Napoleon und die baierischen Pyramiden

Angefressen gewesen war der Kaiser. Und zwar so richtig. Der Eroberung der Länder jenseits des Rheins, da, wo der Erzfeind haust, lief gut. Aber es gab Rückschläge. Vor allem die Österreicher wehrten sich nach Kräften, wenn auch (wen wundert’s?) nicht allzu viel dabei herauskam.

Schlacht von Hohenlinden in einer zeitgenössischen Darstellung

Napoleon - portraitiert von Hippolyte Delaroche 1846.

Napoleon – portraitiert von Hippolyte Delaroche 1846.

Napoleon nahm Europa im Sturmlauf. Die Schlacht bei Hohenlinden im Dezember 1800 fügte den österreichisch-bayerischen Truppen eine schwere Niederlage zu. Rund 13.000 Tote auf österreichisch-bayerischer Seite, auf französischer liegen die Schätzungen bei 2.500 bis 6.000 Toten. Welch ein Wahnsinn.
Heute befinden sich auf dem Gebiet der ehemaligen Schlacht zwischen Maitenbeth und Hohenlinden zahlreiche Informationstafeln – und so manche Geschichte rankt sich um die Orte, so zum Beispiel auch die vom Reiter im Müllner Bründl. Kaum eine Kindergarten- oder Schulkindergruppe bei uns in den Dörfern, die keinen Ausflug zu dieser kleinen Quelle im Wald macht, kaum jemand hier, der die Geschichte von der wundersamen Rettung des Mannes nicht kennt.
Trotzdem: Der Kaiser muss damals getobt haben – denn es lief nicht rund in diesem und mit diesen Baiern (damals noch mit i geschrieben). Es fehlte, was für einen so großen Feldführer und Kriegsherren unbedingt erforderlich ist: Geeignetes, militärisches und topographisches Kartenmaterial des Feindeslandes.
Also ordnete Napoleon eine Vermessung an. Im Sommer 1801 begann die „Commmission des routes“ unter seinem Generaladjutanten d’Abancourt mit der Arbeit.
Nachdem die Franzosen aber weiterzogen, weil Kurfürst Max IV. und damit Baiern die Seiten wechselte, also sich mit den Franzosen verbündete, geriet das Projekt in bayerische Hände.
Der von Napoleon kurz darauf zu König Max I. beförderte Fürst ließ die Vermessung Baierns orgnaisieren, um damit die Grundlage eines umfangreichen Kartenwerks zu schaffen. Dazu wurde eine Basislinie gezogen, zeitweilig Base de Goldach genannt. Ausgangspunkt war der nördliche Turm der Münchner Frauenkirche.
Erster Messpunkt war die von dort aus sichtbare Turmspitze der Aufkirchner Kirche Johannes Baptist.

Als zweiter Basispunkt wurde ein Hügel am östlichen Rand des Dorfes Unterföhring genau auf dieser Achse bestimmt. Zwischen diesen beiden Basispunkten wurde nun die Strecke vermessen: 7.4191,6 bayerische Ruthen, was heute 21.653,21 m entspricht. Gemessen wurde quer durch Moore, Wiesen, Felder und über Bäche und Gräben hinweg, unter anderem über die Goldach.
Diese Basislinie bildete die Grundlage für die Vermessung und Kartographierung Baierns.
Beide Eckpunkte wurden und sind bis heute mit Pyramiden aus Tuffkalk markiert. Hundert Jahre später wurde die Strecke neu vermessen, es ergab sich eine Differenz von nicht mal einen Meter.

Warum erzähle ich das? Weil ich seit geraumer Zeit nahezu täglich an einem kleinen Schild bei Unterföhring vorbei fahre, auf dem geschrieben steht: Basispyramide Fußweg. Und mit jedem Mal wuchs die Neugier, was das eigentlich ist, eine Basispyramide.
Nur dauert es eine geraume Zeit zwischen dem ersten Impuls Das muss ich unbedingt mal googlen bis zu dem Moment, am dem man es wirklich macht. Und: Oh Wunder! Erst dann erfahre ich, dass es eine zweite Basispyramide gibt. Oben bei Aufkirchen direkt vor den Toren Erdings.

Ich beschließe, beiden Basispyramiden einen Besuch abzustatten, denn nun ist meine Neugier grenzenlos. Nicht, dass mich Geographie oder gar Kartographie bisher besonders interessiert hätte. Trotzdem. Zunächst nach Aufkirchen:

Ich erwarte nichts Besonderes an und von diesem Ort und genau das liefert er auch.
Von Ferne ist die Aufkirchner Badispyramide kaum wahrzunehmen. Der Weg führt  mehr oder weniger querfeldein, denn sie steht im Rübenacker direkt neben einem Maisfeld. Manches Jahr wohl auch mittendrin.

Und sie steht einfach da, hat nichts zu bieten außer sich selbst und mächtig viele Brennnesseln an ihrem Marmorsockel. Kein geheimnisvoller Ort (Kartographie und Geographie haben nichts Mythisches, geschweige denn Mystisches), alles furchtbar profan, alles erstaunlich banal. Hier regiert nüchterne, Fakten schaffende Wissenschaft.

Zwei Hinweistafeln auf dem Tuffkalk  erklären, um was es hier geht. Von Napoleon allerdings kein Wort.

Das war’s.
Lediglich ein winziges Geheimnis birgt die Pyramide heute und sie gibt es den Besuchern, so sich wer überhaupt mal hierher verirrt, auch nicht preis. Auf zwei sich gegenüberliegenden Seiten sind unten an der Pyramide zwei kleine eiserne Türchen angebracht, dahinter eine Kammer für die einstigen exakten Basismesspunkte. Was mag sich wohl sonst darin befinden?

Im Abendlicht ist in der Ferne das neue Windrad von Fröttmaning zu sehen. Knapp 20 Kilometer sind es bis dahin. Irgendwo in dieser Richtung, aber ein Stück weiter südlich, steht die zweite Basispyramide. Zu sehen ist sie natürlich nicht. Aber ich weiß: Sie ist 21.653,8 m entfernt. Ich liebe sie, die exakten Wissenschaften.

Ein wenig mystischer geht es da 425 m weiter nordöstlich zu, quasi in der direkt in Verlängerung der Basisgrundline.
Dort liegen in der Kirche St. Johannes Baptist die Gebeine des Heiligen Clemens:

Aber die Gebeine des selben Heiligen sind auch in Malta, England und Russland zur Anbetung und/oder zur Schau gestellt. Das muss also eine vielschichtige, wenn nicht multiple Persönlichkeit gewesen sein, dieser Clemens.
Vielleicht halte ich es da doch besser mit der exakt messbaren Linie der Kartographen, die nämlich ist überprüfbar. Heutzutage dank Google Maps sogar vom eigenen Laptop aus. Da wäre Napoleon sicher furchtbar neidisch…

 

21.653,21 m ist die Basispyramide in Unterföhring entfernt. Oder eben nur einen Klick…


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