Gans daneben – ganz daneben

Gans bzw. ganz großes Gemecker empfing mich kürzlich auf meiner abendlichen Runde durch den Kronthaler Weiher.

Was war geschehen?

Ich testete den Blindflug, was beim Schwimmen natürlich nichts mit fliegen zu tun hat, obwohl natürlich jeder weiß, dass Schwimmen fast das Gleiche ist, nur eben im oder unter Wasser. Etwa 300 Meter vom Nordufer des Weihers entfernt, entschloss ich mich, möglichst zielgerade auf eine bestimmtes Stück Ufer zuzuschwimmen, allerdings mit geschlossenen Augen über Wasser – kein Orientierungszug, um zu schauen, wo ich bin, kein Blick beim seitlichen Luftholen, um anhand des Uferprofils abzuschätzen, ob ich einigermaßen die Bahn halte.
Unter Wasser die Augen offen zu halten, ist hingegen beliebig, die Trübnis des Gewässers lässt sowieso nur eine Armlänge Blick zu, man starrt so oder so ins Nichts.
200 Züge wollte ich so schwimmen, dann anhalten und schauen, wo ich herausgekommen bin – ich weiß, der deutlich kräftigere Linkszug lässt mich immer nach links abdriften, auf markiertem Boden des Schwimmbads ist das kein Problem, die Markierungen geben vor, wann ich wie viel zu korrigeren habe. Aber im Weiher oder See treibt es mich von der geplanten Route eben viel zu oft ab. Auch das ist nicht weiter tragisch, es geht nicht um Geschwindigkeit sondern um geschwommene Strecke, da ist es egal, ob ich 100 Meter weiter links oder 100 Meter weiter rechts vom avisierten Ziel ankomme.

Nach 115 Zügen allerdings hatten die Finger Grundkontakt – das Ufer war nah. Sehr nah. So schnell, so plötzlich, so überraschend. Mein Abdriften hatte die Strecke zum Ufer deutlich verkürzt, so sehr, dass ich fast ein wenig erschrak, als ich den Grund unter mir wahr nahm.
Kopf hoch – Augen auf – wo bin ich?
Dem Blick nach vorne folgte als unmittelbare Reaktion erst ein Schreck, dann zumindest eine große Überraschung.Zeternde Gänse am Wweiherufer - Gans daneben eben
Ich habe eine Gänsefamilie (eine von zahlreichen) mehr oder weniger direkt vor der Nase.  Und die veranstaltet ein mächtiges Gezeter, fühlte sich bedrängt, bedroht und sann auf Abwehr des vermeintlichen Angreifers – also mir.

Sorry Viecher,
aber mit Euch konnte ich beim besten Willen nicht rechnen. Enten, Schwäne, Blässhühner und Haubentaucher gehören zu den ortsansässigen Wasservögeln. Gänse sah man bisher nur im Winter auf der Durchreise auf benachbarten Feldern Station machen. Es ist das erste Mal, dass ich im Sommer auf Graugänse samt Nachwuchs in meinem Schwimmrevier treffe. Und nicht nur eine. Etwa 10 Meter weiter links eine kleine Gruppe und 20 Meter weiter rechts ein Verbund von rund 10 weiteren Tieren nebst Nachwuchs.
Schimpfend, zeternd, drohend plustern sich die beiden Alttiere sich vor mir auf, geben vor, mehr Masse zu haben, als tatsächlich vorhanden ist, schlagen mit den Flügeln, was sie aus der Balance bringt und entscheiden sich dann, sich auf Lärm zu beschränken.

Die Reaktion ist verständlich, die Altvorderen wollen ihren Nachwuchs vor potentiellen Fressfeinden schützen. Mich überrascht das Verhalten trotzdem, da Gänse zunächst ihr Heil in der Flucht suchen und erst dann Drohgebärden an den Tag legen, wenn die Fluchtdistanz zu kurz ist. Dabei bin ich den Tieren nicht mal näher als fünf Meter gekommen. Mit ein paar kräftigen Fußschlägen wären sie problemlos davongepaddelt. Warum haben sie das nicht getan? Im Gegensatz zu mir im Blindflug hatten sie mich sicher längst erspäht.
Offensichtlich aber unterschätzten die Eltern meine Geschwindigkeit und Wendigkeit maßlos, sehen sich daher chancenlos bei Fluchtversuchen und fehlinterpretierten sowieso meine Absichten. Damit liegen sie allerdings ganz daneben, denn ich hege gar keine – keine lauteren und unlautere sowieso nicht.
Nur Junior nimmt das ganze Gänsetheater verdammt cool. Dem ist, was die Eltern veranstalten, vielleicht sogar peinlich. Gänsekind jedenfalls tut demonstrativ unbeteiligt. Da sind die Blagen doch alle gleich.
Es mag gedacht haben: „Ich gehöre gar nicht dazu, ich bin nur zufällig hier, wer sind die beiden Alten eigentlich, die da so die Welle machen? Das ist nicht nur peinlich, das ist vollkommen daneben. Gans daneben eben“

Ich erlaube mir, schnell ein paar Fotos zu machen, dann bin ich es, der sein Heil in der Flucht sucht. Nun: Nicht ganz. Ich ziehe mich schnell zurück, will nicht länger stören, meide Ufernähe. Ich will Wildtiere einfach in Ruhe lassen, begreife mich als Eindringling und Störenfried, auch wenn ich  im Prinzip ältere Rechte beanspruchen könnte. Ich bin hier noch geschwommen, da gab es Euch noch nicht mal als Ei – und schon gar nicht hier im Weiher. Aber weiß man das?
Erhobenen Hauptes, siegesgewiss triumphierend und mich keinen Blickes weiter würdigend, rückt Familie Gans schließlich ab. Langsam, behäbig, bloß nicht hetzen.

Mein Davonschwimmen aber hat einen anderen Grund. Ich möchte vor allem die anderen Gänse in mittelbarer Nähe nicht auch noch in Wallung bringen. Wer will schon nach einem langen Arbeitstag abends noch übelst von irgendwelchem Federviech angemotzt werden?

Trotzdem: Manchmal liegt man ganz daneben – und manchmal liegt auch Gans daneben.


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