Tristesse – und dagegen angehen!

Tristesse – wohin man schaut. Unermüdlich fällt ein vom feiner Nieselregen vom Himmel, vorbei ist die weiße Pracht, der erste Schnee ist schon wieder dahin geschmolzen. Kalt ist es trotzdem draußen – und nass.
Ein Wetter, um den dritten Advent auf dem Sofa zu verbringen, ein gutes Buch zu lesen (oder ein schlechtes), dazu Tee, Kaffee mit Rum und Milchschaumhäufchen und leise Klaviermusik.
Oder um den Esstisch abzuräumen und die Belege für die Steuer zu sortieren.
Wenn man aber – so wie ich -. auf das eine so wenig Lust hat, wie auf das andere, ein Budenkoller sich androht und vor allem die Aussichten auf die kommenden Wochen irgendetwas von massivem Stubenarrest haben, dann ist die Laune bald so trist wie das Wetter.
Bewegungsmangel (ja, schwimmen fehlt, ich erwähnte es) ließe sich bei einigermaßen angemessenem Wetter durch Wanderungen oder Spaziergänge kompensieren. Aber bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür, es sei denn, man will anschließend, wenn er wieder durchs Haus tobt, ordentlich wissen. Ich weiß, wovon ich rede, wir haben zwar keinen Hund, aber gerne mal einen zu Gast. Und bei dem ist es ein ewiges Rein und Raus.

Immerhin nötigt das pubertätige Hundefräulein uns zu ausgiebigen Spaziergängen – Scheißwetter hin oder her. Ein gutes Mittel gegen Tristesse.

Und es ist eine gute Gelgenheit, die Kamera am lebenden Objekt weiter zu testen. Vor allem an einem, dass Tempo drauf hat, was möglicherweise das Tele und vor allem den Autofocus schnell an seine Grenzen bringt. Denn so richtig scharf, wie ich mir das wünsche, werden die Bilder nicht. Also landet wie bewährt der Großteil gleich wieder im Müll.

Ein rennender Hund - gut gegen Tristesse

Und wenn die Schärfe halbwegs passt, dann stimmt der Bildausschnitt nicht. Ja, mich nervt, dass bei diesem Foto die Füße unten fehlen. Und richtig scharf ist es eben auch nicht. Ein Elend.

Stürmisch, der Hund

Ein Elend, wie das Wetter – und doch ist es Jammern auf hohem Niveau, das weiß ich selbst.

Schaue ich aus dem Küchenfenster auf den mittlerweile blätterlosen Hibiskus, dessen Blüten im Sommer die Schildkröten zu regelrechten Fressorgien veranlassen, sehe ich nur Grau in Grau. Nasse Tristesse eben. Novemberwürdig, aber doch bitte nicht am dritten Advent.

Regentropfen an einem Zweig - Tristesse

Ich habe eine gewisse Gier, zu fotografieren und den Wunsch, mich wie auch immer kreativ zu betätigen, die Tristesse lähmt allerdings die Motivation. Das geht so lange, bis ich mir einen imaginären Tritt in den Allerwertesten gebe, die Kamera schnappe und weiter übe.
Das Motiv ist schnell gefunden.
Regentropfen. Etwas anderes wüsste ich gerade nicht.
Fett hängen die Tropfen an den moosbewachsenen Zweigen des Gehölzes, sie halten schön still und sind immer wieder dankbare Motive. Bilder von Regentropfen an Blättern und Zweigen kennt man in großer Zahl aus Fotobänden, von Geschenkpostkarten und Memes im Internet.  Warum nicht dieser Masse ein paar weniger Aufregende hinzufügen?

Es regnet und regnet - das nervt. Tropfen am Hibiskus

Es nieselt und nieselt, wie immer stehe ich ungeschützt draußen. Ich lerne es eben nicht, es ist ja erst ein paar Tage her, dass ich mir fast den A… draußen abgefroren habe, warum dieses Mal sich nicht durchweichen lassen.
Raindrops keep falling on my head…

Und nicht nur auf meinen Kopf. Kann die Kamera den feinen Sprühregen ertragen? Immerhin habe ich bewusst beim Kauf darauf geachtet, ein robustes Modell zu erwerben, das eben auch mal den einen oder anderen Regentropfen aushalten kann.
Nasse Moospolster am Hibiskusast

Denn plötzlich habe ich eine ganz und gar vermessene Idee. Diesen einen Tropfen ins Visier zu nehmen bis er fällt. Denn dass das passiert ist unausweichlich. Die Frage ist nur wann. Da man das nicht vorhersagen kann, drücke ich, sobald der Tropfen schwer genug ist, auf den Auslöser und in schneller Folge entstehen knapp hundert Fotos.

Ein Tropfen bildet sich, fotografieren, bis er fällt. Tristesse

Bis eben passiert, was unausweichlich passieren muss. Die Schwerkraft behält die Oberhand. Das letzte Foto der Serie, bevor der Tropfen fällt und sich ein neuer bildet, ist dieses:

Der Regentropfen löst sich vom Zweig.
Mit dem fallenden Tropfen fällt auch alle Tristesse.

Ganz zufrieden bin ich mit dem Bild noch nicht.  Aber wiederholen möchte ich das nun auch nicht, obwohl es genug Gelegenheiten gäbe. Es hängen Tausende von Tropfen am Hibiskus. Es ist nur eine Frage der Geduld, das fast gleiche Bild noch einmal zu machen oder eben einen anderen Tropfen im Stadium der Ablösung vom Ast zu fotografieren. Im freien Fall werde ich es wohl nicht hinbekommen, zumindest nicht mit der Brennweite.
Einen Versuch ist es wert.
Dann aber mit regenfester Jacke.
Sagte ich etwas von Tristesse?
Ich doch nicht…


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