Blogparade: ‚Europa und das Meer‘ – Ehrfurcht vor der Königsdisziplin

Unruhig springe ich durchs Netz hin und her. Tanja Praske hat mich wieder auf eine Blogparade aufmerksam gemacht. Diese lautet Europa und das Meer, wurde vom Deutschen Historischen Museum parallel zur gleichlautenden Ausstellung initiiert und soll Bloggern die Gelegenheit geben, sich zu der Frage zu äußern, welche Bedeutung das Meer für einen persönlich als Europäer hat. Erzählen Sie uns Ihre Geschichte vom Meer. Welche Rolle spielt das Meer für das heutige Europa?

Und schon bin ich aufgeschmissen.

Königsdiziplin Blogparade

Die Blogparaden, die Tanja für und mit deutschen Museen ins Leben ruft, sind immer eine ganz besondere Herausforderung. Da reicht es nicht, einfach ein paar Zeilen zusammenzuschrauben (finde ich jedenfalls), da muss der ganz große Gesinnungsaufsatz her, die pangalaktische Betrachtung oder die tiefschürfende Detailanalyse. Ich studiere Texte von Bloggern, die bereits etwas geschrieben haben… Viel Lesenwertes, viel Gehaltvolles, viel Substantielles.
Und jetzt? Man kann sich so leicht verheben. Ich habe bei Tanjas Blogparaden bereits teilgenommen, einen Kultublick gewagt, bin einigermaßen gut damit gefahren, aber Europa und das Meer ist doch noch mal eine ganz andere Hausnummer. Ihre Aktionen bedeuten immer die Königsdisziplin der Blogparaden. Selten, dass ich da was beizusteuern habe.

Ich bin kein Meermensch, habe nie an einem solchen gelebt, es nie wirklich ausgiebig beobachtet, es nie wirklich verstanden. Zwar reihen sich Urlaube an Urlaube, in denen wir am Meer waren (Korsika, Sardinien, Istrien, Dalmatien, Versilia, Euböa, Madeira…), aber es sind nur Stippvisiten. So wie es in diesem Jahr eine in der Bretagne sein wird. Mehr nicht.

Was soll ich also bloggen?

Ich schaue die bereits im Blog veröffentlichten Meer-Fotos durch. Es sind Massen: Strand, brüllende Brandung, plätschernde Fluten, Sonnenauf- und Untergänge, Schwimmen, Urlaub. Was man eben so fotografiert.
Zu Europa und das Meer fällt mir wenig ein, über das andere Blogger nicht wesentlich intelligenter und besser bloggen könnten oder es bereits getan haben. Politisches, Ökologisches, Ökonomisches, Kulinarisches… Das Thema ist offen und weit. Weit wie die See.
Natürlich weiß ich um die Bedeutung des Meeres für das Weltklima, für Fauna und Flora, als Wirtschaftsfaktor, als Objekt schamloser Ausbeutung, als wichtigster Handelsweg. Ich kenne die Giganten der Weltmeere, die über 30.000 Container umherschippern. Na ja: Ok. Ich habe mal einen gesehen, und der lag nicht mal im Meer sondern im Elbwasser im Hamburger Hafen.

Containerschiff im Hamburger Hafen - kein Meer

Containerschiff im Hamburger Hafen – kein Meer

Die Welle machen in Karystos im Meer

Plätschernde Fluten im Mittelmeer

Ich kenne sehr viele Mythen und Geschichten, Fabeln, Gedichte und Gesänge übers Meer – die schaumbeborene Venus, Moby Dick, Arielle, Odysseus, Störtebeker, die Argonauten, Rungholt, Sindbad, Undine, Vineta, Nis Randers…Aber die kennt auch jeder, der sich dafür interessiert. Mir bleibt nur, meine ganz persönliche Bedeutung des Meeres für mich darzustellen und diese mit Archiv-Bildern zu illustrieren. Das Meer und ich – ich und das Meer?
Ich bin Europäer, war bisher nur in Europa am Meer, von einer einzigen Ausnahme mal abgesehen… fühlte mich nie wirklich fremd, zahlte oft mit dem gleichen Geld wie daheim, fand immer einen Weg, mich irgendwie zu verständigen, egal ob im Fischrestaurant am Atlantik oder nach einer Außenohrentzündung (Swimmers Ear) nach ausgiebigem Schwimmen in der Ägäis bei einem griechischen Arzt.
Reicht das?
Nicht doch.

Königsdiziplin Schwimmen im Meer

Meer ist für mich ganz persönlich zunächst einmal Eines: Eine fulminante Kulisse und gleichzeitig ein phantastisches Fotomotiv. Gelegentlich fordert es mich allerdings auch zum Schwimmen heraus.

Meeresselfie - getrimmt.

Selfie, auf mehr getrimmt – und auf Meer.

Die Königsdisziplin im Freiwasser ist nun mal das Schwimmen im Meer, es ist das Schönste und zugleich Schwierigste. Strömungen, Sog, Seegang, Salz – wie wenig hat man damit im Süßwasser zu tun. Kein Gewässer hat so viel Kraft, so viel Macht, in keinem fühlt man sich den Elementen so ausgeliefert, nirgendwo wird einem sonst der Boden unter den Füßen weggezogen, niemand wirft einen so schnell und überraschend um wie eine Welle, wenn man bis zu den Knien im Wasser steht. Bricht es über einen herein, kann es nur Meerwasser sein. Nirgendwo gerät man so schnell aus der vorher geplanten Bahn, verliert das Ziel aus dem blick, irrt umher.
Nirgendwo sonst habe ich beim Schwimmen diese aufblitzenden Schrecksekunden, dass am Ende meine Kraft doch nicht ausreichen könnte, wieder an Land zurückzukehren. Das lehrt mehr als Respekt.
Und nirgendwo sonst ist man so schnell so mutterseelenallein wie im Meerwasser. Ich kenne keinen anderen Ort, wo andere Menschen so schnell so unendlich weit weg zu sein scheinen obwohl sie nicht mal hundert Meter entfernt sind.
Trotzdem lasse ich es mir nicht nehmen, während der Sommerurlaube einige Kilometer im Meer zu schwimmen, amateurhaft dilettantisch und trotzdem mit großem Vergnügen.
Immer am Strand entlang oder eine Bucht querend, eine Mole umschwimmend. Je nachdem. Und jedes Mal messe ich vorher die Entfernungen der Strecken, die ich mir vornehme. Verschätzen geht schnell – und das kann böse enden.
Einiges war vom Meerwasserschwimmen in diesem Blog bereits zu lesen: Karystos, Starigrad, Camaiore, Medulin, Calheta… Das muss ich nicht alles wiederholen. Es waren großartige Momente dabei, aber auch ein paar, die mir nicht so ganz geheuer waren: Verschätzte Distanzen, Strömungen, Jet-Ski-Fahrer, fast verloren gegangene Schwimmbrillen, Kälteallergien.
Respekt vor dem Wasser habe ich immer, manchmal auch ein klein wenig Angst. Es wäre töricht, das nicht zuzugeben. Vor dem Meer aber habe ich mehr als Respekt, es ist Ehrfurcht.

Trotz der vielen, sehr intensiven Erlebnisse am Meer aber werde ich nie etwas anderes sein als ein Zaungast, ein flüchtiger Besucher. Einer, der das Meer nie wirklich kennen wird und einschätzen kann. Einer, der nur mal vorbei kommt und das macht, was alle Binnenlandbewohner am Meer machen: Urlaub.

Königsdiziplin für die Kameras

Und dabei mache ich endlos viele Fotos. Vielleicht sind es sogar ein paar mehr als andere. Der gleiche Strand, das gleiche Meer, die gleichen Steine, die gleichen Wolken und die gleiche Sonne können endlos häufig fotografiert werden. Denn es ist immer eine andere Welle, immer eine andere Brechung des Wassers und des Lichts. Und vielleicht ist unter hundert Bildern dann eines dabei, bei dem ich sage: Passt, das Bild ist doch nicht ganz so stümperhaft wie sonst immer.

Caniço (Madeira) am Nachmittag

Caniço (Madeira) am Nachmittag Ende November

Ich schaue mir die Brandungsfotos an und sage: Ja, ich liebe es hart.
Brutales, hartes Gegenlicht gehört zu den von mir absolut bevorzugten Stilelementen, die starken Kontraste verursacht durch die Sonne, die am Meer auf- oder untergeht, sich im Wasser spiegelt, Reflexionen liefert. Meine Kameras müssen viel leiden – und leisten. Vielleicht ist das für die Spiegelreflex-, die Unterwasser- und die Handykamera die Königsdisziplin. Immer wieder gegen die Sonne.
Vor allem am Meer. Es sind die Augenblicke, denen man ganz faustisch das „Verweile doch!“ zurufen will, die kurzen Momente des Urlaubsglücks vollständiger Entspannung und Erholung. Stehen und staunen, den Verstand still stehen lassen.
Zugegeben: Das gelingt nicht nur am Meer. Aber da geht es am besten. Die kleine Auswahl im Beitrag soll zeigen, was ich damit meine:

Abendstimmung in Karystos

Abendstimmung in Karystos (Euböa)

Morgenstimmung in Karystos

Morgenstimmung in Karystos im Hochsommer

Funchal (Madeira) am Abend

Funchal (Madeira) in der Abendsonne. Regen zieht auf.

Lido di Camaiore am Abend

Lido di Camaiore am Abend – Die letzten Surfer

Madeira Ostspitze

Madeiras Ostspitze im Spätherbst

Lido di Camaiore am Abend

Lido di Camaiore am Abend – Meerglück

Nach ein oder zwei Wochen ziehe ich mich, der Strandgast, wieder dahin zurück, wo ich hergekommen bin. Das Meer ist wieder weit, weit weg. Und ist doch Luftlinie nur knapp 300km entfernt. So weit ist es von uns aus quer über die Alpen nach Bibione am Nordzipfel der Adria. Eigentlich ist das doch ganz schön nah, oder?

Noch mehr Meer?

Immer mehr, immer Meer

Ohnehin ist man hierzulande nirgends weiter als rund 500km Luftlinie von der nächst erreichbaren Küstenlinie entfernt. Ein wenig überrascht es mich, als ich mit dem Entfernungsmesser von Google versuche, einen Ort zu finden, von dem es noch weiter bis zur nächsten Küste sein könnte. Wir werden weiterhin Sommer für Sommer ans Meer fahren und ich werde mich dort austoben… mal schwimmend im Wasser, mal fotografierend an Land. So lange ich es noch kann. so oft das Meer mich lässt…
Irgendwie unvorstellbar, einen Sommerurlaub woanders zu verbringen…

Die Blogparade „Europa und das Meer“ läuft noch bis zum 25.07.2018 – Eine Auflistung der veröffentlichten Beiträge finden Sie unter dem Link.


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2 Antworten

  1. Astridka sagt:

    Oh, das eigene Schwimmen und Tauchen im – ehrfurchtgebietenden, ja – Meer habe ich bei meinem Beitrag doch ganz aus dem Blick verloren… Besondere Fotos von Orten, die ich teilweise kenne, aber so nie gesehen habe.

  2. Tanja Praske sagt:

    Lieber Lutz,
    Königsdisziplin Kultur-Blogparaden – was für eine Ehre?! Grandioser ist, dass sie dich herausfordern, springe ruhig weiterhin wild durchs Netz – ich liebe Gedanken wie diese hier und freue mich diebisch, dich dazu motiviert zu haben – perfekt!
    Oh ja, das Verschätzen der eigenen Kräfte im Atlantik ist mir nur zu gut bekannt. Die Panik, die sich dann einstellt. Das ist mir heftigst geblieben, wohl der Grund, warum ich mit meinen Kids hier noch nicht geurlaubt habe. Letztes Jahr am Mittelmeer in Südfrankreich gab es tatsächlich mal ganz stürmische Zeiten, die relativ „hohe“ Wellen provozierten. Junior war hin und weg, jauchzte vor Vergnügen, kullerte unter Wasser, musste dann die Badehose von ordentlicher Sandladung befreien. Mir kamen die Erinnerungen an Frankreich aus meiner Jugend hoch und ja, ich sollte mal mit der Familie dort hin. Ob die Kids dann aber wieder zum Mittelmeer wollen, bezweifle ich.
    Also, merci für dein herrliches #DHMMeer. Im September forder ich dann wieder heraus, wenn es heißt #SalonEurope von Museum Burg Posterstein – wir überlegen uns noch etwas Griffiges für euch, für dich ;-)
    Merci!
    Herzlich,
    Tanja

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