Abgeblitzt – von einer Kuh

Die Geschichte von der glücklichen Kuh auf saftigen grünen Wiesen und Almen – wer kennt sie nicht? Wenn man aber mal eine Kuh selbst dazu befragt, wie ich es 2016 gemacht habe, lernt schnell: Kühe sprechen noch lange nicht mit jedem. Zumindest nicht mit jedem daher gefahrendem Radler oder daher gelaufenem Spaziergänger. Daher, da ich das nicht aus erster Hand bestätigt bekommen habe, kann ich nicht sagen, ob die Kühe auf der Wiese glücklich sind. Zumindest aber sehen sie so aus.

Als ich im Juli den Tinninger See im westlichen Chiemgau nicht schwimmend am Ufer runden kann, mache ich das eben zu Fuß. So malerisch er in die Landschaft eingebettet ist, lohnt sich dieser rund 2,7 Kilometer lange Spaziergang unbedingt. Mehr Klischee als bei diesem Rundgang geht kaum. Saftige Wiesen, die Berge am Horizont, von irgendwoher weht das Geläut aus aus einem zwiebelligen Kirchturm. Jetzt noch irgendwer in Lederhose?
Nein, das wäre zu dick aufgetragen. Aber Kühe auf grüner Weide, die könnte es schon noch brauchen.

Malerisches Oberbayern am Tinninger See

Und die gibt es dann auch. Selbige stehen unbeeindruckt von den aktuellen Tagestemperaturen und dem Spaziergänger in leichter Sommerkluft auf der Weide und schrubben diese mit ihren Zungen von saftig grünem Gras und Klee frei. Während anderswo in unserem Land schon wieder Felder und Weideland verdorren, sorgen die regelmäßigen Gewitterschauer im bayerischen Voralpenland dafür, dass alles bilderbuchmäßig ausschaut.
Also grün.
Mit freundlicher Ansprache mache ich auf mich aufmerksam.

„Hallo Kuh!“
„Huhu – Kuhu!“
„Servus, Rindviech!“
Keine Reaktion.

Auf der Weide - lauter Kühe.

„Entschuldigung“, rufe ich ein weiteres Mal etwas lauter. „Darf ich mal stören? Ich hätte da eine Frage.“
Inbrünstig hoffe ich, dass kein weiterer Spaziergänger in der Nähe ist, der sich vielleicht darüber wundert, dass ich Kühe anlabere und mich für vollkommen verblödet (bzw. minderintelligent, wie man heute sagt) hält.
Zumindest eine der Kühe nimmt endlich Notiz von mir.
Kuh, die guckt
Sie hebt kurz ihr Haupt, sieht mich am Zaun stehen, denkt sich ihren Teil und grast dann in aller Seelenruhe weiter. Auch ne Ansage!
Kann ich irgendwie verstehen. Würde ich vermutlich nicht viel anders machen, wenn da wer bei uns am Gartenzaun stehen würde und mich anspräche – vorausgesetzt, ich würde meine gute Erziehung vollkommen ignorieren. Weil mir das aber schwer fällt, würde ich mich wider meinen Bedürfnissen wohl doch in eine Konversation verstricken lassen. Es kommt allerdings zum Glück eher selten vor, dass bei uns ein Fremder am Zaun steht und palavern will.
Die Kuh aber denkt gar nicht daran, mir einen weiteren Moment ihrer Aufmerksamkeit zu schenken, geschweige denn, sich zu nähern.
Ist sie deshalb blöde? Eine blöde Kuh? Einfach nur arrogant und ignorant? Oder eher weise?
Ich denke, Letzteres. Kommt sie nicht zu mir, zoome ich sie eben heran. Das wäre doch gelacht.
Kuh, die grast

Zwar nähert sich das Rindviech irgendwann doch ein wenig, aber nur, um eine andere, vielleicht bessere Futterstelle zu finden. Keines Blickes würdigt mich das Tier. Daran, dass ich Antwort auf meine Frage bekomme, brauche ich gar nicht mehr zu denken. Sie lässt mich jedenfalls vollkommen abblitzen.
Dabei wollte ich doch nur wissen, ob es ok ist, wenn ich ein Foto mache. Will ja auch nicht jeder – einfach so geknipst werden. Mag sein, dass sie für Touristen wie Städter ein malerisches Bild abgibt, aber sie ist sicher mehr als nur ein dekorativ in die Landschaft arrangiertes Zierobjekt, damit eben Oberbayern so aussieht wie es die Tourismus-Vermarkter Bayerns gerne hätten. Die Rinder sind kein Bestandteil eines Freilichtmuseums, Freizeit- oder Themenparks. Sie gehörten dahin und machen ihren Job. Und genau daher wollte ich artig fragen. Aber sie lassen mich nicht.
Ich werte diese Antwortverweigerung als „Ist mir egal!“, berufe mich auf deutsche Rechtsprechung, nachdem Tiere dem Gesetz nach einer Sache gleichgestellt sind (was auch für das Fotografieren relevant ist) und fotografiere sie vom öffentlichen Raum aus.
Kuh, die immer noch grast

Da! Plötzlich meine ich eine Reaktion zu erahnen! Oh ja!
Mangels Finger an den Klauen hebt das Vieh den erhobenen „Stinkeschwanz“ und streckt ihn mir entgegen. Eine kurze Geste nur, aber die ist eindeutig. Ich verstehe…

Kuh mit erhobener Schwanzspitze
Ok. Wenn das so ist!
Du mich auch, doch ’ne blöde Kuh.

Kuhflüsterer werde ich in diesem Leben jedenfalls nicht mehr.
Muss ich auch nicht.


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2 Antworten

  1. Bernhard sagt:

    Und übrigens wenn die Kuh hinterm Auto mit dem linken Auge blinzelt, will sie zum überholen ansetzen :-)

    LG Bernhard

  2. Linsenfutter sagt:

    Eine lustige Geschichte. Ich habe mich köstlich amüsiert.

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