Ich liebe ein Negerchen, ein Negerchen mit Kerze!

Einst war ich in ein Schaf verliebt. Aber die Liebe blieb unerwidert, das Schaf mir fern. Jetzt liebe ich ein Negerchen.

Ein Negerchen?

Hat der gerade Negerchen geschrieben?

Ja, hat er. Aller politischen Korrektheit zum Trotz und auch allen Vorwürfen, das sei ein rassistisches Wort. Das mag sein. Aber der geniale Maler Jörg Immendorff, der sicherlich zu den bekanntesten zeitgenössischen Künstlern gehört, hat dieses Bild nun mal so genannt: Negerchen mit Kerze.

 

Negerchen mit Kerze - Ein Immendorff-Meisterwerk

Und ja: Ich bin schockverliebt in dieses Werk, auch wenn die Kerze nicht brennt.
Es stammt aus dem Jahr 1966, als Schaumküsse noch Negerküsse hießen, der Sarotti-Mohr durch die Fernsehwerbung stolperte, Pippi Langstrumpfs Vater Negerkönig im Taka-Tuka-Land war, auf Hörspielschallplatten der Neger-Jim auftauchte und die Hamburger Rotlicht-Größe Kalle Schwensen, der sich später Neger Kalle nennen ließ, noch ein Schulbub war. Niemand dachte daran, dass das Wort Neger rassistisch gemeint sein könnte. Auch Immendorff nicht.
Die Macher der Ausstellung Für alle Lieben der Welt allerdings wollten das Wort Negerchen nicht einfach unkommentiert stehen lassen – ein Hinweisschild erklärt explizit, dass Immendorf dies nicht rassistisch meinte, weil in dem Werk der sechziger Jahre eben viele solche Bilder mit Kindern unterschiedlichster Ethnien entstanden.Kleine gelbe Kinder - ein weiteres Bild von Immendorf
Und noch mehr. In einem Bild aus dem Zyklus Café Deutschland ist ein Hakenkreuz abgebildet. Zwar zeigt die Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, dass Immendorff Kommunist war, das hindert die Kuratoren allerdings nicht, auch hier explizit darauf hinzuweisen, dass die Darstellung eines Hakenkreuzes im Werk des Malers kein politisches Bekenntnis sei.
Und ich frage mich: Warum?
Für wie dumm, wie ungebildet oder naiv halten die Macher die Besucher eigentlich? Kennen Sie den homo academicus musealis so schlecht?Im Haus der Kunst

Denn wie fast immer ziehen solche Ausstellungen in erster Linie das kunstinteressierte, mittelschichtige Bildungsbürgertum an. Also Leute, die sich nicht nur die Bilder anschauen, sondern auch die Texttafeln über das Werk des Künstlers lesen, mit dem Audio-Guide ergriffen vor den Gemälden und Skulpturen stehen oder ihr auf der Herfahrt in der S-Bahn (aus ökologischen Gründen fährt man nicht mit dem Auto in die Stadt) angelesenes Internet-Wissen herunterspulen.

Der Malerstamm - SkulpturDas sind mir die liebsten. Diese selbstgestrickten Femme fatales aus Buchhandlungen, Grund- und Mittelschulen, der gehobenen Stadtverwaltung, die sich in Yoga-Kursen oder beim Chai-Latte im veganen Café für einen Museumsbesuch verabreden. Unaufhörlich schnablen sie vor jedem Bild, was man darin entdecken könnte oder sollte, klopfen sich ob ihres profunden Wiki-Wissens und ihres intellektuellen Gehabes auf die Schultern und schauen sich zustimmungheischend um. Aber niemand zollt sie ihnen. Keine Ehrfurchtsbekundungen angesichts so viel geballten Wissens. Zwischendurch bedauern die Femme fatales halbherzig ihre Männer, die lieber daheim geblieben sind, dass sie gar nicht wissen, was ihnen hier alles entgeht.
Insgeheim aber denke ich: Die wissen das ganz genau. Darum lassen sie ja ihre Frauen alleine losziehen. Wer könnte es ihnen verdenken?

Und das Fatale an diesen Femmes?

Sie machen jedem, der einfach nur still und ergriffen ein Bild betrachten will, den Ausstellungsbesuch, zum Alptraum. Sie wissen einfach alles: Warum Immendorff sich selbst und viele andere Künstler mit Affenköpfen darstellt, wer wer ist auf den großen Café-Deutschland-Bildern, von wem Immendorff welche Inspirationen hatte, warum er vernarbte Seesterne gemalt hat und was die Querverweise auf Hindemiths „Rake’s Progress“ bedeuten. Denn natürlich haben sie die Oper vor nicht allzu langer Zeit gesehen, was wiederum Gelegenheit bietet, sich über die Inszenierung auszutauschen und auch darüber zu schwadronieren, man hätte damals die Männer doch besser daheim gelassen. „Einmal gehen sie mit – und meckern in einem fort.“
Keine Sekunde stehen die Plappermäuler still. Nicht weiter verwunderlich, dass da die Gatten nörgeln.
Ja, Ladies. Das nervt.

Kolossal. Darum:

Komm Jörch, wir gehen…(*)

Komm Jörch, wir gehen

(*) So heißt übrigens diese großartige Skulptur. Und fragen Sie jetzt ja nicht, warum Immendorff sich selbst als Affen an der Hand seines Lehrers Beuys dargestellt hat.

 


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