World Drowning Prevention Day – ein paar Gedanken

Die Weltgesundheitsorganisation der WHO hat Alarm geschlagen:  Jedes Jahr sterben über 236.000 Menschen durch Ertrinken. In Wahrheit dürfte die Zahl allerdings viel höher liegen, Es geht um das „schlichte“ Ertrinken von Menschen, die nicht schwimmen können, oder zumindest nicht gut genug, um sich selbst zu retten, wenn sie zum Beispiel ins Wasser gefallen sind.  Nicht eingerechnet sind die Toten bei Bootsunglücken und damit auch nicht die Tausende an Toten unter den Geflüchteten im Mittelmeer. Damit liegt die Zahl in Wahrheit viel, viel höher.

Jeder Einzelfall tragisch – in der Summe unfassbar viel. Allein in Europa ertrinken im Durchschnitt jeden Tag 63 Menschen.Gedanken zum World Drowning Prevention Day

Aus diesem Grund hat die UN in diesem Jahr den 25. Juli, also heute, zum UN World Drowning Prevention Day / UN Welttag gegen das Ertrinken ausgerufen und fordert die Mitgliedsstaaten auf, Maßnahmen zu ergreifen. Denn immer weniger Kinder können schwimmen,  gleichzeitig wird klimabedingt die Gefahr weltweit durch Überschwemmungen und Hochwasser steigen – und damit auch die Zahl der Menschen, die ertrinken werden. Der Beschlusstext der UN  benennt dabei einige Maßnahmen, die auf der Welttage-Seite wie folgt zusammengefasst sind:

  • Ernennung einer nationalen Anlaufstelle für die Verhinderung des Ertrinkens und Entwicklung eines nationalen Plans zur Verhinderung des Ertrinkens
  • Entwicklung von Programmen zur Verhinderung des Ertrinkens durch u.a. Überwachung, Schwimmfertigkeiten, Rettungs- und Reanimationstraining, Regulierung des Bootssports und Management von Hochwasserrisiken
  • Erlass und die wirksame Durchsetzung von Wassersicherheitsgesetzen
  • Förderung von Kampagnen zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit und zur Verhaltensänderung in Bezug auf die Verhütung des Ertrinkens
  • Einführung von Unterricht in Wassersicherheit, Schwimmen und Erster Hilfe als Teil der Lehrpläne in den Schulen

Gedanken zum World Drowning Prevention Day

Werfen wir hier einen Blick auf die Erwachsenen, denn es ist müßig, wieder und wieder die Diskussionen zu verfolgen, dass immer mehr Kinder nicht schwimmen lernen und sich dann von Eltern sagen zu lassen, es gäbe ja auch keinen Schwimmunterricht in den Schulen, die Schwimmkurse seien immer ausgebucht, die Bäder alle geschlossen…

Erschreckend finde ich, wie viele Erwachsene in den vergangenen Jahren hier in unserer Region ertrunken sind. Gerade erst vor zwei Tagen starb ein 19Jähriger im Ebersberger Klostersee, der aus noch nicht geklärten Gründen nachts vom Steg ins Wasser fiel und vor seinen Freunden ertrank.
Und nein: Es hilft nicht, das achselzuckend zu kommentieren, dass da bestimmt Alkohol im Spiel war.Immer fängt es  im ganz Kleinen an – nämlich damit, wenn Menschen absichtlich oder unabsichtlich ins Wasser geraten und ihre Schwimmfähigkeiten bei weitem nicht ausreichen. Sei es, dass sie das angestrebte Ziel  überschätzen (z.B. beim Queren von Seen) und die Kräfte nachlassen, sei es, dass sie unter Alkoholeinfluss stehen, oder dass sie plötzlich im Wasser einen Herzinfarkt bekommen. Gründe gibt es viele. Leichtsinn und Übermut gehören ganz sicher in den meisten Fällen dazu.
Und dann gibt es auch die, die schlicht und ergreifend nicht richtig schwimmen können und ihnen unbekannte Gewässer falsch einschätzen.

Manchmal ist es noch tragischer: Anfang Juli starb bei einem Bootsausflug ein 29jähriger Mann im Chiemsee, ausgerechnet dabei, als er einem anderen helfen wollte, wieder zurück ins Boot zu kommen.  Schwimmen konnten alle drei nicht richtig. Natürlich ist es töricht, dann von einem Boot aus in einen See zu springen, in dem man nicht stehen kann, um zum Ufer zu schwimmen. Natürlich hätte es andere Mittel gegeben, den, der im Wasser war, sicher ans Ufer zu bringen, aber Besserwisserei macht es aber auch nicht besser. Denn niemand, der nicht dabei war, kann ermessen, wie Menschen in solchen Extremsituationen in aufkommender Panik reagieren und ob sie klare Gedanken fassen können.
Im Juli 2018 schrieb ich angesichts des Todes von zwei Menschen, einer im Haager Badesee und ein anderer in meinem Stammrevier im Kronthaler Weiher in diesem Blog einen Text und ein paar Wochen später einen weiteren, als wieder zwei Männer im Pullinger Weiher starben.
Gedanken zum World Drowning Prevention DayDenn meine Wut über so stumpfsinnige Kommentare a la „Selbst schuld…“ oder „Wie dumm muss man sein, in den Weiher zu steigen, wenn man nicht schwimmen kann“ war enorm.  Also habe ich versucht, im Text Nicht schon wieder… Todesfalle Kiesweiher zu veranschaulichen, wie schnell man in einem Gewässer mit steil abfallendem Uferprofilen wie Kiesseen Halt unter den Füßen verlieren und ertrinken kann, wenn man kein geübter Schwimmer ist und/oder weiß, dass nach drei Schritten einem buchstäblich der Untergrund unter den Füßen wegrutscht. Es war und ist mir unverständlich, warum noch immer bei solchen Gewässern so wenig mehrsprachige Warnschilder aufgestellt worden sind. Noch immer finde ich mehr Seen, an denen nichts beschildert ist, als solche, wo vor den Gefahren gewarnt wird. Dabei könnte es so einfach sein. Und Mehrsprachigkeit kann in einer Metropolenregion wie München auch nicht schaden.
Und noch immer habe ich den Eindruck: Es fehlt schlicht am Wollen. Erst die Androhung der Haftung einer Gemeinde für Unfälle an Badeseen hat dazu geführt, dass an weiteren Seen das eine oder andere Schild errichtet wurde. Offenbar war der Grund, Unfälle zu verhindern, allein nicht ausreichend. Erst eine mögliche Androhung einer persönlichen Haftung im Schadensfall für die Verwaltung und den Gemeinderat führte zum Aufstellen von Warnschildern. Wie beschämend.

Auch zur Beschilderung gab und gibt es im Netz einschlägige Kommentare, das würde ja wohl gar nichts bringen.
Ob Schilder etwas nützen, lässt sich in der Tat schwer beurteilen. Aber wenn nur ein einziger Badeunfall so verhindert werden kann, wäre es das wert.
Finden Sie nicht?

Und sonst?

  • Beachten Sie die Baderegeln.
  • Überschätzen Sie vor allem nicht Ihre Fähigkeiten, Ihre Kräfte, Ihre Kondition. 
  • Unterschätzen Sie nie die Distanz  zur anderen Seite, zu einer Insel etc., wenn Sie am Ufer stehen. Denken Sie daran, dass Sie diese Strecke auch zurückschwimmen müssen. Distanzen übers Wasser zu schätzen, ist weitaus schwieriger als man gemeinhin denkt.
  • Schwimmen Sie mit einer Boje, zumindest, wenn Sie sich vom Ufer entfernen.
  • Springen Sie nicht aus Übermut von einem (gemieteten) Boot aus ins Wasser. Rein kommt man immer leicht, aber raus?
  • Achten Sie vor allem im Freiwasser darauf, was um Sie herum passiert.
  • Bringen Sie sich selbst nicht  in große Gefahr, um andere zu retten.
  • Und bitte, bitte, bitte: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kinder, wenn Sie welche haben, schwimmen lernen.

Und ein PS, das mir noch am Herzen liegt:
Gedanken zum World Drowning Prevention DayMeldungen zum World Drowning Prevention Day gibt es heute viele  im Netz. Die meisten zieren ziemlich ähnliche Stock-Fotos von Bildagenturen: Eine aus dem Wasser ragende Hand, wie auch hier im Bild zu sehen. Ein Hingucker, ein reißerisches Motiv, ein Bild, wie man es aus unzähligen Spielfilmen kennt.
Aber leider weit entfernt von jeglicher Realität. Entstanden ist dieses Foto am Mittelmeer im kaum brusthohen Wasser. Es ist meine eigene Hand, das Foto zeigt also mitnichten einen Ertrinkenden.
Fake eben: Hinhocken, Arm nach vorne strecken, Ellenbogen abwinkeln, damit der Unterarm aus dem Wasser ragt, dann die Finger spreizen, abdrücken. Fertig, ab in die ditiale Bearbeitung. Dazu musste ich noch nicht mal mit dem Kopf unter die Wasseroberfläche.
Es war ein Bild einer Serie, Teil eines „Fotoprojekts“, das Foto sollte beim Betrachter genau die Assoziationen wecken, wie es jetzt hundertfach im Netz geschieht. Und es hat weidlich gut funktioniert.
Das aber sind „Filmbilder“, wie man sie aus dem Kino kennt. Mit der Realität hat das wenig zu tun.

Ertrinken sieht anders aus.

Wenn Sie also auf Mitschwimmer im Wasser achten wollen, schauen Sie nicht nach einzelnen herausragenden Händen sondern eher nach stillen, bewegungslosen Menschen, die Mühe haben, sich an der Wasseroberfläche zu halten.

 


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