenzt sind, läuft er auf einen Aussichtssteg zu. Eine verstörend schräge Treppe führt zu dem Steg hinauf.

Der Steg wiederum mutet seltsam an, am nördlichen Ende des Parks wurde ein Betonweg samt Brüstung angelegt, darüber ein Turm, der einen Blick auf die Autobahn München–Passau gewährt, längst zum Opfer von Sprayern geworden und relativ vermüllt ist. Ich hoffe nicht, dass der Endpunkt meines persönlichen letzten Weges so trostlos sein wird.

Zwischen den Grabfeldern führen Spazierwege auf den Magerwiesen hinaus in die Messe- und Trabantenstadt Riem. Die Mauern sind auf ihren Außenseiten zu Wällen aufgeschüttet, eigenartig mutet es an. Von außen sind die Gräberfelder in ihrer Funktion kaum zu erkennen, von innen sehen sie ziemlich genauso aus wie auf allen Friedhöfen im neueren Teil. Schwere Tore versperren den Zugang zu den noch leeren Felder bzw. halten nach Schließung die Spaziergänger in dieser Parklandschaft von den Gräbern fern.

Schwere Tore versperren den Zugang

Einsetzender Regen treibt mich zum Auto zurück – ich werde wiederkommen und einen genaueren Blick auf die Grabstellen richten. Es scheint hier zwischen sehr konventionellen Grabsteinen und -kreuzen auch allerlei Interessantes, Kitschiges, Rührendes, Überambitioniertes und Außergewöhnliches zu geben, das von mir zu einem späteren Zeitpunkt entdeckt werden will.

Ich bin nicht ganz undankbar darüber – so reizvoll es ist, auf Friedhöfen zu fotografieren, ich habe immer Probleme damit. Es fühlt sich einfach falsch an, so, als sei man neugierig, voyeuristisch und würde unbefugt Privatsphären anderer herumstochern.

Geschmiedetes Grabkreuz mit Vögeln, Trauben und einem Weinblatt

Noch sind längst nicht alle der 3.700 Grabstellen belegt, die Stadt hat in die Zukunft geplant, denn unweit des Friedhofs ist nach dem Umzug des Münchner Flughafens 1992 zunächst die Messe gebaut und mittlerweile ein neues Stadtviertel für über 16.000 Menschen entstanden.
Und auch die müssen irgendwann ja mal alle unter die Erde…

Die Spitze des Glockenturms gegen die Sonne fotografiert


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4 Antworten

  1. manni sagt:

    Hallo ! Ich mache um Friedhöfe eigentlich immer einen großen Bogen herum ! Ich habe einmal einen besucht ( sehr sehr alter Friedhof ) der hat mich schon ein wenig fasziniert ! Aber hier sieht man ganz deutlich wie unterschiedlich die Interessen sind. Ich schreibe jetzt mal ganz flabsig „da kann ich noch genügend Zeit“ verbringen. Also ich kann hier mit Fotos ect. nicht annähernd was dazu beitragen.
    Der Friedhof ist wirklich sehr modern in seiner Art und auch das muss einem gefallen oder auch nicht !

  2. Ulrike sagt:

    Interessant, wie unterschiedlich Mögen und Nicht-Mögen ausfallen kann. Ich persönlich mochte schon die ultramodernen Bungalows der 50er und 60er nicht besonders und hatte beim Anlesen des Beitrages einen amüsanten Zwetschgenmann-Verriß erwartet. Aber nein, pure Begeisterung! Wie gesagt, sehr interssant!

  3. Struppi-2009 sagt:

    Deine Bildmotive bei diesem Friedhof hast Du gut ausgesucht. Licht und Schatten sind Dir gelungen. Das düstere Wetter verwandelt den Friedhof nicht gerade einladend und ich denke, im Sommer wenn alles gründ und blüht ist ein Friedhofbesuch interessanter. Ich besuche gerne alte Gräberanlagen und genieße dort die außergewöhnliche Ruhe in solch einem Friedhof.

    Wie man auf Deinen Bilder sieht, handelt es hier um einen sehr modernen Friedhof, welcher auch seinen gewissen Reiz hat.

  4. octa sagt:

    Etwas seltsam auf den ersten, schön auf den zweiten Blick. ;o)

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