Punk ist nicht tot – Punk hat Museumsreife

Dass Punk nicht tot ist, ist nichts Neues. Punk ist in die Jahre gekommen, graumelliert und Mitte fünfzig, die einstigen Heroen noch älter. Aber er ist immer noch da und immer noch in jeder Generation relevant. Denn Punk ist Musik, aber nicht nur; Punk ist ein Kleidungsstil und doch weit mehr: Punk ist eine Lebenseinstellung, Gesinnung, Weltanschauung, Kunst, Protest, Kultur, Kommerz… und Punk ist mittlerweile museumsreif.

Letzteres ist auch nicht neu, aber zeigt, dass Punk einen erheblichen Anteil an den gesellschaftlichen Strömungen seit den 70ern hatte, ein wichtige Rolle gespielt hat, früher wohl mehr als heute und dass Punk da angekommen ist, wo er nie hin wollte: In die Galerien, bestaunt und bisweilen nostalgisch verklärt von der Generation Ü50, die vor den Exponaten stehen, ein wenig wehmütig in der eigenen Vergangenheit kramen, ihre Jugend wiederfinden in Fotos, sich an Konzertplakate und Kleidungsstücke erinnern und sich von der Beschallung aus den Kopfhörern zu leichten Wippbewegungen hinreißen lassen.
Alles so zu erleben derzeit in der Städtischen Galerie Rosenheim, in der derzeit die Ausstellung PUNK – Wir versprechen nichts zu bestaunen ist. Sorgfälig und intelliegent kuratiert vom Geburtsort des Punks im New York der frühen 70er, nach London, Düsseldorf, Berlin… und Rosenheim, denn während Punk im Deutschland der 70er und 80er die Subkultur der Großstädte im Sturm eroberte, musste der Punk in Bayern aufs Land ausweichen. Zu hart, zu laut, zu aggressiv für München – rigide Polizeieinsätze sicherten München, seinem Schickimicki und der Disco Musik von Giorgio Moroder ein friedliches Existieren – Punk erblühte dann eben in Rosenheim oder Ampermoching.


Während die Älteren noch gedankenversunken durch die Ausstellung schlendern oder ob ihrer müden Knie vor einer Bilderschau auf einer Bank Platz genommen haben, schauen die Jüngeren voller Ehrfurcht auf Exponate purer Geschichte, manchmal etwas ratlos:  Fanzines aus Fotokopieren, wer kennt sowas heute noch?
Und die ganz jungen müssen sich vermutlich die Geschichten der Älteren anhören: „Früher… weißt Du… damals… als wir…“


Ich bin begeistert, wie viel auf engem Raum untergebracht wurde.
Nun ist es nicht so, dass ich in meiner zarten Jugend eine große Affinität zum Punk gehabt hätte: Wie gesagt: Zu laut, zu wütend, zu aggressiv, zu rau. Vor allem aber zu destruktiv. Nur dagegen sein, reichte mir schon damals nicht No future war nicht meines. Und dem Punk fehlte jeglicher Wille, konstruktiv an irgendetwas mitzuarbeiten, sich um die Belange und Probleme der Welt zu kümmern. Kein Engagement für nichts und für niemand.


Trotzdem war Punk natürlich da, er war Teil der 70er und frühen 80er, bevor er sich vorübergehend selbst in Deutschland in der Neuen Deutschen Welle pulverisierte, Teile im Mainstream landeten, was so viel heißt, dass die Toten Hosen heute fast schon Schlagermusik machen und Iggy Popp zur Merchandising Spielfigur kommerzialisiert wurde. Trotzdem ist Punk nicht tot.
Was mag wohl so einer denken, wenn er eine Spielzeugfigur oder einen solchen Fanartikel von sich selbst freigibt und später im Handel wiederentdeckt?

Der Blick in die Wurzeln ist aber auch ohne Punk-Vergangenheit spannend und enorm lehrreich: Es geht ins New York der 70er, in der Zeit, als, so lese ich auf erklärenden Tafeln, die Blumen in den Haaren welk wurden, New York der stadtgewordene Albtraum eines Travis Bickle als Taxi Driver oder eines Snake Pliken als Klapperschlange war, gleichzeitig aber die Hochburg Andy Warhols und seiner Factory – keiner Keimzelle des Punk aber doch selbigen stilistisch beeinflussend.

Oder der Blick nach London nach Soho in die Carnaby Street, auf Vivian Westwood, die Sex Pistols und The Clash.
Oder der Blick in die deutsche Magazinwelt der Zeit: Ein wütend vernichtender Text im Spiegel, ein hilfloses Geschreibsel in der Bravo. Und dann Düsseldorf: Für mich damals als Teenager so nah und doch so fern. Der Ratinger Hof, Joseph Beuys, Andreas Frege, der später zu Campino wurde… Punk war früh in Nordrhein-Westfalen verwurzelt.


Dann Punk in Berlin in beiden Teilen der getrennten Stadt:  Durch die Mauer getrennt aber geeint im Dagegen sein, gegen das Establishment im Westen, gegen das politische Regime im Osten. Punk der provozieren wollte: In London mit Hakenkreuz T-Shirt, in Düsseldorf mit Pressefotos aus der RAF-Zeit.
Kunst von Lisa Endriß aus den 80ern oder Fehlfarben-Schlagzeuger Markus Oehlen… Es ist unglaublich, wie viel in diese überschaubaren Ausstellungsräume passt und gepackt wurde. Punk ist eben museumsreif geworden.
Und das ist gut so.

Immer wieder schleiche ich zur Hörstation in Raum 2 – vergeblich, die Kopfhörer sind stumm. Dabei hätte ich doch sofort und auf der Stelle London Calling von The Clash hören wollen. Nicht, dass ich den Song nicht in meiner Playlist im Wischphone habe, aber ich hab keine Plugs dabei. Daher müsste ich es  selber singen:

London calling to the faraway towns
Now war is declared and battle come down
London calling to the underworld
Come out of the cupboard, you boys and girls

 

Tu ich aber nicht, das will doch keiner hören. Das wäre kein Punk, das wäre peinlich.

PS: Wer eine Affinität zum Thema hat und im Großraum Rosenheim lebt oder dort vorbeikommt, ein Abstecher in die Städtische Galerie lohnt sich unbedingt. Die Ausstellung läuft nur bis Mitte April. Näheres hier.

 


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