Setzen, stellen, legen…

Wer in die Situation kommt, Ausländern die deutsche Sprache zu erklären, sollte zumindest einen Teil ihrer Regeln kennen. Nur geht es oft bei Rückfragen und Verständnisproblemen gar nicht um grammatikalische Regeln sondern um den praktischen Gebrauch von Wörtern in deren Zusammenhang. Wann wird welches Wort genutzt und wann eben nicht?
Wie schön einfach wäre es, gäbe es eine einfache Regel, an der man sich orientieren kann und die bitte ohne Ausnahmen. Nehmen wir als Beispiel die Wörter stellen und legen im Zusammenhang mit Gegenständen. Für die Engländer ist das ein klarer Fall von to put: Einfach igendetwas irgendwo hin tun. Fertig. Das gilt zumindest bis der Gegenstand in Position gebracht wurde. Bei uns ist das da schon etwas schwieriger:
Ist ein Gegenstand eher hoch, wird also von der Senkrechten bestimmt, wird er gestellt. Und dann steht er: Ein Baum, ein Schild, ein Schrank, ein Tisch. Was Füße hat steht sowieso. Ist ein Gegenstand eher flach und geht in die Horizontale, dann wird er gelegt und anschließend liegt er: Wie zum Beispiel ein Teppich. Logisch, oder?
Auf dem liegenden Teppich zum Beispiel steht ein Stuhl, der auch liegen kann, nämlich dann, wenn er umgefallen ist.
Die flache Tischplatte liegt auf den Beinen des an sich stehenden Tisches – und dieser zum Beispiel auf den auf dem Boden liegenden Fliesen.
So einfach ist das. Auch das eher in die Breite als in die Höhe gehende Bett steht auf dem Boden, denn es hat ja zumindest fast immer Füße. Im stehenden Bettgestell liegt hingegen die Matratze, darauf liegt ein Laken, darauf dann ich und zu oberst eine Decke (wie sich das gehört).
Aber auch was keine Füße hat, steht trotzdem: Zum Beispiel die Flasche oder das Glas. Beides steht normalerweise, zum Beispiel vor mir auf einem Tisch, wenn Flasche und Gals von jemandem dahin gestellt worden ist. Beides kann ich selbstverständlich auch auf den Tisch legen. Dann liegen sie, sind aber ihrer Funktion beraubt und je nach Füllungsgrad und Inhalt gibt’s auch eine gewisse Sauerei z.B. bei einer Flasche Salatöl, wenn diese nicht richtig verschlossen ist. Soweit ist alles regelkonform und einem Schüler der deutschen Sprache erklärbar zu machen.

Nächste Beispiel: das Platt Papier. Das liegt natürlich auf dem Tisch. Es ist eher breit als hoch, und irgendwer wird es schon hingelegt haben. Sonst läge es ja da nicht. Vielleicht liegt daneben die Zeitung oder das Buch, das übrigens auch stehen kann. Je nachdem, ob es auf Deckel oder Rücken liegt oder auf der Kante steht.
Nudeln wiederum stehen auf dem Tisch – genauso wie Kartoffeln, Klöße, Reis, Suppe oder Gemüse. Überhaupt stehen die meisten Lebensmittel auf dem Tisch.
Sie erinnern sich an den Ruf daheim? „Essen steht auf dem Tisch!“

Doch – Stopp. Es gibt auch Ausnahmen. Das faule Brot steht nicht, das liegt. Zmindest bei einigen. Warum auch immer…
Kartoffeln kann ich allerdings auch auf den Tisch legen. Denn stehen tun sie da nämlich nur, wenn sie sich in einer Schüssel liegen.
„Die Kartoffeln stehen auf dem Tisch“ ist nämlich eigentlich die sprachliche Kurzfassung von „Die Schüssel mit den Kartoffeln steht auf dem Tisch.“ Schon klar, oder?

Obstschale, liegend

Obstschale, auf dem Tisch liegend

Eine schüssellose Kartoffel liegt auf dem Tisch, denn runde Gegenstände werden gelegt und nicht gestellt: Äpfel, Orangen und so weiter. Und dann liegen sie. Wie Brot.
Fleisch wird auch gelegt, obwohl das selten rund ist, von Frikadellen mal abgesehen, aber die sind ja nicht zwingend aus Fleisch.
Da ist der Brotlaib schon runder. Brötchen hingegen stehen wieder auf dem Tisch. Aber eigentlich liegen sie wie Kartoffeln in der Schüssel oder dem Korb. Erst das Behältnis bringt sie zum stehen. Das ist etwa so ähnlich wie ich, wenn ich in meinem stehenden Bett liege. Trotzdem würde niemand sagen: „Der steht im Schlafzimmer“, wenn ich im Bett liege. Alles klar?
Das Fleisch also liegt auf der Servierplatte, die wiederum auf dem Tisch steht. Das tut sie obwohl sie mehr flach als hoch ist. Und jetzt wird’s kompliziert: Die Platte steht. Warum?
Denn sie liegt doch eigentlich. Wie ein Blatt Papier, eine Zeitung, eine Decke. Tut sie aber nicht. Der Teller erst recht nicht. Auch der steht. Daneben allerdings liegen die flachen Messer, Gabeln und Löffel. Und auch flache Frühstücksbrettchen stehen nicht sondern liegen auf dem Tisch.

Onstschale, stehend stellen

Obstschale, auf dem Tisch stehend

Der komplette Bruch in der Logik ist aber, dass eine Fleischplatte auf dem Tisch steht, eine Schallplatte (Nostalgiker wissen, was das ist) hingegen  auf dem Tisch liegt. Wie erklärt man das einem Menschen, der unsere Sprache lernt?
Auch die Wurst liegt, auch der Käse liegt – zumindest der harte und schnittfeste. Der streichbare hingegen steht: In seiner Dose.
Probieren Sie es aus… Ihr Appenzeller oder Gouda liegt auf dem Tisch, aber ihr Bressot oder Camembert steht. Wenn er nicht läuft. Muuaaaah.
Nur setzen darf man nichts auf den Tisch. Außer beim Roulette, aber da setzt man auch eher auf die Zahl als auf den Tisch selbst.
Sich selbst setzt man übrigens erst recht nicht auf einen Tisch. Man legt sich, stellt sich oder tanzt auf selbigem. Aber das ist eine andere Geschichte.
Und jetzt dürfen Sie sich wieder hinsetzen… oder –legen.

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4 Antworten

  1. Steelmastersswimmer sagt:

    Ohne Worte! Herrlicher Sprachwitz. Köstlicher Lesestoff.

  2. Alexander sagt:

    Sehr schöne Erklärung … bravo!
    Jetzt hat wirklich kein Flüchtling mehr keine Ausrede, die deutsche Sprache nicht ordentlich zu erlernen. (3 fache bairische Verneinung)

    Was die Anrichteplatte angeht, kann ich gerne eine Erklärung nachliefern. Anders als die Schallplatte, die wirklich flach ist, hat ja die Anrichte-Platte einen kleinen Rand unten, der als Fuß gilt und damit natürlich nur stehen kann. Damit ist bewiesen, dass Deutsch eine ganz klare und logische Sprache ist. Q.e.d., wie der Lateiner sagt.

    Anders beim Bairischen.
    Stellen wir uns folgende Situtation vor:
    Ein Flüchtling, erschreckt vom ostdeutsch-sächsischen Fremdenhass erhebt sich vom Wirtshausstuhl, um zurück in seine zerbombte Heimat zu gehen.
    Der neben ihm sitzende weltläufig, tolerante Bayer ruft ihm darauf hin zu:
    „Geh, komm her, bleib da!“

    Was macht er denn jetzt, der arme Tropf? Gehen? Herkommen? oder Dableiben?

    Beim Pegida-Preissen ist es ganz einfach und unmissverständlich, dem sagt man: „Schleich di!“

  3. AP sagt:

    Dieser Artikel ist absolut klasse.
    Man(n) hätte auch einfach sagen können: Deutsche Sprache schwääääre Sprache.
    Aber das hätte zweifelsohne nicht so viel Spass gemacht ;)
    Und so LIEGT es immer am Schreiber oder aber am Betrachter, sprich Leser, wie er das empfindet, was er da liest. Es sei denn, er STEHT abseits der allgemein gültigen Meinung.

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