(Bretagne #10) – Eine Runde am Jaudy

Wanderkarte am Jaudy

Le Jaudy? Kennt man nicht.
Natürlich nicht. Die bretonische Granitküste kennt nahezu jeder, der jemals in der Bretagne auf der Seite des Ärmelkanals Urlaub gemacht hat. Das ist der touristische Hotspot schlechthin, entsprechend gut besucht sind die Orte, die direkt am Meer liegen. Anders schaut es im Hinterland aus. Das kann zwar nicht mit Felsen, Sand und Meer aufwarten, hat aber trotzdem viel zu bieten. Viele Ausflugs- und Wandertipps stehen in den einschlägigen Reise- und Wanderführern. Doch selbst, was man dort nicht findet, lohnt es, entdeckt zu werden – wie zum Beispiel das Vallée des Grands Traouïero, von dem in dieser Serie bereits die Rede war.
Oder den Fluss Le Jaudy, der bei Plougrescant ins Meer mündet, ganz in der Nähe des Hauses zwischen den Felsen?
Bis zur Ortschaft La Roche-Derrien war der Fluss einst schiffbar und wurde auch als Handelsweg genutzt, Überreste eines mittelalterlichen Hafens sind heute dort noch zu sehen. Bei Flut steigt das Wasser enorm an im Flussbecken, bei Ebbe wird er zum Rinnsal zwischen dem graubraunen Schlick. Hinter La-Roche-Derrien ist er nur noch ein etwas zu groß geratener Bach, ein Paradies für Kanuten, die in dem Ort einen Stützpunkt haben, und er versorgt zahlreiche alte Mühlen, deren Räder er einst in Schwung hielt.

Hier gibt es einen entzückenden kleinen Wanderweg, der natürlich nicht in unserem Wanderführer nicht zu finden ist, dafür auf verwitterten Tafeln vor Ort. Ich fotografiere eine solche als Wanderkarte, dann folgen wir dem rot gestricheltem Weg. Das heißt, immer am Fluss entgegen der Fließrichtung entlang bis zum Chateau de Kermezen, dann im weiten Bogen über Feld- und Wirtschaftswege bis zu einem alten, steinernen Kreuz und von dort auf direktem Weg zurück in den Ort.
Das ist eine wunderbare Tour für einen halben Tag, eher ein ausgiebiger Spaziergang, den wir am Urlaubsende machen, bevor wir einen kleinen Mittagsimbiss zu uns nehmen, unser Gepäck im Auto verstauen und uns auf den Heimweg machen.

Der Weg ist gar nicht zu verfehlen. Ausgangspunkt ist das kleine Wehr in La Roche-Derrien an der Brücke über den Jaudy, dort, wo eine Kinder-Kanutengruppe unermüdlich die Wasserrutsche nutzt.
Bald haben wir den Ort hinter uns gelassen, wir laufen auf lichten, bestens in Stand gehaltenen Waldwegen.

Waldweg am Jaudy

Wieder einmal sind wir den größten Teil der Strecke allein unterwegs, treffen weder auf Wanderer noch Spaziergänger. Nur zwei Waldarbeiter begegnen uns. In der Ferne lachen und lärmen Kinder in den Kanus auf dem Fluss. Der Jaudy bietet ein großartiges Spiel zwischen Licht und Schatten, wo immer die Sonne ihren Weg durch die Baumkronen findet und auf das Wasser trifft.

Das Flüsschen Jaudy

Wald am Jaudy

Ein wenig eigenartig muten manche Hinweisschilder an: Plastik-Imbiss-Teller, die an die Bäume genagelt wurden, nachdem ein Pfeil auf den Tellerboden gemalt worden ist. Uns erschließt sich nicht, ob das offizielle Wegschilder sind oder Teile einer Schnitzeljagd von einer der vielen Kanugruppen weiter flußabwärts, es ist aber auch egal.

Eigenartiger Wegweiser am Jaudy

Einer der schönsten Abschnitte auf diesem Rundweg führt durch einen kleinen Birkenwald. An den Baumstämmen rankt Efeu nach oben, der Boden ist über und über mit Brennnesseln bedeckt. Es ist ein Meer aus Grün, in das von oben Licht hereinrieselt. Das ist so unwirklich, dass man es mit Fug und Recht als Zauberwald bezeichnen könnte. Kein Foto kann nur annähernd dieses Spiel aus Licht und Grün wiedergeben. Es bleibt bei kläglichen Versuchen, einen der schönsten Orte zu fotografieren, die ich je gesehen habe.

Birken, Efeu, Licht, grün - Wald am Jaudy

Fischtreppen, alte Mühlen, Seitenarme, Totholz… es gibt weitere Fotomotive am Jaudy. Nur langsam kommen wir vorwärts, oft muss ich meiner Frau, die schon mal weitergeht, hinterherrennen, weil ich es wieder mal nicht lassen konnte, schnell noch ein paar Bilder zu machen.

Ein Flüsschen nur noch - der Jaudy

Nach etwa drei Kilometern haben wir die Hälfte der Strecke hinter uns. Wir verlassen das Wäldchen am Fluss, passieren das zum Hotel ausgebaute Chateau und stehen recht bald vor einem alten, verwitterten Steinkreuz auf der Kreuzung zweier kleiner Straßen. Das ist der Punkt, an dem wir abbiegen müssen. Es geht nun zurück nach La Roche-Derrien, um im Laufe des Nachmittags nach Hause zu fahren. Der Urlaub neigt sich dem Ende zu – viel zu schnell wieder einmal.

Wegkreuz bei La Roche-Derrien

Auf staubiger Landstraße laufen wir hinunter ins Dorf, wir haben erst Mitte Juli, die Getreidefelder sind bereits abgeerntet, Stroh liegt in großen, gerollten Ballen zum Abtransport bereit. So geht Sommer.

Getreide-Ernte bei La Roche-Derrien

Ein letztes Foto schieße ich auf dieser Rundwanderung – das ist Countryside, Landleben und Landlust pur. Es ist zugleich das letzte in diesem Urlaub. Für uns ist damit Bretagne 2018 vorbei.

Ein abgeerntetes Feld bei La Roche-Derrien

Für Sie, liebe Blogleserinnen und -leser, allerdings nicht, sofern sie dieser Reihe weiterhin die Treue halten möchten. Es folgen noch zwei weitere Teile: Es geht nach Treguir und zu guter Letzt auf die Île-Grande. Mehr war in diesen Urlaub wirklich nicht hineinzupacken.


Wenn Sie mehr über die Bretagne lesen möchten, finden Sie eine Liste aller Beiträge samt Verlinkung auf der Unterseite
Die Serien dieser Seite im Überblick.


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2 Antworten

  1. Bibo sagt:

    Danke für diesen schönen Beitrag. Frankreich hat wirklich schöne Wanderwege. Um so erstaunlicher, dass ich da immer wieder die Frage: „Tout a pied?“ hörte, wenn ich da wirklich mal wandern war.

  2. Linsenfutter sagt:

    Sehr schön. War mir nicht bekannt. Wieder etws gelernt.

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