Ja, Du bist ein Arschlochkind!

Dem Arschlochkind (das ich ganz bewusst so nenne), ist langweilig. Der etwa zehnjährige Junge tobt im flachen Wasser am Ufer des Weihers herum und sucht nach Beschäftigung. Aber er findet nichts Adäquates. Also setzt er sich seine Taucherbrille auf und nähert sich weniger tauchend, dafür mehr über Wasser seiner jüngeren Schwester. Die sitzt auf einem aufgeblasenem Einhorn und versucht erfolglos, mittels Beinestrampeln das rosafarbene Plastikviech von der Stelle zu bewegen. Die Schwester, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt als Arschlochkind, findet diese belästigende Annäherung allerdings nicht so witzig. Sie ahnt, dass der Bruder irgendeinen Mist im Sinn hat, fühlt sich prophylaktisch gestört, bedroht, oder sonst was. Also ruft sie die Schutzmacht Mama zur Hilfe.
Was nun Mama nervt, denn die ist am Ufer sitzend intensiv mit einer WhatsApp Kommunikation beschäftigt, was gut erkennbar ist, denn die Anmutung und Gestaltung der WhatsApp erkennt man auf einen Blick, auch aus der Ferne.
Also ruft die Arschlochmama mit einem scharfen Wort beide Kinder zur Ordnung, sie sollen sich gefälligst vertragen und sie mal einen Moment in Ruhe lassen, um sich hernach wieder ihrem Chat zu widmen. Eine Reaktion ihres Nachwuchses wartet sie gar nicht erst ab. Das Ganze ist für mich gut einzusehen, denn nach erfolgter Schwimmrunde im Kronthaler Weiher stehe ich in ein Handtuch gehüllt etwa zehn Meter entfernt von dieser Rumpffamilie und lasse mich von der Sonne trocknen und aufwärmen. Da nicht allzuviel los ist an diesem Dienstag, fällt mir Arschlochkind schnell auf.
Der Bub, der nun dank der Ermahnung der Mutter, seine Schwester in Ruhe zu lassen, nach neuen Beschäftigungen sucht, hat, wie so viele seines Alters bei Langeweile vor allem eines im Sinn: Scheiß zu bauen. Das ist normal, ich glaube nicht, dass ich in dem Alter wesentlich anders war.
Allerdings macht ihn das, was er sich als Scheiß aussucht, jetzt zum Arschlochkind.

Denn weitere Rumpffamilie betritt das Szenario – bzw. beschwimmt es: Eine Schwanenfamilie nähert sich, heute reduziert auf ein erwachsenses Tier, mutmaßlich der Herr Vater, und zwei halbwüchsige Exemplare seiner diesjährigen Brut. Das zweite erwachsene Tier, Frau Mutter und die drei weiteren Halbwüchsigen sind heute nicht auszumachen. Aber es gibt sie, ich habe oft die komplette Familie am Weiher gesehen.

Schwanenfamilie meets Arschlochkind

Herr Schwanerich weiß, dass er nur nah genug am Ufer entlang schwimmen muss, um eifrig Beute zu machen. Trotz Verbots und Hinweissschildern gibt es noch immer genug zweibeinige Idioten, die die Wasservögel intensiv mit Brot füttern. Das machen die Schwäne (und nicht nur die) sich zu Nutze. Da dieses Mal aber die Chance auf Futter gering zu sein scheint, niemand ist da, den man anschnorren kann, paddeln Herr Schwan und seine Brut weiter. Das wiederum bringt Arschlochkind auf den Plan. Einfach mal hinterherschwimmen und versuchen, den Vogel einzuholen.Kritischer Blick von Vater Schwan
Vater Schwan, der das Ganze natürlich sofort bemerkt, paddelt ein paar Mal etwas kräftiger, bringt ein paar weitere Meter Distanz zwischen dem dummen Mensch und sich und meint, damit sollte es gut sein. Ist es aber nicht. Kleines, blödes Kind fühlt sich nur noch mehr bemüßigt, sich schwimmend dem Vogel zu nähern und krault ungelenk dem Schwan hinterher. Natürlich hat er keine Chance, das Tier einzuholen, dazu ist er ein viel zu schlechter Schwimmer. Aber selbst wenn: Ein Schwan, der von einem Menschen im Wasser nicht erreicht werden will, wird auch nicht erreicht.
Der Vogel, der nun einsieht, mit den lässigen Paddelbewegungen seiner behäuteten Füße den Verfolger nicht losgeworden zu sein, dreht sich um, spreizt etwas die Flügel und plustert sich auf. Er senkt den Kopf und schaut Arschlochkind streng an. Dann fährt er die Flügel wieder ein, aber der Blick bleibt scharf.

Der Schwanerich macht dem Arschlochkind klar, dass mit ihm nicht zu scherzen ist

Menschen würden in solchen Momenten die Augenlider zu Schlitzen verengen, aber Vater Schwan lässt stattdessen ein kurzes, deutliches Fauchen hören.
Arschlochkind hat die Warnung verstanden. Bleibt auf der Stelle stehen und ruft nach Mama.
„Mama der Schwan tut mir was!“ Das stimmt natürlich nur bedingt, denn außer einer Drohgebärde, um die Bereitschaft zu zeigen, sich und seine Kinder zu verteidigen, hat der Schwanerich noch gar nichts getan.
Mama, von der erneuten Störung wenig angetan, blökt den Sohnemann an, erstens nicht so rumzuschreien und zweitens sie nicht dauernd zu stören. Das Wort dauernd  gewinnt in diesem Kontext eine neue, bisher mir nicht bekannte Deutung. Kein Wort zum Tun des Blagen.

Sohnemann, derart auf sich selbst gestellt, hat plötzlich eine – wie er findet – fulminante Idee. Er taucht stehend unter, kommt wieder hoch und hat die Hand gefüllt mit haselnussgroßen Kieselsteinen. Die wirft er den abdrehenden Schwänen hinterher.
Die Jungschwäne, die nur das Aufklatschen von irgendwas im Wasser registrieren, halten sofort an. Wirft da einer Brot? Warum schwimmt da kein Brot im Wasser? Besser mal, genauer nachsehen. Sie kehren um. Die Gier hat gesiegt.
Schwäne am WeiherZack – kommt schon die nächste Ladung geflogen und prasselt etwa zwei Meter vor den Schwänen ins Wasser. Arschlochkind ist nicht nur ein schlechter Schwimmer, auch ein schlechter Werfer. Zum Glück für die Schwäne und vielleicht auch zum Glück für ihn selbst.
Wenig weitsichtig verkürzen die fressbegierigen Jungschwäne den Abstand noch mehr. Wo ist das Brot?

Vater Schwan hat nun ebenfalls gewendet, schiebt ich zwischen den Nachwuchs und schaut argwöhnisch.
Da kommt wieder etwas geflogen. Dieses Mal ist es keine Handvoll Kies, dieses Mal ist es ein einziger Stein, etwa walnussgroß. Neben den Schwänen und damit durchaus in Reichweite aber beschissen gezielt klatscht das Wurfgeschoss ins Wasser.
„Beim nächsten Mal treff ich Dich!“ triumphiert Arschlochkind und befördert den nächsten Stein vom Grund des Weihers.
Auch der geht daneben.
„Dann eben jetzt!“ Schon fliegt der dritte Stein. Wieder nicht getroffen.

Den sich schnell entfernenden Schwänen wirft er zwei weitere Steine nach, als ein älterer Mann, der ans Ufer geschwommen kommt, um das Wasser zu verlassen, dem Jungen laut vernehmlich anruft, ob er noch ganz richtig im Kopf sei, mit Steinen nach Tieren zu werfen. „Ja spinnst du denn vollkommen“, herrscht er nicht ohne Grund das Kind ein, das ihn mit offenem Mund anstarrt.
Arschlochmama, die das Treiben bisher entweder gar nicht wahrgenommen oder geflissentlich ignoriert hat, fühlt sich jetzt allerdings genötigt, das Wort zu ergreifen.
Was denn dem Mann einfiele, ihren Sohn so anzuschreien und überhaupt: Es ginge ihn einen Scheißdreck an, was das Kind mache. Er sei jedenfalls nicht derjenige, der es zu erziehen habe…
„Wenn Ihr Sohn mit Steinen auf Tiere wirft, geht mich das sehr wohl etwas an!“ kontert der Mann. „Das geht nämlich gar nicht! Das sollten Sie eigentlich wissen und als Mutter ihren Kindern beibringen.“
„Und? Hat er vielleicht einen getroffen?“ erwidert Arschlochmama, um, ohne auf Antwort zu warten, diese selbst zu geben: „Nein! Da sehen Sie! Ist doch alles in Ordnung. Regen Sie sich hier mal bloß nicht so auf. Und jetzt lassen Sie uns einfach in Ruhe!“
Und tack – hat sie ihren Blick wieder aufs Handy gerichtet, demonstrativ genug, um zu signalisieren, dass für sie der Fall und die Diskussion darum erledigt ist.

Der Schwanerich

Was der Mann kopfschüttelnd registriert und sich zu seinem Handtuch wendet, das auf der Wiese liegt.

Und ich?
Ich hätte längst einschreiten und etwas sagen können, ja sollen.  Warum habe ich das nicht getan?

Die Fotos von der Schwanenfamilie habe ich an einem anderen Tag gemacht – es sind aber die gleichen Tiere.

 


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3 Antworten

  1. Linsenfutter sagt:

    Arschlochmama hatte anscheinend weder Ahnung von Kindererziehung, noch wie es aussieht, wenn der Schwan dem Arschlochkind eine Abreibung verpasst.

  2. Naya sagt:

    Sehe ich wie Katrin, nicht nur ein Arschlochkind, sondern vor allem eine Arschlochmutter, die sich augenscheinlich für ihr Kind nur dann zu interessieren scheint, wenn es stört, oder wenn jemand anderes das tut, was sie offensichtlich versäumt, dem Kind nämlich gewisse Grenzen zu setzen.
    Sieht man leider in Öffis auch viel zu oft, und kriegt von der bis dato völlig desinteressierten Mutter dann zB einen Anschiss, wenn man die eigene Hose und Schienbeine vor dreckigen Kinderfüßen verteidigen will …

  3. Katrin sagt:

    Ich glaube, ich hätte das längst getan, das geht doch nicht. Aber das erlebe ich immer und immer häufiger. Junge Mütter, die lustlos den Kinderwagen mit schreiendem kleinkind vor sich her schubsen, den Blick nicht aufs Kind, sondern fest aufs Display gerichtet. Oder Mütter älterer Kinder, die das Kind – mittlerweile selbst mit Handy ausgestattet – in voller Lautstärke ein Game im Lokal spielen lassen und sich selbst mit ihrem Elektronikteil beschäftigen. Was werden das mal für Honks?

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