Haarspitzensorgen

friseur„Es ist ein Desaster“, echauffiert sich mein guter Freund Peter und fährt mit der Hand durch’s Haar.
„Ach was, so schlimm ist das doch gar nicht“, widerspreche ich, aber ich ahne, dass Peter mit der Bemerkung nicht seine Frisur meint und sich so mitnichten beruhigen lässt. Nur: Was hätte ich sonst sagen können?
Dass er wirklich mal wieder zum Friseur muss? Dass er die Haare schön hat?
Egal was, es wäre falsch gewesen. Mein Freund Peter, der Stammlesern längst bekannt ist, befindet sich mal wieder im Modus Ich will mich aufregen. Und dann bringt ihn niemand davon ab. Das kenne ich bereits.
Widerstand ist zwecklos.
„Ich hätte längst zum Friseur gehen müssen“, berichtet Peter. „Aber irgendetwas kam immer dazwischen. Und es ist ja nicht gleich um die Ecke.“
Man muss dazu wissen, dass Peter nicht einfach nur zu irgendeinem Friseur geht. Seit Jahr und Tag besucht er den gleichen, Peter hat’s nicht so mit Veränderungen.
Der Salon seines Vertrauens war gleich um die Ecke, fußläufig zu erreichen, und bot damit alle Vorteile: Ein kurzer Weg und vor allem keine Parkplatzsuche. Dann aber zog der Friseur um, verließ Peters Wohnviertel und eröffnete 25 Kilometer entfernt am anderen Ende der Stadt ein neues Geschäft. Peter blieb ihm treu. Seitdem fährt er für einen Haarschnitt 50 Kilometer. Das kostet etwas mehr Zeit, aber es ist nicht zu weit für eine gute Frisur, aber darum geht es Peter gar nicht.


„Mein Friseur kennt eben jeden Wirbel auf meinem Kopf“, argumentiert er, als spräche er von einem Bobfahrer, der auf der Eisbahn jede Kurve studiert hat. „Da kann er nichts falsch machen. Und außerdem: Ich sage wie immer und dann ist Ruhe. Ich muss nicht jedes Mal erklären, wie ich die Haare geschnitten bekommen möchte. Und ich weiß im Vorneherein, dass es gut wird und ich nicht nachher wie ein Vollidiot herumlaufe.“
Wie gesagt: Experimente sind Peters Sache nicht.
Einmal, in einem Notfall, hatte er den neuen Salon in seinem Viertel ausprobiert, der das Ladenlokal übernommen hatte. Denn das blieb natürlich nicht lange umbesetzt. Eine Friseurin hielt Einzug. Leider auch ihr Mann, der jeden Abend und am Wochenende dort herumlungerte, besonders cool sein wollte, allen Kunden von seinen windigen Geschäften erzählte und auch sonst meinte, er sei ein toller Hund.
Peter gefiel das nicht. Und damit war er nicht allein. Niemand im Viertel mag solche prahlerischen Aufschneider, und schon gar nicht, wenn sie gerade erst hergezogen sind. Das war aber noch lange nicht alles, der tolle Hund war nicht der Einzige. Was heißt: War der Kerl da, scharwenzelte die ganze Zeit ein nach Peters Schilderungen kälbergroßer Hund durch den Salon. Und das ist schon mal gar nicht nach Peters Geschmack. Nach meinem übrigens auch nicht.
„Dauernd kam der Köter an, schnüffelte an mir herum und am Ende schleckte er mir plötzlich die Hand ab.“ Peter redet sich noch im Nachhinein in Rage…
„Da kannst Du glauben, dass ich das letzte Mal bei der zum Haareschneiden war.“
Das glaube ich ihm. Wort für Wort. Das hätte ich vermutlich auch nicht anders gemacht.
„Nun, lange hat die Tante mit ihrem Kerl und ihrem Köter sich sowieso nicht bei uns halten können. Irgendwann hat der Kerl seinen Sohn in den örtlichen Fußballverein gesteckt und sich kurz danach mit dem Trainer und dem Vorstand angelegt. Typisch halt. Wollte wieder auf dicke Hose machen. Aber da geriet er an den Falschen. Wenn Du sowas machst, Da kannst Du gleich einpacken und wegziehen.“
„Und was hat das Ganze jetzt mit Deinem Friseurbesuch vergangene Woche zu tun?“ frage ich ihm, um ihm endlich das Stichwort zu geben, auf das er so sehnsüchtig wartet.
„Da ist jetzt wieder ein neuer Salon. Lang genug stand der Laden ja leer.“
„Und Du bist tatsächlich hin?“ Ich kann es kaum glauben.
„War halt so ’ne spontane Idee von mir.“ Das kann nicht sein. So viel Spontanität hat Peter nicht. War wohl eher ein Notfall. Wie dem auch sei…
„Ich bin also am Samstag rein in den Salon…“, beginnt er, von dem Desaster zu erzählen.
Dass er unverrichteter Dinge den Salon verlassen hat, sehe ich seinem Haarschnitt an. Der ist nun keineswegs desaströs. Also muss die Ursache in Peters Verärgerung darin liegen, dass er keinen Termin bekommen hat. Mit der Vermutung liege ich richtig.
„Ich hab die Friseurin gefragt, ob spontan ein Termin frei sei. Die war allein im Salon und schnitt gerade einer Kundin die Haare. Sonst war niemand da. Ehrlich. Kein Kunde, der gewartet hätte. Da muss doch was gehen.“
Offensichtlich aber ging nichts.
„Nee, hat die geantwortet, da müsste ich am Montag wiederkommen oder am Mittwoch.“
„Na ja, sie wird das Terminbuch voll gehabt haben“, wage ich einen Einwurf.
„Ach was. Ein Herrenschnitt dauert 20 Minuten. Den bekommst Du immer dazwischen gequetscht. Du musst es nur wollen.“ Peter ist in seinem Element – in Rage.
„Und außerdem:“, fährt er fort. „Wenn ein wildfremder Mensch in den Salon kommt um sich die Haare schneiden zu lassen, dann muss sie doch merken, dass sie die Chance hat, einen neuen Kunden zu gewinnen. Sie kannte mich ja nicht!“
Da hat er Recht.
„Aber so bekommt sie ganz sicher keine Kunden! Das wäre meinem Friseur nie passiert. Da ist niemand mit ungeschnittenen Haaren oder zumindest einem festen Termin gegangen.“
So kenne ich Peter. Sein Puls rast. Sein Gemüt auch.
„Ich mein: Wie dämlich war das denn? Die hätte sich doch denken können, dass ich nicht wiederkomme, da ist der Kunde weg, noch bevor sie ihn hat…“
Ich versuche, die Frau zu verteidigen: „Na ja, 20 Minuten dauert es nur ohne Waschen. Das konnte sie ja nicht wissen. Mit Waschen dauert es viel länger. Es war Samstag, sie wollte vielleicht dann auch mal ins Wochenende.“
Peter schaut mich scharf an: „Papperlapp. Glaubst Du etwa, ich gehe mit ungewaschenen Haaren aus dem Haus? Als Profi hätte sie das sehen können.“
Das hätte sie wirklich. Peter geht sicher nie mit ungewaschenen Haaren vor die Tür.
Aber mit ungeschnittenen…

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