Der Traum vom Totenkopf

Nein, 600 Kilometer wäre ich 2018 nicht geschwommen, hätte mich nicht Frank, der Schwimmmeister, angestachelt.  Davon und vom Vollzug des Ganzen ist hier zu lesen. Jetzt aber hat der ausgebuffte Hund, und das meine ich voller Respekt, sich eine neue Idee in den Kopf gesetzt. Während ich mich 2019 mit deutlich weniger als 600 Kilometern zufrieden geben möchte, peitscht er das Jahresziel nach oben.
Kaum ein Tag, an dem ich im Schwimmbad bin, vergeht, ohne dass er versucht, mich auf 666 – the number of the beast einzuschwören. Doch sein Projekt ist zu Scheitern verurteilt. 480 Kilometer (mein Ziel) bedeuten 40 Kilometer im Monat, 666 hingegen 55,5 im Monat. Es ist halt ein eklatanter Unterschied, ob ich durchschnittlich 1,31 Kilometer pro Tag schwimme oder 1,83. Also lasse ich mich auf gar keine Diskussionen ein.
Doch: Ich drohe ihm an, mich zu revanchieren, wenn er nicht aufhört, mich so anzutreiben. Ich werde mir den beschissensten und verregnetsten Sommertag aussuchen, an die Scheibe des Schwimmmeisterhäuschens klopfen und sagen, dass ich jetzt das Totenkopf-Schwimmabzeichen ablegen möchte. Das nämlich bedeutet, dass ich eine Stunde schwimmen werde – ohne Hilfsmittel und ohne Kontakt zum Boden oder Beckenrand. Für mich stellt das kein Problem dar – für den Schwimmmeister, der das beaufsichtigt, allerdings schon. Der nämlich muss eine Stunde am Beckenrand auf und ab marschieren und streng die Einhaltung der Regeln überwachen. Was ich mir nicht nur immens langweilig vorstelle, sondern auch extrem nervig.
„Und ja“, ergänze ich. „Es sollte kein Problem sein, herauszubekommen, wann Du das nächste Mal Dienst hast, und dann mache ich das Silberne. Und danach das Goldene.“
Zwei Stunden würde ich damit den Mann von seiner Arbeit abhalten und gleichzeitig endlos langweilen. „Selbst Schuld. Aber wer 666 leisten soll, der muss eben auch das Totenkopfabzeichen haben. Mir doch egal, wenn Du dann durch den Regen stapfen musst…“
Warum nicht im Sommer im Freibad den Totenkopf schwimmen?
Frank zuckt nur mit den Schultern und lacht.

Er kann ja nicht wissen, dass ich vor vielen Jahren einmal davon geträumt habe, diese drei inoffiziellen Schwimmabzeichen tatsächlich abzulegen, aber es führte kein Weg dahin. Ich war in meiner Kindheit ein saumäßiger Schwimmer, um nicht zu sagen: Ein Nichtschwimmer. Überhaupt war Sport in der Schule immer eine Qual, jedes „ausreichend“ war ein purer Gnadenerweis.
Davon habe ich vor Jahren in diesem Blog ein wenig geschrieben. Ausführlicher kann man später an anderer Stelle davon lesen, ein Buch ist in Vorbereitung, in dem dies eine Rolle spielt. Frei- und Fahrtenschwimmer machte ich erst, als ich aufs Gymnasium gewechselt war, eine längere Krankheit hielt mich von jeglicher Art Sport ab. Darüber war ich nicht undankbar. Mein Zeugnis wurde gestempelt. Fertig.

Sportbefreiung im Schulzeugnis
Als ich wieder Sport machen durfte, aber noch immer nicht wollte, blieb die Mitleids-Vier stehen, bis in der Oberstufe Schwimmen die Einzelsportart meiner Wahl wurde. Das erste Mal gehörte ich nicht zu den Schlechtesten, denn es machte Spaß, ich strengte mich an und legte ganz passable Zeiten hin.
Das wäre der Moment gewesen, ein Totenkopfabzeichen zu erschwimmen – aber die Gelegenheit ergab sich nie. Vielleicht hätte ich es auch nicht geschafft und habe es deshalb gar nicht erst probiert.
Allerdings muss ich zugeben: Ich habe davon geträumt, ich hätte es sehr gerne gehabt. Endlich mal etwas zum Angeben, endlich mal etwas, was mir eine gewisse Anerkennung in puncto körperlicher Fähigkeiten erbracht hätte. Endlich vielleicht auch mal etwas, was ich geleistet hätte, was mein Bruder, der mir körperlich, sportlich, konditionell und kräftemäßig immer überlegen war, nicht hatte. Es hat nicht sollen sein.

Nach dem Ende der Schulzeit, fand ich mich schnell damit ab, und es wäre mir irgendwie auch lächerlich vorgekommen, zum Bademeister zu gehen und zu fragen, ob er mich eine Stunde im Becken beaufsichtigt. Oder sogar länger. Als Student, der sich in die Höhen des Elfenbeinturms hinaufwagt, wäre es fast schon grotesk gewesen, mit sportlichen Leistungen auftrumpfen zu wollen. So war der Traum vom Totenkopf ausgeträumt.

Vorbei, verweht nie wieder

Doch dann kam Frank. Würden wir nicht frotzeln und witzeln, Geschichten von früher erzählen – ich welche aus anderen Schwimmbädern, er aus der Zeit als blutjunger Bäderfachangestellter –  der Totenkopf wäre wohl nie wieder zur Sprache gekommen. Aber er erzählt davon, wie entsetzlich öde das war, wenn mal einer kam und den machen wollte.

Totenkopf - Mehr als ein Stück StoffTotenkopf… Totenkopf… Totenkopf. Ohne es zu ahnen, ist der Funke einer Idee ist eingepflanzt. Und er nagt an mir? Warum soll ich das nicht doch einfach machen?
Wie gesagt: Eine echte Herausforderung ist das nicht. Nur ein Spaß. Die Querung des Chiemsees 2017 brachte es auf eine Schwimmzeit von über eineinhalb Stunden, vom Neoprenanzug mal abgesehen (was für den Totenkopf auch ein Regelverstoß wäre) ohne Hilfsmittel und ohne Boden- und Randkontakt. Wie auch?
„Da wäre das silberne Abzeichen ja eigentlich schon im Sack“, erzähle ich Frank und drohe im an: „Eines Tages mache ich das!“
Lediglich sein Hinweis, er könne das ja dann im Schwimmbad über die Lautsprecher durchsagen, hält mich ab. Aber die Idee, im Sommer im Freibad, unter der Woche, morgens bei Regen… Da kann er durchsagen, was er will, es wird niemand da sein, der das hört.
Frank fürchtet, dass ich Ernst mache, er kennt mich gut genug, um zu wissen, dass aus solchen närrischen Ideen feste Pläne werden können. Also baut er vor. Und so steckt er mir eines Abends plötzlich ein kleines Stück Karton zu. Darin ein Stück Stoff, das Abzeichen für die Badehose, der Totenkopf in Gold.Totenkopf - Mehr als ein Stück Pappe

„Ich habe Dich ja oft genug mehr als zwei Stunden Schwimmen sehen,“ lacht er, als ich zögere und sage, dass das ja eigentlich nicht den Regularien entspricht. „Doch, doch. Das ist schon ok!“ Unterschrieben und gestempelt ist das dazugehörige Zeugnis auch.

Er weiß nicht, wie sehr mich das bewegt. Nicht nur die unglaublich tolle, freundschaftliche Geste. Auch die Erinnerungen. Denn jetzt habe ich ihn, den

Totenkopf in Gold!

Knapp 40 Jahre später als gewünscht. Aber ich habe ihn. Ein verlorener, verschütteter Traum aus meiner Jugend, der doch noch in Erfüllung gegangen ist; dann, als ich ihn längst vergessen hatte. Es trifft mich mit Wucht, rührt eigenartig an. Kann es sein, dass ich in dem Moment etwas im Auge habe? Etwas, das nichts mit dem gechlorten Wasser des Schwimmbeckens zu tun hat? Für einen Augenblick fühle ich mich wie mit einer Schleuder in eine vergangene Zeit katapultiert, wieder jung, wieder voller überschäumender Energie, voller Glückshormone, den goldenen Totenkopf erschwommen zu haben.

Ich gebe zu, dass ich mich nicht nur riesig gefreut habe sondern auch stolz bin. Weil Frank recht hat, dass ich mir diesen Stofffetzen im Prinzip erarbeitet habe und nicht erbeten oder gar erbettelt.  Ich werde mir eine neue Badehose kaufen müssen, eine, auf die das Abzeichen genäht wird. Farblich passend, so viel Stil muss sein. Und es interessiert mich absolut nicht, wer was darüber denkt oder sagen wird. Ich bin alt genug, dass mir das vollkommen gleichgültig ist.

Danke, Frank.

 


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2 Antworten

  1. Stefanie Eschenburg sagt:

    Dann also in 2019 666 km Schwimmerchen.. Für Frank.
    Herzliche Grüße

  2. Çilem Flad sagt:

    Richtig schön zu lesen… Gratulation zum goldenen Totenkopf🤗 Träume muss man sich einfach immer bewahren ☺

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