Als Tourist daheim (#13): Der Fünf Seen Tag / Teil 2

Fünf Seen an einem Tag? Kann man machen.
Teil 1 hier.

„Scheiß drauf!“ denke ich, als ich im Auto sitze. Dann eben nicht der Wagenbrüchsee. Vielleicht hört der Regen ja irgendwann wieder auf, fahre ich halt nach Mittenwald. Das ist nun auch nicht mehr weit und den Lautersee wollte ich ohnehin auch mal sehen. Freund Alex verbringt mit einem Maler und Galeristenfreund dort regelmäßig ein paar Tage für seine Plein Air Kunst. Hat er nicht in seinem Youtube Channel noch so davon geschwärmt und gleichzeitig ganz Mittenwald samt Bergschützen und Tourist:innen vergrätzt, weil er die Kapelle Maria Königin als an „Kitsch nicht zu überbieten“ bezeichnet hat. „Sie hat ein bissl was von Disneyland!“

Davon kann ich mich gleich mal überzeugen – und ja: Alex, recht hast Du! Gern hätte ich Dir direkt von der Kapelle aus ein Bild geschickt, aber wieder ist der Zugang zum Netz unsagbar schlecht. Dann eben später.

3. Lautersee

Vollkommen voreingenommen von seinem harten Urteil stapfe ich zum See und der Kapelle hinauf. Wolkenverhangen die Berge, alles trüb, alles grau, nass und kalt. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Vom Wetterstein ist gar nicht erst was zu sehen, der Karwendel nur zu erahnen. Ich werde wohl noch einmal herkommen müssen. Maria Königin kann ich mir aber dann klemmen – es trieft vor Idylle, postkartenkitschig und maximal instagramtauglich, aber baulich eben arg Disneyland. Vielleicht löse ich jetzt damit ebenfalls ganz viel Widerspruch und Empörung aus, aber diese Kapelle ist vielleicht gut gewollt, aber das war’s dann auch. Die Grenze von der Kunst zum Kitsch ist weit überschritten. Am misslungensten ist dieses Baldachin-Vordach, das dem Schutz des Reliefs dient.

Ich gestehe, ich bin versucht, an die Kapellenwand zu klopfen um zu prüfen, ob die gemauert oder nur aus Holz und Rigips ist. Wie so eine Filmkulisse.

Als der Regen zunimmt, flüchte ich mich ins Wirtshaus zu Tiroler Gröstl und Almdudler. So der Plan, aber Almdudler gibt es heute nicht. Er wurde bei der Bestellung vergessen, was die Wirtin mit dutzenden Entschuldigungen erzählt. Also bestelle ich eine Schorle. Es ist ja auch nur irgendwie das etwas zwanghafte Festhalten am Klischee, dass man in den Bergen Gröstl und Almdudler zu sich nehmen muss, als gäbe es beides nicht auch daheim.
Fast ist das so, als wolle man in Spanien unbedingt eine Paella essen, als gäbe es auch nichts Anderes. Während der Regen rauscht, genieße ich das Gröstl, verfluche wieder den desolaten Netzempfang samt aller politisch dafür Verantwortlicher.

Die Wirtin ist auf Plaudern aus, setzt sich einen Moment zu mir und erzählt, dass sie fest damit rechnet, dass es heuer noch einmal Schnee geben wird, obwohl sie selbst sehnsüchtig den Frühling erwartet, auch damit die Gastronomie wieder in Schwung kommt. Denn ich bin neben einem kaffeetrinkenden Paar samt Hund unter dem Vordach der Terrasse, der einzige Gast.
Als ich beim Espresso angekommen bin, verkündet die Wirtin, es habe nun endlich aufgehört zu regnen. Ich packe meine Siebensachen, also die Kamera und den Rucksack, ziehe die Jacke, die ich das Schaf nenne und die nun unverkennbar und merklich nach nassem Tier riecht, an und verabschiede mich.

Ein paar zuvor gemachte Bilder mache ich noch einmal, ich versuche mich mit Langzeitbelichtungen, beobachte, wie ein Tropfen nach dem anderen aus der Regenrinne eines Bootshauses in den See fällt und halte drauf.

Dann setze ich die Umrundung des kleinen Sees fort links und rechts blühen Leberblümchen, Veilchen, Windröschen und Erika.

Viele Bilder entstehen, bevor ich den See vollständig umrundet habe und wieder hinunter nach Mittenwald zu meinem Auto laufe. Genug für meine Sammlung, im Sommer werde ich mein Glück noch einmal versuchen. Der oligotrophe See soll dann grün schimmernd glänzen, der Nährstoffmangel macht das Wasser sehr klar, so dass man auf den Grund sehen kann. Ich bin gespannt.

Warum nicht auf dem Rückweg am Walchensee und am Kochelsee vorbei fahren? Es wäre kein Umweg und sicher gut für das eine oder andere Bild. Fünf Seen an einem Tag. Das geht, auch wenn es ursprünglich so nicht geplant war. Aber man ist ja flexibel

4. Walchensee

Am Rückweg halte ich noch einmal bei Einsiedl am Walchensee. Im November, als der erste Schnee fiel, war ich schon mal zum Fotografieren hier, damals aber auf der anderen Seite bei Niedernach. Nun sollen ein paar Stopps mir mehr Bilder liefern. Auch diesen See werde ich im Sommer noch einmal zum Schwimmen aufsuchen (müssen), denn drin war ich noch nie. Der Plan reift, an einem Tagp zum Wagenbrüch-, Barm- und Grubsee und an einem anderen zum Kochel-, Walchen- und Lautersee zu fahren. Drei zum Schwimmen, das geht. Und die jeweils drei Seen liegen wirklich recht nah beieinander. Damit könnte ich sechs weitere Seen von innen kennenlernen und vielleicht kann ich dann auch die Zeit abzwacken und mit der Herzogstandbahn auf den Berg fahren. Die Aussicht soll ja famos sein. Mal sehen. Vorerst begnüge ich mich mit dieser ebenfalls famosen Aussicht über den See.

Hinter dem Ort am Badeplatz (habe ich den also auch gefunden) ganz in der Nähe der Herzogstandbahn mache ich noch einmal Halt, schaue hinüber aufs Klösterl und den See, dessen Wasserstand zur Zeit recht niedrig ist.

Dann geht es die B11 weiter nach Norden.

5. Kochelsee

Vom Walchensee zum Kochelsee ist es ein Katzensprung, knapp 6 Kilometer über den Kesselberg, Serpentinen rauf und wieder Serpentinen runter. Als unfallbehaftete Strecke wurden vor Jahren feste Fahrbahntrenner in einigen Abschnitten montiert, was mich nötigt, die Strecke gleich dreimal zu fahren. Einmal nach Kochel, dann unten umkehren, denn auf der Fahrtrichtung nach Süden sehe ich einen Parkplatz mit Panoramablick, den man aber vom Walchensee kommend wegen der Fahrbanntrenner nicht anfahren kann.

Was bedeutet, dass ich nach dem obligatorischen Panoramafoto ein gutes Stück bis Urfeld fahren muss, bevor ich wieder drehen kann, um endlich in Altjoch am Kraftwerk zum See zu kommen.

Mittlerweile ist es tatsächlich nur noch leicht bewölkt, fast sonnig, aber auch später Nachmittag. Unzählige Fotos entstehen am Altjoch, mit Schild, Baumstümpfen und Blässhühnern im Vordergrund und dem Kloster Schlehdorf am gegenüberliegenden Ufer im Hintergrund.

Das Kloster wird von der Sonne angestrahlt, es könnte ein wunderschönes Bildmotiv sein, wenn nicht das Kies- und Sandwerk davor jedes einzelne Bild verschandeln würde. Schwenke ich das Objektiv jedoch etwas weiter nach rechts Richtung Kochel am Ostufer des Sees ist hingegen alles einfach nur wunderbar und idyllisch. Auch ein Postkartenmotiv. Und so ganz anders als die anderen Seen, denn nördlich vom Kochelsee ist die Landschaft bretteben.

Nach einem Spaziergang am Ufer trete ich den Heimweg an, mache im Ort Kochel aber noch einmal Station. Ich schaue hinüber zum Stein, hinter dem langsam wieder Wolken aufziehen und die Sonne verschwindet. Die Kamera lege ich auf die Bank neben mich. Mit Selbstauslöser und einer Belichtungszeit von zwei Sekunden entsteht eine ganze Bilderserie. Das Wasser bewegungsunscharf, der Berg und die Wolken allerdings scharf.

Ich sollte öfter und mehr experimentieren. Die Kamera kann das.
Und ich bald auch…


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1 Antwort

  1. Ulli sagt:

    Ich finde diese Kapelle auch sowas von kitschig, ich denke an ein Zuckerhäuschen und auch an Disnyeland, aber an letzteres denke ich eh öfters.
    Eine Wohltat sind deine Seenbilder.
    Herzlichst, Ulli

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