Nur mal schnell gucken…

Letztens habe ich mir mal wieder einen richtigen „Anschiss“ vom Bademeister eingefangen. Verdient. Und selbst schuld.
Der nämlich erwähnte im Plausch, dass es nun, da die Hallensaison sich langsam dem Ende nähert, es merklich ruhiger sei. Worauf ich ihm vorschlug, dann könne er, wenn er wolle, doch mal wieder gelegentlich einen Blick auf meine Schwimmtechnik werfen und mir ein paar Tipps geben. Das hat er schon öfter gemacht, es war immer sehr wertvoll – um nicht zu sagen: notwendig.
Folglich hagelte es  bei meinem nächsten Schwimmbadbesuch Kritik. Eben einen Anschiss. Zu Recht.
Vieles von dem, was ich mir an Verbesserung meines Stils angeeignet hatte, war wieder verloren, schlampige Technik wurde mit Kraft kompensiert. Das weiß ich eigentlich selbst, darum sind diese Korrekturen ja auch so wichtig. Wo genau liegen denn die Probleme?
Frank sieht das und beobachtet mich immer dann, wenn ich es gar nicht bemerke, mich also nicht bewusst, darauf konzentriere, es gut zu machen.
Beim nächsten Schwimmbadbesuch hat Frank wieder Dienst.
„Du brauchst gar nicht zu schauen“, rufe ich ihm aus dem Schwimmbecken zu, als ich eine Pause mache und er mich entdeckt hat. „Ich hab mein Pensum heute voll, ich schwimm nur noch 500 Meter und außerdem bin ich sauschlecht drauf… hust hust.“
„Ist in Ordnung“, antwortet er und grinst. Ich hätte natürlich wissen müssen, dass meine Bemerkung erst recht das Reaktanz-Verhalten provoziert. Er wird schauen. Und kritisieren.
Das tut er auch, aber er lobt auch meine Bemühungen.
„Das, was ich gesehen habe, obwohl ich natürlich nicht geschaut habe, ist doch wieder ganz ordentlich“, grinst er. „Ich hab nur mal schnell gekuckt…“
Da ich damit gerechnet und mich deshalb ganz besonders angestrengt habe, erwähne ich natürlich nicht.
Ein paar Stunden später bin ich es, der nur mal eben schnell guckt. Am Weiher:
Weil es ein hoffnungsloses Unterfangen darstellt, links herum auf die Anton-Bruckner-Straße abbiegen zu wollen, biege ich kurzerhand rechts ab, umfahre Erdings Stadt im weiten Bogen, nutze die Gelegenheit, gleich noch meinen Anzug aus der Reinigung abzuholen und befinde mich auf meinem Heimweg unversehens im Sempttal wieder. Da wäre es sträflich, nicht dem Wörther Weiher, in dem ich meistens die Freiwassersaison einläute und beende, noch einen kleinen Besuch abzustatten.

Ich weiß, dass viele Winter-, Eis- und Kaltwasserschwimmer jetzt keine Probleme damit hätten, gleich ins Wasser zu steigen. Ich habe die allerdings schon. Andere nicht.
Andere machen andere Dinge und vor allem sind andere Leute für uns kein Maßstab.
Das jedenfalls war immer der Standpunkt meiner Mutter und wurde in meiner Kindheit oft genug erwähnt. Sei es, wenn andere im Urlaub nach Spanien flogen, sei es, dass ich, wenn ich mal wieder eine beschissene Note aus der Schule mit nach Hause brachte. Wenn ich mich rechtfertigte, dass der Guido, der Frank und auch der Frank aus Hohenlimburg ebenfalls nur ne Vier oder Fünf geschrieben hatten, waren andere Leute nie Maßstab. Das waren sie nur, wenn der andere Lutz, die Astrid oder der Christoph mit ’ner Eins oder Zwei aufwarten konnten und ich die Arbeit mal wieder versemmelt hatte. Warum muss ich ausgerechnet jetzt daran denken?
Wollte ich nicht einfach die Ruhe genießen und einen kleinen Spaziergang machen?
Mit Ruhe ist es allerdings nicht weit her. Auf der anderen Seite des Weihers wummert eine Ramme Pfosten in die Erde, eine Kettensäge kreischt, das Gelände wird für den Sommer hergerichtet. Die Wiese ist sumpfig, überall frische Hügel von Maulwürfen. Da stehen noch einige Arbeiten an.
Überraschend nah höre ich die S-Bahn, wie sie beschleunigt, nachdem sie den Haltepunkt St. Koloman verlassen hat. Im Sommer ist sie kaum wahrnehmbar, wenn Büsche und Bäume Blätter haben und der Geräuschpegel der Badegäste sowieso alles übertönt.
Immer wieder blicke ich aufs Wasser, suche die flachen Uferregionen nach Laichballen und -schnüren von Fröschen und Kröten ab. Nichts, noch nicht. Es ist noch zu früh. Trotzdem ist es kaum vorstellbar, dass vor vier Wochen eine feste, tragende Eisschicht den Weiher bedeckte, es einfach nur kalt dort war. 
Die untergehende Sonne wärmt heute nicht wirklich, vom Frühling ist wenig zu spüren: Kein Gequake der Frösche, kein Gesumme und Gesurre irgendwelcher Insekten, nur wenig Vogelgezwitscher. Das Thermometer zeigt 8°C. Das Wasser dürfte kaum mehr als 5° haben. Wie kann man da freiwillig reinsteigen?
Gut, dass andere Menschen kein Maßstab sind…

Einige Stock- und Eiderenten dümpeln, noch dürfen sie das in aller Ruhe tun. Früh genug werden die Massen kommen, den Weiher bevölkern und die Tiere  aus dieser Ruhe ins benachbarte Biotop und auf die Fischteiche vertreiben. Ein Blässhuhnmännchen jagt ein anderes zeternd davon. Es will zeigen, wer hier der Boss ist. Die Enten heben nicht mal die im Gefieder versenkten Köpfe angesichts dieses plötzlichen Radaus.
Sanft kräuselt sich das Wasser, es geht ein ungemütlich kühler Wind. Das Schilf vom Vorjahr wiegt hin und her. Hier habe ich im Vorjahr einen Junghecht im Wasser stehen sehen, ein wunderbares Erlebnis.
Einen Moment nehme ich am Ostufer auf einer Bank Platz. Die Sonne zwängt sich ein letztes Mal durch die Wolken. Mit einem Mal ist es ganz still. Keine Ramme, keine Kettensäge, keine S-Bahn. Selbst die Kommentkämpfe der Blässhühner haben ein Ende gefunden. Als hätten sie sich abgesprochen, als würden sie alle Rücksicht auf den Moment der Ruhe nehmen, den ich genießen möchte.
Eigentlich wollte ich nur mal schnell gucken. Aber jetzt könnte ich stundenlang so dasitzen. Wenn es nicht langsam kalt würde. So richtig ist der Frühling eben doch noch nicht bei uns angekommen…


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