Sylvie ruft an

Vor einiger Zeit, als ich gegen Mittag im Home Office am Esstisch saß, über einer Tabellenformatierung schier verzweifelte, klingelte bei uns das Telefon. Rufnummer anonym.
Das ist eine Unverschämtheit, weil ich nämlich gerade mit wichtigen, vor allem anderen Dingen beschäftigt war, einer Excelverformelung der ganz besonderen Art, die zu erarbeiten knifflig ist, mir anschließend allerdings Vieles enorm einfacher machen sollte
Überhaupt ist Anrufen bei anderen Leuten per se eine Belästigung. Da dringt man doch ungefragt in deren Privatsphäre oder Arbeitsabläufe ein und fordert unmittelbare Kommunikation – was immer eine Ablenkung, wenn nicht Störung beinhaltet.

Da selbige aber beim Klingeln ohnehin schon erfolgte, nahm ich ab (was heißt: Das Telefon ans Ohr, denn das klassische Abnehmen des Hörers von der Gabel ist ja auch eher retro). Ich meldete mich mit Namen, was schon ein Fehler war, warum hat es sich nicht auch in Deutschland eingebürgert, einfach „Ja, Hallo!“ oder wie in Italien ein „Pronto!“ in die Sprechmuschel zu raunen ohne seine eigene Identität preis zu geben?

Sylvie am Telefon - oder auch nicht

Eine mir vollkommen unbekannte Frauenstimme mit ausländischem (asiatischen) Akzent antwortete: „Hier spricht Deine Nichte.“

Einen Moment überlege ich ernsthaft, ob mich da jemand auf die Schippe nimmt, jemand, den ich kennen könnte oder sollte. Das wäre nicht das erste Mal, und ja: Ich hasse solche Witzanrufe.

„Wer?“
„Deine Nichte, erkennst Du mich nicht?“
„Nein!“ Einsilbigkeit ist bei Telefonaten mit fremden Menschen eine meiner herausragenden Tugenden.

„Ich bin’s. Deine Nichte aus dem Ausland!“

Was für ein Unfug, denn ich habe gar keine Nichte. Nicht einmal in angeheirateter Form. Trotzdem verspürte ich eine Sekunde lang Verunsicherung – wer ist noch mal die Nichte?
Kurz überlegen. Die Nichte ist die Tochter der Geschwister. Gut. Alles klar. Also gibt es tatsächlich keine. Da gibt es nur einen Sohn, der zwar tatsächlich im Ausland lebt, aber weder über einen asiatischen Akzent noch eine Frauenstimmer verfügt. Also eine Trickbetrügerin.
Ich brauche einen Frauennamen. Sofort. Die Wahl fällt, warum auch immer, auf Sylvia.

„Sylvie?“
„Ja, genau!“

„Zum Verarschen musst Du allerdings bitte deutlich früher aufstehen und anrufen“, hätte ich ihr zurufen mögen. Hab ich aber nicht. Ich habe sie einfach – Klack – weggedrückt. Denn wie gesagt: Ich habe gar keine Nichte. Und ich kenne keine Frau, die sich ernsthaft Sylvie nennen lässt.
Ich bitte Sie: Sylvie.
Das hätte Sylvie doch merken können, dass ich sie aufs Glatteis führe.

Der Trick ist nicht neu, alle paar Wochen wird in der Zeitung davor gewarnt. Ok, ich bin so alt, dass ich noch zu den Zeitungslesern zähle, aber doch noch nicht so alt, dass ich auf diesen Trick hereinfallen würde.
Und genau darüber rege ich mich nun tatsächlich auf: Mich zum alten, senilen Eisen zu zählen, das auf so etwas hereinfällt. Das ist der eigentliche Affront – nicht die Beleidigung meiner Intelligenz.
Dass die versucht hat, mich alt aussehen zu lassen ist schlichtweg eine Unverschämtheit. Mich!
Hallo?!
Kein Respekt mehr vor dem Alter.

Klar – natürlich hätte ich mitspielen können und die Polizei verständigen, dass derjenige, der dem vertrottelten Alten die Kohle aus der Tasche zieht und zum Abholen vorbeikommt, gleich selbst aus dem Verkehr gezogen wird. Andererseits: Warum sollte ich freiwillig und vorauseilend den Lockvogel spielen und mich womöglich in Gefahr bringen?

Ich bin Berufspendler, da ist mein Leben auch so gefährlich genug.

Meine unmittelbar auf den Anruf erfolgte Beschwerde bei Facebook und Twitter aber erhellt mein Gemüt schnell. Man fühlt mit mir, ist um kluge Ratschläge und einfühlsame Tröstungen meines geschundenen Egos nicht verlegen. Man zeigt sich vor allem aber sehr amüsiert und so soll es auch sein. Es hagelt launige Kommentare.

Die Quintessenz selbiger wäre, beim nächsten Versuch zu antworten:

„Sylvie – ruf einfach noch mal in 25 Jahren an. Aber bring vorher unbedingt die Kohle vorbei, die ich Dir letztens geliehen habe!“

Trotzdem: Auf die Aufregung brauchte ich an diesem Mittag dringend erst einmal etwas zur Beruhigung. Ein Eierlikörchen.
Ach was, am besten gleich zwei.

Vielleicht hätte ich bei der Gelegenheit Gerda von nebenan über den Gartenzaun hinweg fragen sollen, ob die einen mittrinkt.

PS:
Isch ‚abe gar kein‘ Gerda nebe-an. Isch kenn auck kein‘ Gerda…

Aber wie heißt denn dann die Nachbarin?
Mein Gedächtnis wird auch immer löchriger.


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