Früher… also damals, in Sibirien

Verschneite KieferFrüher war sowieso alles besser. Früher, das wissen zumindest die älteren Leser des Blogs, waren die Winter noch richtige Winter. Das ging schon im November los, Schnee fiel und es herrschte sibirische Kälte. Das Wetter – und darum hieß es schließlich „sibirisch“ – kam aus dem Osten, so wie alle Bedrohungen grundsätzlich aus dem Osten kamen. Da war die Welt noch in Ordnung – und zwar schon morgens um sieben.
Da in vormaliger Zeit in diesem, unserem Lande noch Gesetzestreue und Strebsamkeit zu den Kardinaltugenden gehörten, traf sich der anständige Deutsche rechtzeitig, also noch vor sieben Uhr, um die Gehwege vom Schnee zu befreien. So, wie es sich gehörte. Man zwang sich in warme Stiefel und die dicke Joppe, versuchte, ein wenig von der Bettwärme zu bewahren und trat hinaus in die feindliche, dunkle Welt. Eine Schicksalsgemeinschaft tugendhafter Bürger befreite eifrig und verbissen ihre Steige vom bedrohlich-weißen Belag. Es wurde gründlich geschaufelt und geschoben, und zwar so lange, bis auch das letzte Flöckchen entfernt war. So gehörte sich das… und es war gut so. So hatten wir es von unseren Vätern gelernt und die wieder von ihren Vätern. Seit Generationen wurde ordentlich geräumt, weg mit all dem Zeug, das aus dem Osten kam. War es nicht der Russe, der uns mit diesen Schneeeinbrüchen mürbe machen wollte, bevor er Europa überrannte?
Hernach wurden die Bürgersteige eingesalzen wie pökeliges Fleisch. Und es herrschte wieder Ordnung und Behaglichkeit, so, wie es der Deutsche eben mag. Das konnte man schließlich von seinen Nachbarn erwarten, schließlich räumte man auch selbst.

Voller Freude also, mich der deutschesten aller Tugenden widmen zu können, verfolge ich seit Wochen den Wetterbericht. Es soll, so meldet das deutsche Wetteramt, endlich schneien. In der Nacht.
„Wunderbar“, denke ich. „Endlich ist alles wieder so wie früher! 15°C im Januar. Wo kommen wir denn dahin“ Unsere Nachbarin Anneliese, die meist die erste ist, wenn es ans Räumen geht, wird morgens um sechs Uhr anfangen, ihren riesigen Hof freizuschaufeln. Das wird uns wecken, dieses wunderbare schabende Geräusch, wenn die Schaufel über das Pflaster gleitet. Krrrrrrrr. Krrrrrr. Krrrrrr. Dann folgt eine kurze Ruhephase, wenn der zusammengeschobene Schnee auf die Wiese geworfen wird. Und weiter geht’s: Krrrrrrrr. Krrrrrr. Krrrrrr.
Unmittelbar darauf wird das Motoren-Geknattere losgehen. Toni, der Tankstellenbesitzer, wird auf seinem kleinen Aufsitzräumer hin und her fahren und die Ein- und Ausfahrten freikratzen – unsere gleich mit, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Gegenüber wird der Nachbar den Gehweg räumen und auch ich werde aus dem Bett springen und zur Schaufel greifen. Wir sind schließlich eine eingeschworene Gemeinschaft, Menschen, die den Widrigkeiten der Witterung ebenso trotzen wie dem Schicksal. Von der Haustür bis zur Straße werde ich räumen, wie ich es immer getan habe: Voller Inbrunst, Verantwortungsbewusstsein und Dienstbeflissenheit.
Doch – Schock, schwere Not: Es liegt nicht genug Schnee; jedenfalls viel zu wenig, um es aus dem Weg zu räumen. Was mache ich nun mit meinen patriotischen Tugenden? Wie kann ich meinem Land mein Pflichtbewusstsein und meine Treue beweisen, wenn nicht einmal mehr auf das Wetter Verlass ist?Schnee im Garten
Mal ehrlich, das lohnt sich doch nun wirklich nicht. Morgens um neun Uhr hat noch niemand geräumt. Warum auch? Dieses Mausefäustchen voll Schnee, dafür muss man schließlich keine Schaufel bemühen. Langsam kommt mir der Verdacht, seit nicht mehr der Russe die Bedrohung unseres geliebten Vaterlandes darstellt, sondern von Pegida der Muslim aus dem Morgenland, hat sich dieses Schwadronieren von Sibirien auch erledigt. Oder haben Sie je davon gehört, dass der Araber seinem Einfall in unser Land mit invasiven Schneestürmen vorbereitet? Na sehen Sie. Aber vom Sahara-Sand über Deutschland hört man ja in letzter Zeit ja öfter…

Selten, dass unsere schöne Heimat mal unter einer ordentlichen Schneedecke begraben wird, dass man sich so richtig sibirisch fühlt. So wie damals. So wie Dr. Schiwago.

Verschneite LanschaftDa bleibt nur, samstags in den Baumarkt zu fahren. Auch das gehört zu den deutschen Kardinalstugenden, den Pflichten eines jeden Eigenheimbesitzers… Gut, dass ein Hagebau-Prospekt in der Zeitung beigelegt ist. Doch, was muss ich sehen:
Schneeschaufeln mit Flüsterkante für extra leises Schneeräumen. Was für ein Unfug: Flüsterkante. Da bekommt ja keiner der Nachbarn, die vielleicht noch gemütlich im Bett liegen mit, wenn man morgens vor sieben Uhr räumt. Also so etwas hätte es ja früher nicht gegeben. Aber da war sowieso alles besser. Das wissen Sie ja…
Schneeschieber

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2 Antworten

  1. Zeilentiger sagt:

    Ja, das waren noch Zeiten, als die Schneewehen höher waren als die Schüler. „Flüsterkante“, das ist ja ein fantastisches Wort. Eine Bereicherung meines Wortschatzes.

  1. 25. Februar 2016

    […] Winter über, kilometerweit sind wir jeden Tag durch diese Schneemassen zur Schule gestapft… bla bla bla Als Benno nach Deutschland kam, kannte er das weiße Zeugs nicht. Dass man im Kongo bisweilen auch […]

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