Mensch, Volker…

Mensch, Volker,

über 30 Jahre ist es her, dass wir nichts mehr voneinander gehört haben. Und da flattert an einem sonnigen Septembertag völlig überraschend Post von Deinen Eltern in unseren Briefkasten. Sonnengelb der Umschlag, sonnengelb die Karte und in der eine Nachricht, die ich nicht glauben will.
Diese Karte informiert uns über Deinen Tod.
Wie kann das sein?
Ich verstehe das nicht…

Jetzt sitze ich hier, blättere in alten Fotos aus unserer Kinderzeit. Ich finde eines, dass Dich, Deine Schwester Bärbel, meinen Bruder und mich zeigt. Da warst Du fünf Jahre alt. Ich war gerade erst in die Schule gekommen, mein ein Jahr älterer Bruder, der schon lesen konnte, las uns aus einem Buch vor.Volker - Mach's gut.
Weißt Du das noch?

Wir lagen einfach auf dem Bürgersteig vor unserem Haus. Ihr wohntet drei Häuser weiter in der gleichen Sackgasse, in der sich unser nachmittägliches Kinderleben abspielte. Auf der Straße trafen wir uns fast täglich.
Was waren wir nicht alles:
Cowboy und Indianer, Du meistens ein Cowboy, ich fast immer Indianer, das war den Karnevalskostümen geschuldet, die wir hatten und die wir zum Spielen trugen. Du warst der Zündplättchen-Revolverheld, ich mit Pfeil und Bogen, Gummimesser und Gummi-Tomahawk unterwegs.
Wir waren Detektive, Polizisten, waren Geheimagenten und hatten ganz daktari-mäßig eine Wildtierstation für unsere Stofftiere. Die meiste Zeit aber waren wir bei der Küstenwache, vermutlich war Flipper daran schuld. Der Wendehammer war die Lagune, Dein Kettcar (Mann war das cool, Mann war ich neidisch) war ein Schnellboot. Wir patroullierten unentwegt – bis es dunkel wurde, die Laterne vor Schüsslers Haus anging und wir rein mussten.
Wir hockten im Gebüsch gegenüber von Eurem Haus, kletterten auf unser Garagendach, beschossen Passanten mit Erbsenistolen und selbst gebastelten Blasrohren. Wir pflückten die Beeren der Eiben in unserem Vorgarten und platzierten sie bei doofen Leuten unter der Fußmatte, damit es nur ja viel Sauerei gibt, wenn die auf die Matte treten. Unseren Nachbarn schmissen wir eimerweise seine Zieräpfel auf die Wiese und mussten sie nach dessen Beschwerde und einem ordentlichen Anschiss alle wieder einsammeln.
Wir spielten in Eurem Garten und später, als wir in die Schule gingen, bei den Schlacken oder auf dem unbebauten Grundstück. Ihr hattet eine Schaukel, auf der wir herumkletterten, bis ich abstürzte und mir den Arm brach. Du fielst in unseren Gartenteich und trautest Dich, klatschnass, wie Du warst, nicht nach Hause.

Und Volker, weißt Du noch, wie wir im Wendehammer Fußball spielten, bis der Irringer stinksauer wurde, weil wir die Bälle immer gegen seine weiß getünchte Wand droschen und diese mit Abdrücken übersäht war? Oder, dass wir durch fremde Gärten hinauf zur Schultenhardtstraße (was wollten wir da eigentlich?) schlichen und darauf achten mussten, dass uns nur ja niemand erwischt?
War ’ne irgendwie eine coole Zeit, damals.

Später dann, als wir aufs Gymi gingen, lasen wir Science-Fiction-Heftchen, gründeten einen Sci-Fi-Club, der sich sofort wieder auflöste. Wir zogen hinunter zum Spielplatz am Wasserlosen Tal, spielten Tischtennis, irgendwer war immer da, verabreden musste man sich nicht. Mit den großen Silvesterknallern sprengten wir Modellbausätze, mit den kleinen Pilze… Mann, wir haben echt viel Scheiß gemacht.
Gut war’s.

Wir besuchten den Jugendkeller der Erlöserkirche und das Jugendheim von Heilig-Geist, wurden älter, schauten Mädels hinterher. Irre ich mich oder haben wir uns zumindest eine kurze Zeit mal in das gleiche Mädchen verguckt? Nun ja – meine Freundin wurde sie nicht, Deine auch nicht, soweit ich weiß. Ich hätte da aber ein Foto von einer Feier in meinem Zimmer, da hockt Ihr zwei schon sehr nah nebeneinander… erinnerst Du Dich?

Beim Durchblättern alter Fotoalben habe ich auch ein Foto einer Karnevalsfeier, die bei Euch stattgefunden hat, entdeckt. Das Bild ist so skurril, ich muss es einfach zeigen. Du entschuldigst hoffentlich diese Indiskretion.
Ach was – stehen wir einfach dazu… Das ist ohnehin verjährt. Volker - mach's gut.

Ich erinnere mich, dass Du aus zwei (oder waren es drei?) schrottreifen Porsches einen funktionierenden zusammenschrauben wolltest. Jahrelang stand das halbfertige Auto in Eurer Garage. Ist der Porsche je gefahren? Nur einen Meter? Ich habe keine Ahnung – und jetzt ist es auch nicht mehr wichtig.
Verdamp lang her.

Und dann änderte sich mit Beginn des Studiums vieles, vor allem die Interessen, die Freundeskreise, dann die Wohnorte. Wir verloren uns aus den Augen und wir haben nie wiedergefunden. Nicht in den sozialen Netzwerken (warst Du da überhaupt?) und auch nicht im realen Leben. Wir haben uns nie wieder gesehen, nie mehr miteinander gesprochen – und das geschah, ohne dass es zum Streit gekommen wäre. Nein – es zerfiel einfach. Unser verbindendes Element war die Kindheit am Waldesrand. Und die war vorbei. 
Leuchtende Tage,
nicht weinen, dass sie vorüber,
lächeln, dass sie gewesen sind.

Das Zitat von Konfuzius steht in der Todesanzeige, die neben dem Laptop gerade hier auf dem Tisch liegt.
Noch einmal schaue ich in mein Fotoalbum. Alte Bilder, viele schwarz weiß, ich sehe Dich auf dem einen oder anderen Foto.
Und lächle. Wie aufgetragen.

Danke, dass es Dich gab, Danke, dass Du da warst, Danke, dass wir in unserer Kindheit und Jugend gute Freunde waren.

Mach’s gut, Volker.

2 Antworten

  1. Annette sagt:

    Der Text hat mich sehr berührt! Beschreibt eine so typische Kindheit in dieser Zeit. Und die ersten gehen schon. Vielen Dank!

  2. Peter sagt:

    Vor 3 Monaten kontaktierte mich völlig unerwartet eine Bekannte aus der Gymnasialzeit, an die ich mich gerade einmal namentlich erinnern konnte, ich hatte sie wohl zuletzt vor 34 Jahren zur Zivildienstzeit gesehen. Daraus hat sich mittlerweile wieder ein netter regelmäßiger Kontakt ergeben. In einer Mail-Plauderei über die Themen „Einkommen und Sparen“ schrieb ich ihr gestern Abend, dass ich im Anhäufen größerer Ersparnisse keinen Sinn sehe und mir meine Wünsche jetzt erfülle, da niemand seine Restlaufzeit kenne es schneller vorbei sein könne als man denkt. Die Erfahrung mache ich ja schon berufsbedingt häufiger. Und wie zur Bestätigung muss ich nun – eine Tag später – diese traurige Geschichte lesen. Möge der mir nicht bekannte Volker wenigstens ein schönes und erfülltes Leben gehabt haben und uns eine Mahnung sein, JETZT zu leben.

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