Zieh Leine!

„Zieh Leine!“ – das haben sie zwar nicht gesagt, vermutlich aber gedacht, als ich ins Schwimmbad gekommen bin. Wegen der Faschingsferien war es einigermaßen voll am Aschermittwoch. Die Fastenzeit beginnt und die geht nicht selten einher mit dem Bedürfnis, mal wieder ordentlich Sport zu machen. Fast ist es so wie mit den guten Vorsätzen zum Jahresbeginn. Plötzlich tauchen Leute im Schwimmbad auf, die man noch nie vorher gesehen hat. Vor allem die Gruppe der Stehrümchen am Beckenrand haben sich schlagartig vermehrt.

Im Badebereich tummeln sich die „normalen“ Trockenhaarschwimmer“ und Omabrüstler. Im Variobecken in der Lehrschwimmhalle sind keine Bahnen gespannt, es sind Ferien. Schulschwimmen findet nicht statt. Statt dessen toben die Kinder mit ihren Eltern und Freunden durchs Wasser. Für Schwimmer, die Bahnen ziehen wollen, ist das blöd.

Das hat natürlich Folgen für die abgetrennte Sportbahn. Menschen, die man sonst dort nicht antrifft, nutzen sie mit – nicht jeder hat ein Bedürfnis auf postkarnevalistische Zerknirschung. Ich zum Beispiel nicht. Ich gehe lieber schwimmen als mich mit Aschekreuzen bemalen zu lassen.
Also quetsche ich mich zwischen fünf Schwimmer, versuche, meine Bahnen zu ziehen, was weder die sehr viel schnelleren Kampfkrauler gut finden noch diejenigen, die immer im Wechsel eine Bahn kraulen, eine Brust- und eine Rückenschwimmen.
Will sagen: Ich störe.

Leine im Schwimmbad. Nicht dran ziehen!

Jeder weitere Schwimmer verstärkt den Crowding Effect, laut Spektrum.de ein „innerhalb von Populationen mit hoher Bevölkerungsdichte und dichteabhängiger Faktoren auftretendes Phänomen gegenseitiger Störung und Beunruhigung der Individuen.“ Oder vereinfacht ausgedrückt: Je voller die Bahn, desto aggressiver die Reaktionen einiger Schwimmer, die sich durch jeden Neuankömmling gestört fühlen und ihren Platz verteidigen wollen.

Oder noch simpler: Einfach zusammenrutschen is hier nich! Also: Zieh Leine!
Das klingt immerhin charmanter als ein „Verpiss Dich!“

Die einen pochen darauf, dass sie zuerst da waren, die anderen auf das Recht des Stärkeren/Schnelleren. Das Verhalten menschlicher Individuen auf der Sportbahn ist eben ein steter Quell der Erregung, worüber ich ja schon öfter geschrieben habe (hier zum Beispiel), zugleich ein wunderbares Terrain für ausgiebige sozialwissenschaftliche, psychologische und biologische Feldforschung am homo sapiens. Immer wieder spannend.

Schwimmbad Leine von unten

Leine zieh ich übrigens trotzdem nicht. Nützt auch nichts, denn die ist an beiden Enden des Beckens fest in die Wand verankert. Oft genug weisen die Schwimmmeister an den Wochenenden Kinder zurecht, die sich über die Leine hängen, dass sie das bitte nicht tun sollen. Was erst, wenn ich dann anfange, daran rumzuziehen? Nein. Leine wird nicht gezogen.

Fotografiert habe ich die Selbige allerdings reichlich. Nicht nur einmal. Allerdings nicht an diesem Mittwoch. Dazu bedurfte es anderer Lichtverhältnisse und vor allem eines leeren Beckens. Denn die Haus- und Badeordnung meines bevorzugten Schwimmbades erlaubt zwar das Fotografieren, allerdings mit der Einschränkung:, dass das Fotografieren und Filmen fremder Personen nicht ohne deren Einwilligung gestattet ist. Also besser gar nicht erst fotografieren, wenn andere mit auf dem Bild sein könnten – und dann unter Wasser schon gleich zweimal nicht. Die Bilder sind ein paar Tage vorher entstanden.

Wenn demnächst ein neues Buch von mir erscheint, soll vielleicht eines aus dieser Leinen-Bilderserie das Cover zieren…

Leine

Fast schon unnötig zu erwähnen: Geschwommen bin ich natürlich auch. In der Menge. Mit dem Strom. Und obwohl Aschermittwoch ist, nicht im Büßergewand.


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1 Antwort

  1. somi1407 sagt:

    „Trockenhaarschwimmer“ – Herrlich :)

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