Komm auf die Schaukel, Luise… Notizen aus dem Lenbachhaus (Teil 3)

Im dritten und letzten Teil meiner kleinen Serie über meine ganz persönlichen Eindrücke während unseres Besuchs im Münchner Lenbachhaus möchte ich noch ein paar Anmerkungen zu einem ganz besonders faszinierendem Kunstwerk machen; Monica Bonvicinis Rauminstallation Never again. Diese Installation aus dem Jahr 2005 bringt mich in eine vollkommen absurde Situation.

Zunächst einmal das Kunstwerk selbst:

In einem Raum hängen 12 Schaukeln, jede einzelne montiert aus zwei Liebesschaukeln (Slings) in schweren Ketten von einer Metallkonstruktion herab:

schaukel1.jpg

Sofort kommt diese wunderbare klassische Frage auf: Was will uns der Künstler bzw. in diesem Fall die Künsterlin damit sagen?

Monica Bonvicini bricht in ihren Arbeiten die konventionelle Ordnung der sexuellen Perversionen auf, ob nun Sado-Masochismus, Fetischismus oder Voyeurismus… Da ist im Grunde nicht mehr und nichts anderes als eine präzise statisch berechnete Gerüstkonstruktion zur Aufhängung von Schaukeln, in die sich die Besucherinnen und Besucher legen können. Dicht an dicht, ohne jegliche Intimität, sind 12 Schaukeln aufgehängt. Befestigt sind sie an stabilen Ketten, die so weit auf den Boden reichen, dass bei jeder Bewegung im Raum ihr klirrendes Geräusch zu vernehmen ist. Das schwarze Leder ist kräftig und nicht anschmiegsam. Die Installation hat nicht die Anmutung eines schmuddeligen Fetisch-Thrills, sondern eher einen luxuriösen Appeal. Bewusst setzt Bonvicini diese materialen und konstruktiven Umkehrungen. Es sind Verdrehungen der eigentlichen Mechanismen sexueller Perversionen. Die Umwertungen kulminieren darin, dass die Schaukeln als Doppelschaukeln konstruiert sind, in denen sich zwei Masochisten – hilflos wartend – gegenüber lägen. No satisfaction. Oder eben: never again, wie der Titel der Arbeit lautet… hieß es 2005 etwas verkopft dazu auf Artnet, als die Künstlerin mit dem Preis für Junge Kunst ausgezeichnet wurde. Alles klar?
Ähnlich erklärt auch der Audioguide des Museums den Besuchern diese Installation, also auch mir, als ich mir die kleine Maschine ans Ojr halte und die Liebesschaukeln anstarre. Der Text im Audioguide endet allerdings mit dem Satz, dass, wer sich einmal in eine solche Schaukel gelegt hat, diese Erfahrung nie mehr vergessen wird – Never again. Und damit wäre dann auch der Titel des Werks erklärt. Offen bleibt, und da kann ich den Audioguide nicht befragaen, ob das die Liebesschaukeln in der Rauminstallation oder generell betrifft. Dabei wüsste ich das doch zu gern. Und ich wüsste auch gern, woher die venezianische Künsterlin ihr profundes Wissen über diese Spielzeuge bezieht. Frag nach, dann lernst Du was (auch so ne Phrase).

Was ist jetzt das Absurde daran?

Die Situation, in der ich mich befinde, entwickelt sich zur Groteske als  zwei Amerikanerinnen den Raum im Lenbachpalais berteten. Der freundliche Herr vom Wachpersonal, der in einer Ecke seiner Arbeit nachkommt, die Schaukeln bewacht und streng aus der Wäsche schaut, fordert sie mit einem eher lustigen Englisch auf, sich in die Schaukeln zu legen, so sie es denn möchten. Jetzt wird’s spannend. Ich stoppe den Audiokommentar, halte ihn aber ans Ohr. Tarnung und Diskretion sind Ehrensache. Während ich also Bildungsbeflissenheit vorgebe, beobachte und lausche ich dem, was sich da entwickelt.
Die beiden Frauen starren den Wachmann ungläubig an. Er bekräftigt, dass es erlaubt sei und verweist darauf, wenn er als Aufsicht das sage, dann sei das in Ordnung. Bedeutungsvoll tippt er mehrfach heftig auf sein Namensschild.
Den Amerikanerinnen ist das suspekt, entweder, weil sie fürchten, das Kunstwerk auf irgendeine Art und Weise zu „entweihen“. Wo darf man im Museum schon mal was anlangen, man löst ja Alarm schon dann aus, wenn man seine Nase nur einen Tick zu nah an ein Gemäldehält. Oder sie wissen, um welche Art Schaukeln es sich hier handelt, für was sie eigentlich genutzt werden. Während die zwei Frauen also dankend verzichten und den Raum fast schon fluchtartig verlassen, lassen sich die Kinder das nicht zweimal sagen. Denn mittlerweile ist eine Familie hinzugekommen. Eins… zwei… drei… liegen sie in den Schaukeln, ermutigt durch ihre Eltern mit einem freundlichen „Gian_Luca, probier doch mal. Duch auch Phoebe.“ Ein ohrenbetäubender Lärm der rasselnden Ketten erfüllt den Raum, dazu Kinderlachen und -Quietschen. Fast wie bei Hui-Buh. Man versteht den AudioGuide kaum noch.
Was sich vor meinem Auge abspielt und was ich höre, paart sich zum vollkommen Absurden. Kinder liegen in Liebesschaukeln, ihre hochakademisch und pädagogisch ambitionierten Eltern stehen begeistert daneben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass die Eltern, so ambitioniert (und doch so naiv), wie sie in ihren Softshelljacken und Cargohosen ausschauen, nur annähernd wissen, um was für Schaukeln es hier eigentlich geht und wofür sie normalerweise genutzt werden. Und die Kinder sowieso nicht. Schade eigentlich. Man möchte gleich mal hinzutreten und die beflissenen Elternfragen, wie gelungen sie das finden, wenn ihr 10jähriger Sohn Justus, seine Schwster Luise oder sein Cosuin Fynn freudig erregt durch die Slings toben, während sie das Ganze mit dem iPhone photografieren. Deren Gesicht möcht ich dann sehen, aber es reicht, wenn ich es mir vorstelle.

Dabei können die Kinder von Glück reden: Später werden sie behaupten können, sie hätten schonmal in einem Sling gelegen. Eine Erfahrung, die sie sicher nie vergessen werden. Oder doch?

schaukel2.jpg

2 Antworten

  1. Gerdie sagt:

    Kunst ist schon was Seltsames. Ich verstehen natürlich die Idee dahinter, kann dem Aufbau aber nicht viel abgewinnen. Ich finde, Kinder sollten mit so was noch nicht in Berührung kommen, wenn dann erst ab 18 Jahren. Auch im Netz gibt es viel zu viele Seiten zu diesem Thema, auf die die Kinder einfach gelangen können. Direkt über Google finden sich gleich dutzende Tests und Kaufwebseitenfinde das nicht gut. Klar gibt es Kindersicherungen aber Eltern können nicht an alles denken. Ich für meinen Teil versuche meine zwei Kinder so gut wie möglich zu schützen, klapp aber wegen solcher Sachen wie hier nicht immer gut.

  2. Zeilentiger sagt:

    Sehr schön. Wie geschickt übrigens so ein Audioguide als Tarnung sein kann.

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