Fahrradfunde

Vor dem Erdinger Schwimmbad, das zu besuchen ich nicht müde werde, liegt seit Monaten ein altes, totes Fahrrad. Das Wertvollste am Ensemble dürfte mittlerweile das Schloss sein, mit dem es an dem Ständer befestigt wurde. Irgendjemand also hat seinen alten blauen Drahtesel dort geparkt und gesichert, dass es ihm nicht nachlaufen konnte, als er es zurückließ und ging.
Wochen später fiel das Rad vermutlich vor lauter Schwäche und angeblasen von einem der Sturmtiefs im Herbst um. Und so lag es nun auf der Seite und rostete seinem traurigen Schicksal entgegen: Dem Radltod.

Drama in der Stadt

Drama in der Stadt

Aber muss das sein? Jedes ausgesetzte Rad ist eines zu viel.

Alljährlich werden im Sommer viele Fahrräder ausgesetzt, oft an Straßenrändern, Fußgängerzonen, vor Schulen, Sporteinrichtungen oder in der Nähe eines S- oder U-Bahnhofs.
Kein Mensch weiß genau, wie viele es sind, aber es müssen mehrere Tausend Fahrradfunde sein. Für die Mitarbeiter der Kommunen ist das eine große Belastung, da viel zu viele Fahrräder eingesammelt, mühsam wieder hergerichtet oder als letzter Ausweg entsorgt werden müssen. Es sind hauptsächlich ganz normaler Stadtfahrräder, Citybikes, Klapp- und Kinderfahrräder, viel seltener trifft es die teuren eBikes, Mountainbikes oder Rennmaschinen.
Wenn die bedauernswerten Räder Glück haben, werden sie gefunden. Oft befinden sie sich dann in einem erbärmlichen Zustand. Zum einen sind sie häufig defekt und platt, zum anderen ist auch ihr funktionaler Zustand oftmals mehr als schlecht, zum Beispiel, weil sie kein Kettenöl und keine Reifenluft mehr haben, weil es regnerisch war und sie rosten. Nicht ungewöhnlich ist, dass Teile des wehrlosen Geschöpfs von Raubmenschen bereits abgerissen oder -montiert wurden. Das erste, was ein solches Rad verliert, ist meistens sein Sattel, das ungeschützteste Teil.

Die nächste Station für ein Fundrad heißt dann Fundbüro oder bedauerlicherweise oft auch Schrottplatz.

Im Fundbüro angekommen, folgt oft ein langes, quälendes Warten auf ein neues Zuhause. Die Räder sind hier in einer für sie neuen Umgebung und bekommen oft nicht so viel Zuwendung, wie sie verdient hätten und nach der sie sich sehnen.  Dabei will ein Rad laufen, sich drehen, bewegt werden. Aber das geht nicht. Meistens ist es mit Dutzenden anderer in einem Schuppen, einer Halle oder einem Keller untergebracht. Da sich die Mitarbeiter im Fundbüro nicht um jedes Rad kümmern können, fehlt oft die Zeit für lange Ausfahrten, liebevolle Pflege und Wartung.

Das Warten auf ein neues Zuhause kann für die Räder schon mal kleine Ewigkeiten dauern. Das kann verschiedene Gründe haben. Zum einen gibt es einfach nicht genügend Menschen, die ein Fahrrad aus einer Versteigerung des Fundbestands zu sich holen. Zum anderen ist es bei manchen Rädern schwierig, sie wieder zu vermitteln, zum Beispiel weil sie sehr groß sind oder weil sie defekt oder schon alt sind.

Fahrradfunde

Der Tod kennt kein Erbarmen…

Es sind ganz unterschiedliche Gruppen von Menschen, die Fahrräder zum Beispiel vor dem Urlaub aussetzen. Oft sind es Leute, die sich einfach mit dem Rad nicht mehr beschäftigen wollen. Da ist das Aussetzen eine einfache Lösung, seinen lästig gewordenen Drahtesel loszuwerden. Das trifft vor allem die alten, klapprigen Räder – meist müssen sie einem deutlich jüngeren Artgenossen weichen.

Aber niemand muss sein Rad aussetzen. Es gibt viele verschiedene Möglichkeiten, es während der Urlaubszeit unterzubringen, wenn man es nicht mitnehmen kann oder will:. Zum Beispiel in der Garage, im Keller, im Schuppen oder zur Not auch im Wohnungsflur. Es kann in seiner gewohnten Umgebung bleiben und übersteht die Zeit einer Trennung von seinem Halter ohne große Probleme. Aber ein Fahrrad einfach auszusetzen ist verantwortungslos und feige. Wenn man, aus welchen Gründen auch immer, sein Rad nicht mehr behalten kann, ist es am besten, es zu verkaufen oder zu verschenken. Mit etwas Glück und gutem Willen lässt es sich sicher vermitteln und kann einem Menschen glückliche Stunden bereiten. Das nämlich ist seine vornehmste Aufgabe: Freut sich der Fahrer, dann ist auch das Rad zufrieden.
Es einfach auszusetzen und es so seinem Schicksal zu überlassen ist jedenfalls keine Lösung.

Fahrradfunde

Der Schnee schon.

Und so liegt das Rad seit Monaten vor dem Erdinger Schwimmbad und stirbt einen schleichenden Tod. Jeden Tag ein wenig mehr. Keiner der achtlos vorübergehenden Menschen denkt an die alte Indianerweisheit: Erst wenn ihr das letzte Fahrrad getötet habt, werdet Ihr sehen, dass Ihr immer zu Fuß gehen müsst oder hinter Euren PKW-Lenkrädern immer dicker werdet.
Niemand nimmt das Drama wahr, das sich direkt vor unseren Augen abspielt. Ein Rad stirbt. Einsam, frierend, klaglos und stumm.
Irgendwann ist das Rad tot. Aber das stört auch niemanden.
Nur der Januar-Schnee hat Erbarmen. Er versucht, die Leiche mit einer weißen Decke einzuhüllen und zu schützen. Aber er schafft es nicht – wie sollte er auch?
So traurig…

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3 Antworten

  1. AP sagt:

    Ja, so ist das. Was an solchen Dingen immer noch seltsam ist, ist die Tatsache, dass man Monate später das Fahrrad (oder was auch immer), weiterhin vorfindet. Es fühlt sich keiner zuständig.

  2. Maribu sagt:

    Sozusagen ein herrenloses damenfahrrad

  3. Steelmastersswimmer sagt:

    Die Qualität einer Gesellschaft erkannt man daran, wie sie ihre Räder behandelt. :-))

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