Betr.: Wildtiere fotografieren (Teil 1): Das Thema & Das Ködern

Gottesanbeterin in Dalmatien in einem Restaurant

Dieser Beitrag ist Teil der Reihe über Nachhaltigkeit und Verantwortlichkeit beim Bloggen. Bitte beachten Sie die Linksammlung am Ende des Beitrags, denn das Thema „Wildtiere fotografieren“ kommt in einer eigenen, kleinen Serie innerhalb der Reihe zur Sprache.
Es ist zu komplex, um es in nur einem Blogpost zur Sprache zu bringen.

Im Blog des Weltenbummlers perpetual fragments las ich im Oktober 2021 einen interessanten Beitrag über die Ethik und Wildtierfotografie der ursprünglich als 8 Common Ethical Mistakes in Wildlife Photography (And How to Fix Them) von Ellyn Kail auf Feature Shoot veröffentlicht wurde.
Das ist meiner Meinung nach ein äußerst spannendes und wichtiges Thema, zu dem es sich in der Tat lohnt, Gedanken zu machen. Was mich betrifft, habe ich eine klare Meinung zu den meisten Punkten, die dort Erwähnung finden und ich halte damit auch nicht hinterm Berg. Denn ich muss zugeben, ich fühle mich in diesem Artikel angesprochen und zugleich bestätigt wie angegriffen.

Im Wesentlichen geht es um acht einzelne Aspekte, zu denen ich in diesem Blogpost und einigen weiteren meine Sicht als Amateur der Dinge hier darstellen und zur Diskussion anregen möchte. Die Verlinkung erfolgt dann, wenn alle Beiträge erschienen sind.

Zwei Vorbemerkungen zum Thema

Erstens: Wildtierfotografie gehört nicht zu meinen bevorzugten Sujets als Amateur. Dazu fehlt es mir zum einen an Geduld, zum anderen an Talent, zum dritten auch an Zeit und Gelegenheiten. So beschränkt sich meine Wildtierfotografie überwiegend auf Insekten und Spinnentiere im eigenen Garten, Vögel an den heimischen Seen oder zwischen Feld und Wald sowie im Urlaub auch auf die Suche nach freilebenden Landschildkröten. Selbst das kann ein schwieriges Unterfangen werden, wie auf einer anderen Webseite geschildert. Meist sind es also „Allerweltstiere“, die ich fotografiere – nichts Besonders und damit nicht weiter aufregend. Sehr unwahrscheinlich, dass mir mal eine besonders seltene Spezies vor die Kamera kommt, was auch damit zu tun hat, dass ich mich eben nicht irgendwo in der Natur stundenlang auf die Lauer lege, um gezielt Tiere zu fotografieren. Es ist meist eher andersherum: Ich greife erst zur Kamera greife, wenn ich Tiere entdecke. Aber dann ist es meistens zu spät für wirklich gute Fotos.

Neuntöter nördlich von München

Neuntöter nördlich von München

Zweitens: Ich habe ein sehr kritisches Verhältnis zur Tierethik, wenn sie sich zu Tierrecht auswächst und Tierrechtsorganisationen wie Pro Wildlife oder Peta den argumentativen Überbau liefern. Denn hier haben wir es in den seltensten Fällen mit aktivem Tier-, Natur- und Umweltschutz zu tun, sondern viel eher mit dem Auftreiben von Spendengeldern, nicht selten zum Selbstzweck, plakativen Aktionen und teuren Kampagnen und damit dem bloßen Formulieren von Forderungen. Mehr dazu bei Stiftung Warentest.
Tierethik und Tierrecht kommen allzu oft überaus dogmatisch und pauschalisierend daher. Sie berücksichtigen viel zu selten die realen Gegebenheiten wie zum Beispiel die wirklichen Bedürfnisse der Arten. Tierethik ist zumeist knallharte, dogmatische Gesinnungsethik mit kategorischen Forderungen, die gar keine Diskussion zulässt, ob diese überhaupt berechtigt sind, geschweige denn umsetzbar.
Ihr Konzept ist es, zu polemisieren, zu emotionalisieren und zu polarisieren. Denn damit lässt sich schneller und bequemer Spendengeld einstreichen als selbst durch die Natur zu gehen, Müll aufzusammeln oder Erdkröten über die Straßen zu tragen. Das „dürfen“ dann die popeligen Naturschutzorganisationen und/oder ehrenamtliche Helfer tun.
Bestes Beispiel für Tierethik ist der Urheberrechts-Streit: Warum Peta so verbissen um das Affen-Selfie kämpfte. Das sagt eigentlich alles.

Erdkröte auf meiner Handschuh-Hand

Das ist ein weites Feld, über das schon oft und heftig diskutiert wurde. Das muss ich hier nicht neu aufrollen, aber es spielt bei Fragen der Wildtierfotografie eine gewisse Rolle und damit auch für meine weiteren Gedanken.

Eidechse im Naturschutzgebiet nördlich von München

Eidechse im Naturschutzgebiet nördlich von München

Was nun fordert die Tierethik von Profi- wie Amateurfotografen?

1. Wildtiere nicht mit Ködern anlocken

Die Verfasserin Ellyn Kail sieht es grundsätzlich als unethisch an, Tiere an diese Plätze zu locken, damit diese dort fotografiert werden können. Es ist egal ob Fotografen die Tiere anlocken oder Ranger dies in einem Reservat für Besucher tun. Als Reisende, so fordert Kail, hat man solche Angebote zu meiden, denn die Tiere werden zu Schau- und Fotoobjekten degradiert, zudem wird ihnen ihr natürliches Verhalten abtrainiert. Und dies sollte erst recht nicht geschehen.

Meiner Meinung nach ist es ein kolossaler Unterschied, wo so etwas passiert, wer solche Fütterungen durchführt und letztlich auch zu welchem Zweck. Gesinnungsethiker differenzieren aber nicht, sie pauschalisieren. Und damit habe ich ein großes Problem.
Ja – ich finde es fatal und vollkommen falsch, zum Beispiel Wasservögel an heimischen Seen zu füttern. Ob nun, um sie tatsächlich nur zu füttern oder weil ich sie bei der Gelegenheit fotografieren will. Meist passiert beides.

Möwenfütterung am Chiemsee

Möwenfütterung am Chiemsee

Das ist für mich zunächst aber keine Frage der Ethik sondern der Vernunft. Denn natürlich verändere ich damit ihr natürliches Verhalten: Tiere, die regelmäßig gefüttert werden, werden immer unfähiger, zumindest aber unwilliger, sich selbst um ihr Futter zu bemühen. Abgesehen davon, dass das Futter in vielen Fällen nicht artgerecht und bisweilen sogar enorm schädlich für Tier und Umwelt ist (Brot für Wasservögel zum Beispiel), verlieren die Tiere jegliche Distanz und Scheu zu Menschen. So etwas kann bekanntlich böse ausgehen. Hackende Schwäne oder umgekehrt Schwäne, die von freilaufenden Hunden von Spaziergängern gejagt und verletzt oder sogar getötet werden, weil die Vögel die Bedrohung durch den Hund nicht mehr richtig einschätzen konnten.
Das alles wäre vermeidbar, wenn Tiere ihr natürliches Verhalten beibehielten. Dann wäre auch der hier gezeigte Schwan auch nicht unaufgefordert anmarschiert gekommen, als ich nach dem Sport auf einer Bank an einem See eine Brotzeit gemacht habe. Aber er hatte es mittlerweile so gelernt und nachdrücklich Futter gefordert, auch wenn ich es ihm verweigert habe:

Schwan am Fasanerie See, München

Aber: Ist es unethisch mit Futterplätzen sicherzustellen, dass Touristen Tiere in Naturparks zu sehen bekommen, Touristen, die Eintritte bezahlen und damit solche Nationalparks und Naturschutzgebiete mitzufinanzieren? Ist es nicht ebenfalls besser, auch die Menschen auch an diese „Futterplätze zu gewöhnen“ als sie ungesteuert kreuz und quer durch diese Gebiete laufen oder fahren zu lassen? Tragen wir nicht erst recht zur Zerstörung von Lebensräumen bei, wenn immer mehr Menschen einfach so die Natur eindringen, um ein paar schöne Bildchen zu machen und dabei kreuz und quer überall herumstapfen?
Und ist es nicht unter Umständen auch deshalb sinnvoll, Tiere in Naturparks durch gesteuerte Fütterung anzulocken und sie so auf diesem Terrain zu halten, damit sie nicht über die umliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen „herfallen“?

Sicher gibt es auch hier hochproblematisches, unethisches Verhalten, vor allem, wenn es nur noch darum geht, Tiere in immer größerer Zahl anzulocken, um Touris zu bedienen und Menschen und Tiere ggf. auch ungesteuert aufeinandertreffen zu lassen (s. Punkt 4 – folgt in Kürze). Aber ich denke, es gibt viele gut geführte Nationalparks oder Naturschutzreservate und dort sachkundiges Personal, das genau weiß, was sie tun und das Wohl der Tiere im Blick haben – letztlich damit auch die unkontrollierten Fütterungen und das Anlocken von Tieren versuchen, zu verhindern.

Damwild auf einer Wiese bei Erding

Dass Privatfütterungen von Wildtieren für gute Fotos ein Unding ist – geschenkt. Dem kann ich nur zustimmen. Wer nicht wirklich Wissen von den wildlebenden Tieren hat, sollte sie überhaupt nicht füttern. Egal wo, egal welche, egal womit.

Gierige Karpfen am Lainer See

Konsequent wäre es aber dann auch, in Venedig auf dem Markusplatz das Tauben füttern und Anlocken zu Fotozwecken zu untersagen, schwer vorstellbar, dass das jemals geschehen wird.

Tauben auf dem Markusplatz in Venedig

Ist dieses Street Photograpy Foto außerdem noch ein Eigentor im Sinne der Tierethik? Wollte man es genau nehmen, dann wäre das so. Denn ich habe Tauben fotografiert, die seit Generationen an einen festen Futterplatz gewöhnt sind, die seit Jahren nur einem Zweck dienen: Touristen zu erfreuen. Ich degradiere sie zum Motiv und stelle sie zur Schau.
Hier müsste mich die ethische Keule sogar gleich doppelt treffen, denn ich habe nicht nur die Tauben und den Mann, der sie beim Fressen aus der Hand fotografiert, sondern das Bild auch veröffentlicht. Das wiederum könnte Nachahmer motivieren, es entweder dem Mann nachzutun, ein winziges „Tröpfchen Sprit, um die Maschinerie am laufen zu halten“. Zu dem Thema der Nachahmer kommen wir später zurück.

Möwe auf dem gefrorenen Riemer See

Treiben wir es auf die Spitze. Ist es vielleicht sogar schon unethisch, Wildvögel im Garten zu füttern, weil ich damit ihr natürliches Verhalten manipuliere? Denn ich binde sie ja auch an feste Futterplätze. Zudem nutze ich diese, um zum Beispiel die Wildvögel durch die Fensterscheibe vom Haus aus zu beobachten und gelegentlich zu fotografieren. Im Prinzip mache ich im Kleinen das, was in vielen Nationalparks im Größeren auch passiert. Konsequent, wollte man der Ellyn Kail folgen, müsse hier ein „Das geht gar nicht!“ stehen, auch wenn ich mich damit rausreden könnte, dass mich vor allem das Tierwohl antreibt. Das ethische Dilemma ist trotzdem vorhanden, weil ich die Vögel von der natürlichen Nahrungssuche, aber unter Umständen auch dem Hungertod abhalte und zusätzlich sie noch zum Fotoobjekt degradiere.
Hier spätestens ist nämlich der Punkt erreicht, an dem undifferenzierte Forderungen einer Tierethik an die Grenzen von Vernunft stoßen. Pikanterweise empfiehlt der Landesverband Vogelschutz in Bayern zur Fotografie von Wildvögeln im eigenen Garten, Futterspender aufzustellen, „um die Vögel aus ihren Verstecken in den Bäumen zu locken, wo sie nur schwer zu fotografieren sind.“ Was ein Widerspruch!

Meise im eigenen Garten

Blaumeise in unserem Garten

Ich werde weiterhin Wildvögel im Garten füttern, auch Insekten mit geeigneten Pflanzen versorgen. Und ich werde sie dabei fotografieren. Ich werde Futterringe auch nach wie vor so aufhängen, dass ich die Vögel dabei beobachten und ggf. auch fotografieren kann. Ich sehe hier kein ethisches Dilemma. Das Anködern von Tieren, um diese fotografieren zu können, kommt aber für mich über diesen Rahmen hinaus nicht in Frage. Ich halte gezielte und gesteuerte Fütterung (ködern) in Naturschutzreservaten und -parks, die verantwortungsvoll und kompetent geführt werden, für vertretbar und sehe daher keinen Grund, diese nicht auch in Zukunft zu besuchen.

Pinselohrschwein im Münchner Zoo

Der nächste Teil geht kommenden Montag online.


Text und alle Bilder: Lutz Prauser. Alle Rechte beim Autor.

Interessiert Sie das Thema?

Dann empfehle ich die kleine Beitragsserie, bereits erschienene Beiträge sind verlinkt, alle anderen Beiträge werden noch veröffentlicht.

    1. Wildtiere nicht mit Ködern anlocken
    2. Unüberlegter Einsatz von Blitzlicht
    3. Alles mit Geotags versehen
    4. Zu nah herangehen
    5. Nicht seine Hausaufgaben machen
    6. Besuch von Zoos und Wildpark
    7. Inszenierte Fotos
    8.  Anthropomophisierung

Kommentare sind sehr willkommen.

 


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5 Antworten

  1. Inga sagt:

    Sehr interessanter Artikel, dem ich nur zustimmen kann. Das Taubenfüttern auf dem Markusplatz ist allerdings seit einigen Jahren verboten und widrigenfalls droht ein Bußgeld.

    • Lutz Prauser sagt:

      Vielen Dank – ich hoffe, die weiteren Teile sagen Dir auch zu. Und danke für die Ergänzung, dass das Taubenfüttern jetzt verboten ist (ich war viel zu lange nicht mehr in Venedig). Das überrascht mich, dass die Stast das hinbekommen hat.

      • Naya sagt:

        In Venedig wird vieles von dem, was verboten ist, inzwischen auch kontrolliert und ist mit hohen Strafen belegt – was zur Folge hat, dass viel weniger Tauben gefüttert werden (Idioten gibt es leider immer), und vor allem auch kein Taubenfutter mehr verkauft wird; daß kaum Hundekot in der Stadt ist, obwohl ich erstaunlich viele Hundehalter dort gesehen hab (an einem Lauf bei mir um den See sehe ich mehr als ich in einer Woche Venedig); die Altstadt und die Kanäle viel sauberer wirkten als ich erwartet hatte, … – hat der Stadt gut getan, glaub ich.
        Aber auch ohne sie aktiv anzulocken gibt es noch echt viele Tauben und Möwen zum Fotografieren, wenn man will ;) (und mehr als man manchmal beim Essen haben will)

  2. BrigitteE sagt:

    Jedes Bundesland hat Gesetze bzw Verordnungen zur Wildtier Fütterung.
    Leider ist das weitestgehend unbekannt und wird wohl auch nicht geahndet bei Nichtbeachtung.
    Aufklärende Beiträge wie deine sind hilfreich.

  3. manni sagt:

    Ein Thema wo sich die wenigsten vermutlich Gedanken machen, mich eingeschlossen . Dies soll aber nicht heißen , dass ich bewusste Tiere füttere um sie anzulocken. Man sieht eben immer wieder dass in Tierparks oder Zoo`s Tierfutter verkauft wird. Denke dass ist dann aber eher für die Kinder in Streichelzoo`s ect. gedacht und nicht für Erwachsene. Ich finde es gut, dass du dieses Thema aufgegriffen hast und hoffentlich lesen es auch viele

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