Anekdote zur Senkung der Schwimmermoral

Kenner haben natürlich bemerkt, dass der Titel dieses Beitrags eine Referenz an den großartigen Heinrich Böll und seine Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral ist. Kein Plagiat, sondern eine Verneigung.

Nach mehreren geschwommenen Kilometern und dem verzweifelten Versuch, auf dem Stahlboden unseres Hallenbads Kacheln zu zählen, stehe ich im selbigen unter der heißen Dusche, spüle das Duschgel von meinem Kopf und freue mich, dass das Gel sich mit maskulinem Duft auf meiner Haut in einen pflegenden Schaum verwandelt, wie die Produktbeschreibung verspricht, der Schaum für das perfekte Hautgefühl sorgt und ich so sauber in den Tag starte, was natürlich Blödsinn ist, es ist längst draußen dunkel: Ganz Deutschland sitzt vor der Tagesschau.

Ganz Deutschland?

Nein. Drei andere Männer sehen in der Dusche, rubbeln sich mit ihren Handtüchern die Haare trocken und berichten einander, wie sie die Silvesternacht und den Neujahrstag verbracht haben. Offenbar haben sie sich länger nicht gesehen, jetzt wieder zum Schwimmen getroffen und müssen sich nun austauschen. Während der eine zugibt, den Neujahrstag sehr kontemplativ auf dem Sofa verbracht zu haben, vermutlich den Kater der vorangegangenen Nacht auskurierend, berichtet ein anderer, dass er zum „Alkoholverdunstungslauf“ (O-Ton) angetreten ist. Anders hätte er das neue Jahr nicht beginnen können. Verständlich, dass es ihn nach draußen getrieben hat, das Wetter war auch allzu verführerisch, wir waren ja auch unterwegs, allerdings flanierend im Schlosspark. Jetzt reiht sich Anekdote an Anekdote, wer was in besagter Nacht an Alkoholika und schwerem Essen zu sich genommen hat und wie die Waage darauf reagiert hat.
„Jetzt heißt es, anzugreifen“, erklärt er und ich frage mich, wen, was oder wie… Männer müssen immer gleich angreifen. Oder Durchstarten!

Anekdote zur Senkung der Schwimmermoral

Dabei ist das Bild, durchzustarten ebenfalls vollkommen schief; so schief wahrscheinlich wie der Landeanflug eines Piloten, der nur dann doch in höchster Not durchstartet und das Flugzeug steil nach oben zieht, damit die Maschine keine Bruchlandung hinlegt. Also das Mittel letzter Wahl, um das Schlimmste zu verhindern. Darum starte ich nie durch. Ich lege Punktlandungen hin. Was aber ein anderes Thema ist.

Das absolvierte Training der drei führt dazu, dass sie jetzt über Pulls, Grip, Entspannungsphase, Reißverschlusstechnik (oder war’s – training?), Wasserlage, Vortrieb, Gleitphase usw. reden – und ich fühle mich richtig alt. Trotz maskulin duftendem Duschgel. Ich bin doch nur hergekommen, um zu schwimmen, um zu kraulen, aus Spaß an der Freude. Ich würde das auch nicht Training nennen, was ich da treibe…
Erst als der Dritte im Bunde sein Leid klagt, dass er schon wieder Probleme mit der Schulter hat, die anderem ihm kluge Ratschläge geben, welche Bewegungsabläufe beim Schwimmen das auslösen bzw. andere das vermeiden helfen, bin ich etwas beruhigt. Denn es dauert nicht lange und die drei trumpfen mit ihren Krankenakten auf.
Jeder hat nämlich so seine Probleme, der eine rennt dauernd zur Physio, der andere meint, das hilft nicht mehr, da muss er mal wieder zum Orthopäden. Und da – ja da – fühle ich mich wieder jünger, freue mich über meine Punktlandungen, die das Durchstarten vermeiden, meine mangelnde Bereitschaft, anzugreifen, Extrameilen zu schwimmen und all dieses selbstmotivierende Gequatsche von der eigenen Leistungssteigerung. Weder Physiotherapeuten noch Orthopäden haben in den letzten Jahrzehnten etwas an mir verdient. Und ginge es nach mir, es könnte so bleiben. Also lass ich das alles und gehe einfach nur schwimmen.

Mein Weg führt mich an diesem Abend statt zur Umkleide noch einmal zurück in die Halle, direkt auf die Liege am Beckenrand. Schnell sind die Ohren verstopft, ein Podcaster erzählt mir von grauenhaften Geschehnissen in der Weltgeschichte und ich beobachte dabei meine Knie bei vollkommener Bewegungslosigkeit, was nicht nur meinen Meniskus freut sondern auch mein Gemüt. Langsam dämmere ich wohlig über den Schilderungen von Gemetzeln in der Russischen Revolution dem Nirwana entgegen, antriebslos, kampflos, ohne Go-Around (Durchstarten), weil ich längst gelandet bin. Punktgenau. Auf der Liege.
Und alles ist gut.

Anekdote zur Senkung der Schwimmermoral

PS: Und Vollgas gebe ich auch nicht. Dazu ist der Sprit zu teuer.

 


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