Lukas und das Sonntagsarschloch

Ich liebe es, ein Sonntagsarschloch zu sein. Bisher war ich davon ausgegangen, dass die Arschlochdichte dienstags besonders hoch ist. Sonntags hingegen ist – von diversen, unfähigen Autofahrern abgesehen – der Tag, da Arschlöcher lieber daheim bleiben oder sich zumindest in der Öffentlichkeit nicht als solche offenbaren.
Um das zu kompensieren und damit für einen gewissen Niveau-Ausgleich zu sorgen, betätige ich mich an Sonntagen mit Hingabe selbst als Arschloch. Was mir nicht besonders schwer fällt.

So stehe ich nach absolvierten Schwimmbadkilometern am Straßenrand an einem Erdbeerfeld und schicke mich an, einen Großeinkauf zu tätigen. Eine Klappkiste aus dem Kofferraum soll vier Kilo dieser Früchte aufnehmen, daheim ist Marmeladenkochen angesagt. Darin bin ich einigermaßen routiniert.

Erdbeer pur, Erdbeer Vanille, Erdbeer Rhabarber… das soll es dieses Jahr werden; Erdbeer, Limette, Basilikum halte ich für zu gewagt.
Als ich an der Bude stehe und bereits gepflückte Erdbeeren ordere, freut sich die Verkäuferin. Es geht auf den Feierabend zu, da ist sie froh um jedes Schälchen, das weg ist, sie bietet mir einen Schnäppchenpreis an.
Während sie Schale für Schale wiegt, angematschte Früchte herunternimmt, andere ergänzt und das Ganze in filigrane Messtechnik auszuarten droht, sammelt sich hinter mir eine Familie, in der ich sofort einen natürlichen Feind erkenne: Schickimicki Adabis mit Münchner Kennzeichen am japanischen SUV, offensichtlich auf Landpartie oder auf dem Rückweg von der nahegelegenen Therme Erding.

Sohnemann und Einzelkind Lukas (so entnehme ich dem Dialog hinter mir) hat sein Motzkuh-Gesicht aufgelegt, er ist im Modus, in dem er alles Scheiße findet, egal was. Und daraus macht der etwa Achtjährige auch keinen Hehl.
Vor mir wägt die Frau noch immer Schälchen aus, gibt ich großzügig, hinter mir wartet Mutti darauf, dass das mitgebrachte Transportbehältnis, ein schmuckes, mit künstlichen Blüten beklebtes schmuckes Designer-Weidenkörbchen gewogen wird, damit sie am Ende centgenau abrechnen kann.
Ich hebe gerade die ersten Schalen in die Transportbox, da bricht es aus Lukas raus: „Mama, warum müssen wir die Erdbeeren eigentlich selber pflücken? Die können wir doch auch hier kaufen.“
Die tiefhängende Kinnlade signalisiert, dass Lukas keinen Bock auf die Pflückerei hat. Das verstehe ich. Ich habe das nämlich auch nicht.

Erdbeeren - Sonntagsarschloch

„Weil wir das so besprochen haben, Lukas. Und weil das unglaublich Spaß macht“, antwortet sie, den Fehler machend, gleich zwei Gründe zu liefern. Einen hätte sie aufsparen sollen, den hätte sie noch gut brauchen können. Denn das Gespräch wird ausarten. Da bin ich sicher. Und darauf freue ich mich auch.

„Gar nicht. Das macht gar keinen Spaß!“ mault der Sprößling, um sogleich von seinem Vater, der sich gerade elegant seines Pullovers entledigt und selbigen über die Schulter geschlungen hat, gesagt zu bekommen: „Außerdem kann man beim Pflücken total viel naschen!“
Das wäre der Moment, das Biest herauszulassen: Das Sonntagsarschloch. Soll ich mich umdrehen?
Was mir auf der Zunge liegt: „Also das mit dem Naschen ist keine gute Idee. Denken Sie doch daran, das Feld liegt direkt an der Bundesstraße. Dauernd donnern diese fetten Angeber-Protz-Karren aus München vorbei – Abgase, Feinstaub. Das alles sammelt sich doch auf den Früchten. Daher sollten sie nie – hören Sie? – NIE! Obst ungewaschen essen. Das ist total ungesund.“
Natürlich sage ich das nicht, die Verkäuferin fände das bestimmt unlustig, wenn ich so über ihre Erdbeeren rede, und ich riskiere ungern meinen Schnäppchenpreis.

„Außerdem: Dahinten stehen dreieinhalb Bäume. Sowas nennen wir Menschen auf dem Land Wald, kennen Sie in der Stadt nicht, schon klar. Und darin wohnt der Fuchs. Nachts schleicht sich Meister Reinecke aufs Feld, pieselt auf alles und verteilt ungehindert den Fuchsbandwurm. Wenn Sie die Eier von dem mitessen, dann haben Sie ratzfatz eine Echinokkokose. Das ist nicht lustig. Da hilft dann auch keine private Krankenversicherung mehr.“
Aber auch das sage ich nicht. Ist auch nicht notwendig, weil Lukas längst seinem Vater erwidert hat: „Ich will gar nicht naschen, ich mag die Erdbeeren nämlich gar nicht!“
„Ach!“, entfährt es der Mutti. „Das ist ja ganz was Neues! Sonst kannst du gar nicht genug davon bekommen.“
„Stimmt ja gar nicht!“ schreit Lukas, stampft mit dem Fuß auf. „Stimmt ja gar nicht!“
Traumhaft. Der Motz-Modus läuft wie geschmiert.
Vati schaut etwas indigniert umher, wer alles die sich anbahnende Eskalation mitbekommt. Es wird ihm sichtlich peinlich, das so adrett gekleidete und frisierte Vorzeigekind läuft komplett aus der Spur.

„Jetzt“, knurrt der innere Schweinehund, der zum Sonntagsarschloch mutiert ist. „Sag endlich was! Jetzt…“
„Das macht dann 27 Euro, die Schale hier bekommen sie gratis“, ruft mich die Verkäuferin schlagartig aus dem Gedanken-Szenario zurück.
„Danke“, erwidere ich zücke aus dem Portemonaie eine Fünfziger statt kleiner Scheine und nehme mit einem weiteren „Danke“ das Wechselgeld entgegen. Dann wuchte ich die Klappkiste hoch.
„Ich hab keine Lust zu pflücken“, versucht es Lukas ein weiteres Mal.
„Aber das ist cool!“ erwidert Mutti, derweil sie der Verkäuferin ihr Körbchen reicht.
„Gar nicht!“ zetert Söhni.

„Jetzt!“ kreischt in mir der Schweinehund. „Lass es raus, das Sonntagsarschloch!“

Ok!
„Aber wenn man die selber pflückt und auf dem Feld rumkriecht, dann sind die viel, viel billiger!“ bemerke ich mit gehässigem Grinsten. „Da kann man echt was sparen, schließlich kostet so ein Familienausflug ja ne Stange Geld. Und dann die Spritpreise erst… Da muss man die Mäuse schon zusammenhalten, muss ja schließlich auch alles hart erarbeitet werden. Gepflückte Beeren muss man sich auch leisten können., gell?“

Erster Torpedo: Treffer, schwere Schlagseite. Eisesstille.

Vati steht der pure Hass auf der Stirn. Söhni starrt mit offenem Mund. Nur Mutti, die vollkonzentriert das Abwiegen ihres Körbchens bewacht, damit sie nur ja nicht um ein einziges Gramm beschissen wird, hat von all dem nichts mitbekommen.

„Auf geht’s!“ ruft sie in gekünstelter Freude, Begeisterung heuchelnd und in die Hände klatschend, derweil der Rest der Familie noch immer in Schockstarre verharrt. „Ab ins Feld!“

Rohr frei für den zweiten Torpedo.

„Autsch. Bücken zum Pflücken gibt ganz schön Rücken! Hoffentlich hat der Chiropraktiker morgen für Vati einen Notfall-Termin frei. Der ist ja wohl auch nicht mehr der Allerjüngste.“

Treffer. Versenkt.

Ich lade begeistert von meinem Arschlochvdfhalten meine Erdbeeren in den Kofferaum meines edlen Autos und fahre ohne ein weiteres Wort oder nur einen einzigen Blick von dannen. Wieder ein paar Menschen mehr, die mich hassen.

Danke Sonntagsarschloch.
Du hast gewonnen. Ich liebe Dich!


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3 Antworten

  1. Hallo Erdbeermann,die Satire glaube ich dir zu 99%.

  2. Angelika Jell sagt:

    Das hast Du echt zu denen gesagt? ;-) ;-) da wär ich gerne dabei gewesen :-)

    • zwetschgenmann sagt:

      War es so?
      Oder könnte es so gewesen sein?
      Man weiß es nicht. Der Sommer ist heiß, Gedanken trocknen aus. Erinnerungen verblassen, Gedachtes und Gesagtes vermischt sich.
      Satire darf alles.

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