Als Tourist daheim (#7): Altötting

Wären wir sonst hingefahren – ich meine, ohne das 9 Euro Ticket?
Sicherlich nicht. Altötting ist kaum ein Ort von touristischem Interesse, zumindest nicht meinem. Und für jegliche Form von Wall- oder Pilgerfahrt fehlt es mir an den notwendigen Voraussetzungen, der Bereitschaft oder dem Interesse daran.

Aber für 9 Euro kann man sich schon mal an einem Sonntag in einen Zug setzen und etwas mehr als eine Stunde nach Altötting zuckeln – vor allem, da wir die 9 Euro Tickets sowieso schon gekauft hatten. Die Fahrt also ist für uns kostenlos. Und damit gehören wir zweifelsohne zu denen, die das Ticket in den Augen diverser CDU/CSU und FDP Politiker missbrauchen, zumindest benutzen wir es nicht im Sinne des Erfinders. Denn es handelt sich ja nur um eine zusätzliche Ausflugsfahrt am Wochenende.
Was uns aber schnurzpiepegal ist.

Es ist mehr eine gewisse Neugier, die uns treibt und ich gebe zu: Mein großes  Interesse an Kuriositäten. Damit meine ich nicht die religiöse Empfindung und aufrichtige Frömmigkeit, die viele Menschen in die kleine ostbayerische Gemeinde pilgern lässt. Sie ist, das ist in den vielen Kirchen, von denen wir drei besichtigen, zu spüren; vor allem vor dem Gnadenbild der schwarzen Muttergottes, die derzeit aus der Gnadenkapelle ausgelagert ist, weil diese renoviert wird.

Menschen beten zu ihr in der Stiftskirche, Altötting gehört zweifelsohne zu den großen Marienwallfahrtsorten in Europa. Und es kann nicht schaden, sich auch diese einmal anzusehen, zum Beispiel eben Altötting. Ich kann und will nicht verhehlen, dass mich diese Frömmigkeit immer wieder beeindruckt, auch wenn ich vieles daran nicht nachvollziehen kann.

Nun gibt es neben der schwarzen Madonna noch das Grab des Heiligen Konrad zu bestaunen, dessen Körper in eiserner Hülle eingesargt hinter Glas aufbewahrt wird, den Kopf hat man allerdings abgetrennt. Unter einem Seidentuch wird er gesondert zur Schau gestellt. Mir erschließt sich nicht ganz der Sinn darin – aber bitte.

Er ist nicht der Einzige, der in Altötting zerteilt begraben liegt. Auch Johann T’Serclaes Graf von Tilly, Feldherr der katholischen Liga im Dreißigjährigen Krieg, wird am Jüngsten Gericht seine Teile erst zusammenklauben müssen. Sein Körper liegt unter der Stiftskirche in einer Gruft, sein Herz aber in der Gnadenkapelle.

Der Sarg Tillys hat übrigens über dem Kopf ein Fenster und ist von einem zweiten metallenen Sarg umschlossen, der ebenfalls ein Fenster hat.
Wer also will, kann dem Totenschädel des Feldherrn direkt in die leeren Augenhöhlen starren. Dem enthaupteten Bruder Konrad hat man wenigstens ein Tuch über den Kopfe gelegt.
Da beide Glasplatten einen etwa 20cm breiten Abstand zueinander haben und die untere ein wenig schräg zur oberen liegt, reflektiert diese das Licht so sehr, dass ein Foto von Tillys Schädel kaum machbar ist. Der Versuch ist schon im Ansatz zum Scheitern verurteilt.
Clever gelöst… sehr clever.

Altötting

Meiner Neugier aber entspricht das Treiben an den Rändern der Platzes. Neben Massen an Leuten, davon viele in Gruppen, sind es vor allem die Devotionalienhändler, die das Bild prägen. Die Händler bieten Erinnerungsstücke an – es ist, und da maße ich mich dann doch ein Urteil an, enorm viel Kitsch und Krempel dabei:

Souvenirs, wie man sie sonst in Neuschwanstein oder am Königsee auch bekommt – nur eben statt dem Kini zieren klerikale Motive all das. Darüber hinaus: Kerzen, Rosenkränze und Gefäße, um abgezapftes Weihwasser mit nach Hause zu nehmen. Von der kleinen Phiole über Plastikflaschen, auch in Marienform, bis zum praktischen Zweilitervorratsbehälter.
Ich gebe zu: Hier unterstelle ich einer ganzen Industrie von den herstellenden Firmen bis zu den Händlern zu vorderst den Wunsch nach Geschäftemacherei und nicht dem, gläubigen Menschen etwas Sinnvolles anzubieten. Noch dazu bin ich überrascht, wie traditionell all das aufgemacht ist: Ob Krippenfiguren oder Kruzifixe, Kerzen oder Skulpturen – bis auf wenige Ausnahmen ist alles vom Look her genauso, wie man es vor 20, oder 50 Jahren angeboten hat. Irgendetwas modern, geschmackvoll, stilisiert, künstlerisch gestaltet?
Fehlanzeige. Die Pilger wollen wohl so etwas nicht.
Hier regelt der Markt, regeln Nachfrage und Angebot, was in den Geschäften und auf den Verkaufstischen feilgeboten wird. Und hier weht sich eine Bibelstelle aus dem Markusevangelium schwach in meine Erinnerung:

Als sie wieder nach Jerusalem kamen, ging Jesus in den Tempel und fing an, die Händler und die Leute, die bei ihnen kauften, hinauszutreiben. Er stieß die Tische der Geldwechsler und die Stände der Taubenverkäufer um und ließ nicht zu, dass weitere Waren durch den Tempelhof getragen wurden. Er fuhr sie an: »In der Schrift heißt es: ‚Mein Haus soll ein Ort des Gebets für alle Völker sein‘, aber ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht.«

Heute raubt man wohl eher modern und zieht den Leuten Geld aus der Tasche für teuren Tand und Tinnef. Aber bitte – niemand muss hier was kaufen, da ist jeder Mensch frei in seiner Entscheidung.

Altötting

Altötting

Altötting

Altötting

Ja, und da ist dann noch der berühmte Tod z‘ Äding, der Tod von Ötting, so genannt als es noch kein Alt- und kein Neuötting gab. Das ist eine etwa 50cm hohe Figur steht auf einer barocken Schwankuhr. Unermüdlich schwingt das Gerippe seine Sense. Immer hin und her im Takt der Uhr, pausenlos, rastlos, unermüdlich. Das – ich gebe es zu – ist das Beste, was ich in Altötting zu sehen bekomme. Irgendwie nach meinem Geschmack und irgendwie auch nach meinem Humor. Denn anders als damals vielleicht gedacht wirkt die Figur heute weder schaurig noch bedrohlich, da gibt es auf dem Rummel in jeder Geisterbahn Besseres zu sehen. Ich jedenfalls finde sie sehr amüsant.

Der Tod z‘ Äding ist eine der vielen (spät)barocken Todesdarstellungen, wie die vielen Totenschädel zum Beispiel in der Münchner Asamkirche.
Der Legende nach muss mit jedem Schnitt einer in die Grube. Es stirbt irgendwo ein Mensch, das wäre dann schon wieder weniger witzig, aber ein Kausalzusammenhang ist hier ebenso wenig evident wie bei all dem, was auf den ganzen Wundertafeln an der Gnadenkapelle geschrieben steht.
Man muss kann es halt glauben, oder eben nicht.

Altötting

Altötting

Schade finde ich allerdings, dass es den Tod z‘ Äding draußen bei den Standlern nicht als kleine Replik mit aufziehbarem Federwerk für den heimischen Schreibtisch oder die Fensterbank zu kaufen gibt. Da hätte ich mir vielleicht sogar eine mitgenommen.
Aber man kann eben nicht alles haben.


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6 Antworten

  1. Kurt Schaller sagt:

    Wir wären auch nicht dahin gefahren wenn wir nicht einen Gutschein für ein Hotel gehabt hätten.
    Schade das Du nicht an der Gnadenkapelle warst, die Votivtafel und vorallem die Menschen die unermüdlich um die Kapelle einsam und alleine, mit einem Kreuz ( kann man ausleihen) ziehen, das macht sprachlos. Selbst als jemand der nicht daran glaubt, wie könnte ich, ist man fassungslos vor soviel Not, Elend aber auch Glaube und Hoffnung.
    Heute wäre Altötting m.E. kein Wahlfahrstort geworden, der Anlaß dazu ist einfach zu lächerlich und aus med. Sicht untragbar. Aber ich glaube darum geht es gar nicht.
    Ich hoffe du bist vor 20 Uhr wieder abgereist. Danach erlebt man ein ganz anders Altötting, tot ist noch harmlos dagegen. Wir haben kein Restaurant gefunden die uns um 20 Uhr noch etwas zu essen geben wollten.
    Übrigens liegen die Österreicher in der Tradition der Leichenzerteilung ganz vorne. Körper in der Kapuzinergruft, oft mit getrenntem Herzbecher, Innereien und Herze im Stefansdom. Einige Herzen wurden auch in der Augustinerkirche bestattet.
    Schöner Bericht

    • Lutz Prauser sagt:

      Die Gnadenkapelle habe ich vor einigen Jahren schon gesehen, dieses Mal war sie gesperrt, weil sie renoviert wird. Das ist in der Tat beeindruckend, mit welcher Not und Frömmigkeit, aber auch unfassbarer Naivität die Menschen auf Wunder hoffen oder alles einem Wunder zuschreiben: Bis hin zu Eingebungen in Abiturprüfungen im fernen Hamburg (Tafel von 2009!).

      Was die Leichenzerteilung angeht, kann ich ja noch nachvollziehen, wenn einzelne Teile an anderen Orten aufbewahrt werden. Tilly wollte in der Gnadenkapelle bestattet werden, was nicht ging, darum hat er seine Gruft in der Stiftskirche und das Herz halt nebenan.

      Aber warum man Ende des 19. Jahrhunderts dem Konrad den Kopf abgenommen hat und diesen in exakt dem gleichen Sarkophag unter einem Tuch zur Schau stellt und den restlichen Körper hinter Glas direkt daneben – das verstehe ich nicht. Muss ich aber auch nicht und will ich vielleicht auch gar nicht.

  2. manni sagt:

    ich glaub ich war im Kindesalter als ich mal in Altötting war. Die Erinnerungen sind sehr dürftig !
    Ich habe kein schlechtes Gewissen wegen dem 9-Euro Ticket ( Missbrauch ) solange es sich im Rahmen bewegt. Es nach Berlin oder Sylt zu nutzen muss nicht sein aber auch das entscheidet jeder für sich selbst !

  3. Struppi-2009 sagt:

    Wunderschön!!! Altötting kenne ich und Deine Bilder sind super!! Danke fürs zeigen. Viele Grüße Traudl

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