Effekthascherei im Olchinger See

Ich hätte skeptisch sein sollen. Zwar ist der Olchinger See im Take me to the lakes aufgeführt und gilt damit zumindest nach diesem buch als einer der 50 schönsten Badeseen rings um München. Aber die Beschreibung des Sees im Buch ist eher nichtssagend, phrasenhaft und irgendwie den Eindruck erweckend, als wüssten die Autoren nicht wirklich etwas Besonderes über den See zu berichten. Im Vergleich zu den teils euphorischen anderen Texten sticht das regelrecht ins Auge. Trotzdem: Er ist nun mal drin im Führer, ich war noch nie dort und für mein Vorhaben, möglichst viele Seen in der Region kennenzulernen, ist er zumindest eine weitere Nummer auf der Liste: Nr. 63, um genau zu sein.
Hinfahren wollte ich schon seit längerem, aber mit über 60 Kilometern Entfernung ist das für einen größeren Kiesteich ganz schön weit. Nach der Arbeit aber ist die halbe Strecke gemacht, dann sind es nur noch 26 Kilometer – ein Katzensprung.
Oder auch nicht, wenn auf der Autobahn zwei LKW eine sehr kurze, aber umso heftigere Liaison eingegangen sind und sich alles staut und die Moosacher Straße, die Richtung Westen aus der Stadt herausführt, sich auf eine Spur einschnürt. Dann kann man für 26 Kilometer auch schon mal mehr als eine Stunde brauchen. Entsprechend genervt erreiche ich den See, von dem ich jetzt ganz Besonderes erwarte, quasi als Entschädigung für die Fahrerei.
Was ganz Besonderes liefert der Olchinger See aber nicht. Er ist „nur“ ein weiteres, größeres Kiesloch, das zu einem See samt großzügigem Freizeitgelände drum herum ausgebaut wurde.
Selbst Schuld: Meine zu hohen Erwartungen, mein hausgemachtes Problem. Jetzt aber nicht ärgern, der See kann nichts dafür. Konzentriere Dich lieber auf die Sonnenseiten, die schönen Aspekte:

Erstaunlich warm ist das Wasser. Das sehen drei testosterongesteuerte junge Burschen allerdings ganz anders. Sie stehen schnatternd und zaudernd an einer der vielen Einstiegsstellen, tasten sich schrittweise weiter, während all die anderen – vornehmlich die Älteren, die zum schwimmen hergekommen sind – nicht so einen Aufstand machen, wie kalt angeblich das Wasser ist. Bei den Dreien, die fast eine Viertelstunde schon da herumstehen, ist viel Show dabei. Sie stehen da, als ich komme, sie stehen noch immer da, als ich umgezogen bin und mir die Earplugs in die Ohren stecke, die Kappe und die Schwimmbrille aufsetze. Mein Gott! Dabei ist  sicher auch das Buhlen um Aufmerksamkeit anderer auf der Liegewiese mit dabei. Warum sonst ist man(n) so dermaßen laut, fast kreischig, um wieder und wieder festzustellen, wie arschkalt das Wasser angeblich ist? Was zudem nicht stimmt. Jedes Kleinkind am flachen Kiesufer macht da weniger Theater.

Am Südufer wachsen viele Teichrosen, die ich wie Seerosen sehr gerne mag. Noch bevor ich richtig losgeschwommen bin lege ich einen Stopp ein, um ein paar Fotos zu machen. See- und Teichrosen habe ich häufig fotografiert, es wird Zeit für andere Perspektiven, der Blick von unten gegen das auf der Wasseroberfläche schwimmenden Blatt zum Beispiel. Das ist mal was Neues, was ich ausprobieren könnte. Nicht Vogel- nicht Frosch sondern Fischperspektive sozusagen.

Dann aber kraule ich am Ufer entlang, von einer der vielen Einstiegstellen zur nächsten. Ich bin schließlich in erster Linie zum Schwimmen hergekommen, außerdem wird es, wenn man sich nicht bewegt, in der Tat doch etwas kühl.
Ein Stand Up Paddler, ein Anfänger offenbar, kreuzt meine Bahn. Er erschrickt, als er mich sieht, reichlich spät, weil ich keine Boje mitgenommen habe. Der Gute fällt, da er das Gleichgewicht verliert, ins Wasser. Das Board schießt davon, knapp an mir vorbei. Er taucht auf, entschuldigt sich mehrfach.
„Ist ja nichts passiert“, antworte ich und kraule weiter durch den abendlichen Olchinger See.
Vorbei geht es an den Seilschaukeln im Westen, die an diesem Abend unbenutzt von den dicken Ästen eines Baums herunterhängen. Ist das Wasser vielleicht doch etwas frisch?

Die untergehende Sonne bricht sich noch einmal ihre Bahn durch die Baumkronen. Zeit für ein Gegenlichtfoto. Ein fetter Wassertropfen mitten auf der Linse verursacht nicht nur Unschärfe sondern auch sehr eigenartige Lichtbrechungen auf dem Bild, Effekte, wie ich sie noch nie zuvor eingefangen habe. Die Kamera ist nicht nur an ihre Grenzen gestoßen, sie hat sich ihrer Überschreitung verweigert. Und das ist dabei herausgekommen:

Dann ist auch Selfie-Time, sozusagen der persönliche Nachweis, dass ich dort war. Weil auch das mittlerweile etwas fad geworden ist (ist ja auch immer das Gleiche), verstecke ich mich hinter Luftblasen, die ich zwischen Kamera und mir mit der flachen Hand ins Wasser schlage und dann wieder aufsteigen lasse. Aber offen gestanden: Auch das ist nicht neu, eigentlich simple Effekthascherei. Das habe ich auch schon dutzendfach gemacht. Mal gelingt es mehr, mal weniger gut.

Also weiter. Am Gelände des Anglervereins geht es schließlich zur Nordspitze und dann am Badestrand des Ostufers zum Ausgangspunkt zurück. Enten kreuzen ungerührt meinen Weg, sie sind den Trubel der Badegäste ganz offenbar gewohnt, ihnen fehlt nahezu jede Scheu vor den Menschen.
Nach dem Schwimm folgt ein etwas zwanzigminütiger Spaziergang. Ein zweites Mal den See umrunden, dieses Mal von der Landseite aus. Wo immer möglich habe ich es mir zur Angewohnheit gemacht. Es gibt einen anderen Blick auf den See und auch die zuvor geschwommene Strecke.
Die Sonne steht tief, als ich den Spaziergang beende. Der Olchinger See ist fast menschenleer, auf den Liegewiesen haben die Familien ihre Sachen zusammengepackt. Der Abend gehört den jungen Erwachsenen, die sich jetzt in Gruppen einfinden.

Zeit wird’s für mich, die Heimfahrt anzutreten. Die noch verbliebenen Seen im Westen von München, die ich noch nicht kenne, werde ich aber vorerst hintenanzustellen. Noch einmal so ein Gegurke?
Brauch ich nicht.

Außerdem: Die Sehnsucht nach großen, weiten Seen, vor allem aber nach richtigen Seen wächst.

 


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