Die fünf von der Tankstelle

Gut beraten ist man im Moment, wenn man in unserem Dorf nicht an Säule 1 der benachbarten Tankstelle tankt und sich jovial vorne gegen die Motorhaube lehnt und auf besonders cool macht. Zumindest nicht, wenn man ein relativ großes Auto fährt. Dann nämlich kann es passieren, dass man eine Portion Schwalbenscheiße aufs Haupt geklatscht bekommt. Das soll zwar bekanntlich Glück bringen, aber nachgewiesen ist das nicht.
Unser Nachbar, Werkstatt- und Tankstelleneigentümer, nämlich hat momentan die Schwalben schön. Direkt über dem Tankplatz 1 hat sich ein Rauchschwalbenpaar ein Nest gebaut und zieht dort gerade seine fünf glücksbringenden Jungen groß. Herzallerliebst.

Rauchschwalben unterm Vordach der Tankstelle
Unverkennbar am hektischen Flug der Elterntiere, unverkennbar aber auch an den weißen Flecken auf den Pflastersteinen direkt unter dem Nest: Hier wird gelebt. Ehepaar Rauchschwalbe schleppt unermüdlich Futter heran, wenig beeindruckt vom Tumult, der teilweise unter ihnen stattfindet, wenn eine Münchner Harley-Fahrer-Gruppe auf Landpartie an der Tankstelle einen Zwischenstopp einlegt.
Die Motorradfahrer nehmen die gefiederten Obermieter gar nicht wahr, die Vögel ihrerseits interessieren sich nicht für die Clique. Für sie nicht und auch für die Radfahrerin nicht, die sich eine Apfelschorle gekauft hat, sie interessieren sich nicht für den Sepp, der gerade direkt unter ihnen seinen Reservekanister auffüllt, auch nicht für den Chef, der samstags noch höchstselbst vor der eigenen Tür kehrt und auch nicht für uns auf dem nachmittäglichen Weg zur Eistruhe.
Aber ich interessiere mich für sie. Die Schwalbenbrut.

Kaum ist das Eis verputzt, zücke ich meine Kamera und mache kehrt – ist ja gleich nebenan.
Schläfrige Stille breitet sich bisweilen an den Samstagen im Dorf aus, auch an der Tankstelle. Von irgendwoher brummt monoton ein Rasenmäher, gelegentlich fährt ein Auto vorbei.  Wieder eine Harley, zwei Rennradfahrer lautstark diskutierend. Einer kommt zum Tanken, ein anderer pumpt unter nicht jugendfreien Flüchen auf italienisch die Reifen seines kleinen Fiats auf.
Schläfrige Stille nur kurz unterbrochen
Argwöhnisch schaut die Verkaufskraft aus dem Fenster, wie ich an der Zapfsäule stehe, die Kamera im Anschlag und immer wieder gegen das Dach fotografiere. Und das eine halbe Ewigkeit lang. Ganz sicher wird sie mich bei nächster Gelegenheit fragen, was ich da gemacht habe, was es da zu sehen und zu fotografieren gab.
Na Schwalben… was sonst?

Argwöhnisch reagieren auch die Schwalbeneltern, die Situation ist ungewohnt. Mehrmals kreisen sie über den Zapfsäulen, dann erst wagen sie sich zur immer lauter rufenden Brut. Dass da einer steht und lauert, das kennen sie nicht. Herr Schwalbe (oder ist es seine Frau, so genau kenne ich mich da nicht aus) bleibt erst einmal auf der Stromleitung, die über die Häuser geht, sitzen und beäugt das Ganze kritisch. Frau Schwalbe (oder ist es der Herr?) tut Selbiges vom Nest aus. Man fühlt sich offensichtlich beobachtet.

Schwalbennachwuchs unter dem Dach der Tankstelle

Dann geht die Jagd nach dem Futter für die nimmersatten Kinder weiter. Der Nachwuchs, der schön still im Nest verharrt, wenn die Eltern nicht zu sehen sind, wird richtig laut, kaum das Futter naht. Da interessiert es sie überhaupt nicht, dass da einer mit der Kamera unter ihnen herumschleicht. Die wollen nur eines: Fressen.
Und noch mehr fressen.
Und noch mehr.
Schnabel auf - es gibt was zu fressen (Tankstelle)

Wer am lautesten krakeelt, hat gute Chancen, als erstes etwas ins Maul gestopft zu bekommen. Voraussetzung allerdings ist, dass er den Schnabel zur richtigen Seite aufsperrt.  Denn mal kommen die Eltern von links, mal von rechts zum Nest, landen auf dem Stahlträger und verteilen ihre Beute. Pech, wer dann den Schnabel zur falschen Seite aus dem Nest gestreckt hat.

Hunger oder Gier - Schwalbennachwuchs

Schnabel zu - wenn auch nur kurz.
Ok – dann beim nächsten Mal.

Während wieder – klatsch – Vogelkot nach unten knallt, nehme ich mir vor, am Montag, wenn ich wieder tanken muss, unbedingt an die andere Säule zu fahren. Auch wenn ein Vogelschiss angeblich Glück bringt.
Aber zuviel davon braucht’s auch nicht.

Jungschwalben an der Tankstelle


Vielen Dank fürs Lesen.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, dann freue ich mich, wenn Sie ihn Ihren Freunden weiterempfehlen – z.B. über Facebook, Twitter, in Internetforen, Facebookgruppen o.ä.
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zu diesem Beitrag? Dann nutzen Sie bitte das Kommentarfeld.
Gern dürfen Sie meine Artikel auch verlinken.

Mehr von mir finden Sie im Blog oder in meinen Büchern, die Sie zum Beispiel über meinenWeb-Shop aber auch in jeder stationären Buchhandlung bestellen können.

Diesen Beitrag weiterempfehlen:

5 Antworten

  1. Linsenfutter sagt:

    Soll gut bei schütteren Haaren sein. Die wachsen und sprießen dann wieder. Lach …
    LG Jürgen

  2. piri ulbrich sagt:

    Du hast es selbst geschrieben: Herzallerliebst!

  3. Ola sagt:

    Sehr süss. Wir leben hier mitten in einer ganzen Schwalbenkolonie. Hast du eigentlich irgendwann deinen Blog geändert? Habe irgendwann keine Infos mehr bekommen über neue Artikel … Habe mir dein Buch über Renate schon vor langer Zeit gegönnt. Schön, sie im See wieder zu treffen. Bin jetzt wieder da 🙂

    • zwetschgenmann sagt:

      Danke für das Kompliment.
      In der Tat habe ich dsgvo-erforderlich 2018 eine Menge geändert, unter anderem auch aus zwei Blogs einen gemacht.
      Daher hat sich auch inhaltlich hier einiges verändert.
      Renate taucht nur noch sporadisch auf, was aber auch damit zu tun hat, dass ich solche Menschen nicht allzu oft treffe und immer die Gefahr besteht, dass sich das letztlich wiederholt und auserzählt.
      Umso schöner, wenn ich wieder mit einer (fast) zusammenpralle.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.