Rares statt Bares – ein Linhof Stativ

Seit Jahren liegt bzw. lag auf unserem Dachspeicher ein altes Linhof Stativ aus Aluminium. Einst hatte es meinem Vater gehört. Und bevor es auf dem Speicher lag, lag es mindestens genauso lange in seinem Büro auf einem Schrank: Unbenutzt, versteht sich. Während es sich noch in seinem Haus in Hagen befand, war es noch einigermaßen geschützt, bei uns allerdings war es das nicht mehr.
Wobei das Stativ an sich ziemlich unverwüstlich ist, will sagen: Weder Staub noch Spinnweben, die sich zwischen seinen drei Beinen verfangen haben, konnten diesem Erbstück ernsthaft etwas anhaben. Eigentlich war es sogar schon im Müll, mehrfach sogar, denn bei der Auflösung seines Haushalts wäre es fast in der Masse für den Entrümpler gelandet. Einer sehr spontanen Intuition und einem beherzten Zugriff meinerseits im letzten Moment zufolge landete es in meinem Kofferraum und nicht im Altmetall oder auf einem Flohmarkt.

Linhof Stativ

Vom Kofferraum ging es direkt auf den Speicher – zur späteren Verwendung irgendwann, wobei später dieses berühmte Irgendwann mal meint, was in der Skala der Absichten kurz vor dem Niemals steht.

Ein einziges Mal habe ich es in die Hand genommen und festgestellt, dass die Gewindeschraube nicht in die Kamera passt, es ist eine andere Zollgröße. Also zurück auf den Speicher. Man muss wissen, dass die modernen Systemkameras wie die älteren Spiegelreflexkameras eine andere Zollgröße (1/4 Zoll) haben als die alten Kameras meines Vaters, allen voran die Leica (3/8 Zoll).
Die Leica verwendete mein Vater zum Fotografieren sehr selten. Statt dessen nahm er seine kleine Rollei und später die Minox mit. Alles andere war ihm irgendwann zu aufwendig und zu viel Schlepperei geworden. Folglich brauchte er das Stativ eigentlich nicht mehr, was so viel heißt: Er benutzte es nicht mehr. Als ich Interesse anmeldete, lehnte er ab, er hätte es ja vielleicht noch gebrauchen können. Und wenn nicht zum Fotografieren, dann zu irgendetwas anderem, was immer das hätte sein können. Irgendetwas würde ihm schon einfallen. Selbst aus der völlig ramponierten alten Wäschespinne meiner Mutter sägte und bastelte er zum Beispiel irgendeine obskure Rankhilfen für die Brombeeren.

Linhof Stativ auf dem Tisch

Das Linhof-Stativ aber blieb unangetastet im Büro und später nach der vergeblichen Ankopplung an die Kamera auf unserem Speicher.

Bis vor kurzem. Schuld ist wieder mal mein Freund Alex, der in einem seiner YT-Videos erzählt und äußerst liebevoll vorführt, wie er eine uralte Dynamo-Taschenlampe, die er bei Ebay ersteigert hat, erst auseinanderbaut, säubert, ölt und dann wieder zusammenmontiert. Das Ganze als Reminiszenz an seinen Vater. Schauen Sie sich das Video an, so beinahe banal, wie das Thema klingt, ist es nämlich nicht. Im Gegenteil: Es ist ein Zeugnis der Liebe zu alten Geräten mit viel Nostalgie und einer Nuance von Melancholie.
Nun fehlt es mir zwar nicht unbedingt an Liebe zu alten Geräten, aber an der zu Dynamotaschenlampen. Dafür habe ich allerdings ein Linhof Stativ und Alex nicht.
Das krame ich erneut hervor, wecke es quasi ein weiteres Mal aus seinem Dornröschenschlaf und suche im Netz nach Adaptern, damit ich meine Kamera mit dem viel zu engen 1/4 Zoll Female-Gewinde auf die fette 3/8 Zoll Male-Schraube bringe. Schnell bin ich fündig: Für 12 Euro kann ich ein Set mit 21 Adapter-Kombiteilen kaufen, mit dem ich alles mit allem verbinden kann. Aber eben 20 Teile kann ich danach sofort ungenutzt wegwerfen oder in einer Schublade den Tod durch Vergessen sterben lassen. Das kann’s ja wohl nicht sein.

Linhof Stativ - Detail

An der Stange des Stativs entdecke ich plötzlich am unteren Ende ein kleines Schraubgewinde. Hallo? War das vorher auch schon da? Und wenn ja, warum habe ich es nicht gesehen?

Also nehme ich das gesamte Stativ auseinander, nur um festzustellen, dass die Gewindeplatte, die sich auf den schwenkbaren Kugelkopf schrauben lässt, umdrehbar ist. Eine 3/8 und 1/4 Zoll Gewindeschraube auf je einer Seite. Bingo. Sechser im Lotto. Die kleineres Schraube passt perfekt in die Kamera. Manchmal bin ich eben ein Trottel und gehe einer Sache nicht richtig auf den Grund. Denn beinahe hätte ich das an sich voll funktionsfähige und extrem leichte Aluminium- Stativ schon wieder in die Tonne gekloppt – vor lauter Ärger, dass es nicht passt.

Jedes Einzelteil reinige ich erst mit Wasser und Spülmittel, anschließend gehe ich mit einem Lappen und etwas Kriechöl zu Werke. Schon nach Kurzem drehen sich alle Schrauben wieder, die Kugel im Kopf bewegt sich wunderbar leicht, die Beine sind wieder ohne Gekratze ausfahrbar. Und fast alles glänzt wie neu.

Linhof Stativ - Schriftzeichen auf dem Aufsatz

Fertig.
Das wäre der Moment, das Stativ dem Experten Sven Deutschmanek auf den Expertentisch zu legen. Was würde der mir nicht alles erzählen über Linhof und bla bla bla: Die älteste noch existierende Firma, die Systemtechnik und Kameras herstellt, Sitz in München und weiteres, was man eben auch selber auf Wikipedia nachlesen kann. Oder glaubt hier ernsthaft irgendwer, die Experten bei Bares für Rares wüssten das alles aus dem Kopf und suchen sich nicht, bevor die Kamers aktiv sind, alles im Netz zusammen?

Wappen von Linhof auf dem Dreibein Stativ

Deutschmanek würde vielleicht auch von den berühmten Perka- und Technika-Kameras von Linhof reden und schließlich auf das Stativ selbst zu sprechen kommen Er würde mich auf die kleine Delle hinweisen (wertschmälernd), die etwas abgeplatzte Lackierung (auch wertmindernd) und natürlich die vollkommen desolaten und durchgehärteten Gummifüße zur Sprache bringen. Schließlich würde er das Alter auf 50 bis 70 Jahre schätzen. Aber schätzen kann ich auch das selbst. Anders kann es schließlich nicht sein, mein Vater hat das Stativ sicher frühestens in den 50ern gekauft und wir hatten es definitiv in den 70ern im Haus.
Dann würde ich von Horst Lichter mehrfach genötigt, einen Wunschpreis zu nennen, den Sven vermutlich bestätigt, denn den Markt kann ich ja auch vorher abchecken und einen realistischen Preis nennen. Irgendwo zwischen 50 und 80 Euro liegt der – so stehen zumindest die ganzen Ebay-Angebote. Und falls ich die blöde Karte bekommen würde, müsste ich es schließlich den Händlern von Bares für Rares zum Verkauf anbieten.

Will ich aber nicht – ich will das selbst behalten und benutzen.

Linhof Stativ - Auf geht's

Seine berühmten Achzisch Euro kann Waldi gern anderweitig investieren. Das Teil muss auch nicht in gute Hände kommen; da ist es nämlich schon.
Anerkennung kommt von Profi Alex, dem als Kameramann die Firma Linhof ebenso etwas sagt, wie dem Nachbarn, der jahrelang in einer Fachfirma für Kameraequipment gearbeitet hat. Linhof – den Namen kennt man. Hab ich quasi das Jaguar E-Type Cabrio unter den Stativen wieder in Betrieb genommen?

Ach so, bevor ich es zu erwähnen vergesse: Es ist eben doch allen Lästerteien zum Trotz hilfreich, gelegentlich die Wiederholungen von Bares für Rares auf ZDF-Neo zu schauen. Man lernt so viel. Zum Beispiel, was das ganze Zeugs wert sein könnte, was auf dem Speicher herumliegt…


Vielen Dank fürs Lesen.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, dann freue ich mich, wenn Sie ihn Ihren Freunden weiterempfehlen – z.B. über Facebook, Twitter, in Internetforen, Facebookgruppen o.ä.
Haben Sie Fragen oder Anmerkungen zu diesem Beitrag? Dann nutzen Sie bitte das Kommentarfeld.
Gern dürfen Sie meine Artikel auch verlinken.

Wenn Sie mehr von mir und meiner grantigen Stimmungslage lesen wollen, dann empfehle ich dieses Buch: Renate und das Dienstagsarschloch , das Sie in meinem Web-Shop aber auch in jeder stationären Buchhandlung bestellen können. Klicken Sie auf die Cover-Abbildung um mehr Informationen zu erhalten und in den Web-Shop zu gelangen.
Mehr von meinen Schwimmerlebnissen in Frei- und Hallenbädern, in Seen, Weihern, Flüssen und im Meer finden Sie in meinem Buch Bahn frei – Runter vom Sofa, rein ins Wasser , das Sie ebenfalls in meinem Web-Shop aber auch in jeder stationären Buchhandlung bestellen können.

Diesen Beitrag weiterempfehlen:

4 Antworten

  1. Linsenfutter sagt:

    Wenn Du mit dem Teil bei Bares für Wares bist, wäre es schön den Sendetermin zu erfahren. Ich mag die Sendung, aber Linhof, beim richtigen Teil, erzielt bei Kennern schon richtig Kohle.
    LG Jürgen

    • zwetschgenmann sagt:

      Unwahrscheinlich, dass ich jemals in einem solchen Format (oder einem anderen) mitmachen würde. Dazu bin ich viel zu nah dran an all dem und weiß, wie das produziert wird und was davon alles „scripted ist.

  2. piri sagt:

    Ja, dann viel Spaß damit!

  3. Axel sagt:

    kleiner Tipp. Du hättest auch bei einem Metallbetrieb die 3/8 Schraube auf 1/4 Schraube runterdrehen lassen können, da 3/8>1/4 ist

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wenn Sie einen Kommentar hinterlassen, speichert das System automatisch folgende Daten: Ihren Namen oder Ihr Pseudonym (Pflichtangabe / wird veröffentlicht)

1. Ihre E-Mail-Adresse (Pflichtangabe / wird nicht veröffentlicht)
2. Ihre IP (Die IP wird nach 60 Tagen automatisch gelöscht)
3. Datum und Uhrzeit des abgegebenen Kommentars
4. Eine Website (freiwillige Angabe)
5. Ihren Kommentartext und dort enthaltene personenbezogene Daten

Achtung: Mit Absenden des Kommentars erklären Sie sich damit einverstanden, dass alle eingegebenen Daten und die IP-Adresse nur zum Zweck der Spamvermeidung durch das Programm Akismet in den USA überprüft und gespeichert werden. Weitere Informationen zu Akismet und Widerrufsmöglichkeiten.

%d Bloggern gefällt das: