Schon wieder Rentnerparanoia…

Vor einigen Tagen habe ich in meinem Schwimmblog die Frage aufgeworfen Wie machen die das?

Gemeint war die Überraschung, dass man, wenn man in aller Herrgottsfrühe zur Kassenöffnung ins Schwimmbad geht, sich bereits im Becken bereits ein Dutzend Rentner tummelt, bis man selbst in der Halle ist. ie alten Leutchen nämlich geben Vollgas, wenn es darum geht, die ersten im Schwimmbad zu sein. Vermutlich reisen sie schon in Badeklamotten und Bademantel an (spart Umziehzeit), gehen nicht unter die Dusche (im Wasser wird man sowieso nass und geduscht wird hinterher) und vielleicht auch nicht auf die Toilette (… nein. Lassen wir das).
Anders können sie es gar nicht schaffen in nur fünf Minuten. Zu dieser Frage habe ich mich unter der Überschrift Rentnerparanoia ausführlicher geäußert, das muss also nicht wiederholt werden.
Aber um einen Teilaspekt muss es erweitert werden, denn meine Rentnerparanoia nimmt Formen an. Je älter man wird, um so verzweifelter wehrt man sich vermutlich dagegen, später einmal genauso zu sein, wie die da… die alten Leute:
Es gibt Tage, die laufen ein wenig aus dem Ruder – zumindest, was den Zeitplan betrifft. Und so finde ich mich an einem solchen Dienstag überraschend zur Mittagszeit im Schwimmbad wieder. Es ist gähnend leer, das ist ein Traum für jeden, der freie Bahn mit Marzipan liebt.
Gähnend leer ist nach dem Schwimmen aber auch mein Magen. Von wegen Marzipan!

Der Magen gibt sonderbare Geräusche von sich, an Walgesänge erinnert das nun nicht gerade, obwohl es sicher unter Wasser sehr lustig anzuhören wäre.
Da ich gelernt habe, auf meinen Körper zu hören und bisweilen auch zu gehorchen, deute ich die Zeichen des Leibes richtig und verlasse das Schwimmbad. Auf dem Heimweg werde ich einen Kringel zum Supermarkt drehen und dort beim Bäcker im Eingangsbereich einen Imbiss zu mir nehmen. Das klingt nach einem guten Plan, der allerdings einen entscheidenden Fehler hat, wie sich bald herausstellt. Rentnerparanoia
Da es bereits nach 15 Uhr ist und die gegenüberliegende Berufs- und Fachoberschule meine späteren Rentenzahler zurück ins reale Leben geschickt hat, ist die Bäckertheke geplündert und ungefähr so leer wie ein Adventskranzverkaufsstand auf dem heimischen Basar. Was heißt: Brot und Brötchen gibt es zwar reichlich, auch Brezen und allerlei Kuchen, aber Sandwiches und Co. sind weitgehend ausverkauft. Woher soll ich das wissen? Normalerweise treibe ich mich nicht seniorenhaft am frühen Nachmittag in Supermärkten herum…
Auf einer Platte liegen die letzten vier Pizzaecken (dreimal Thunfisch, einmal Margarita, die also mit ohne alles).
Brav stelle ich mich an, schaue den Rentnern zu, wie sie gediegen und gewissenhaft ihre Cents zusammenkramen für ihre Brot-Einkäufe, dann bin ich an der Reihe. Ich lasse mir zwei Stücke Pizza im Ofen warm machen, beziehe einen Stehtisch mit Barhocker und schon wenige Minuten später dampft es auf dem Teller vor mir.
Erst verschlinge ich die Margarita, dann mache ich mich an die Thunfischpizzaecke. Kulinarisch ist das jetzt nicht gerade ein Highlight, aber der Hunger treibt es rein.
Während ich das erste Mal abbeiße, kommt ein älteres Ehepaar vorbei.
„Setz Dich schon mal hin“, weist der Gatte seine Frau an.
Nun ist es nicht gerade voll an den etwa sechs Tischen. Ganz im Gegenteil: Bisher war ich der einzige Gast. Dass der gute Herr Schmiedigkeit (ich nenne ihn mal so wie im anderen Blogbeitrag über Rentnerparanoia), seine Frau die Plätze reservieren lässt, bevor er zur Theke zurückgeht und wie immer zweimal Schonkaffee und zwei Stückchen Kuchen holt, ist übertrieben. Aber vermutlich lieben die Schmiedigkeits diesen einen Tisch, an dem sie immer sitzen, immer! Nach jedem Einkauf – immer dienstags, jede Woche.
Nachdem sie ihren Einkauf erledigt und alles zum Auto gebracht haben und noch einmal zurückgekommen sind, genießen sie in der Ecke hinten ihren Kaffee und Kuchen, dann geht es wieder zurück vor den Fernseher und das Kreuzworträtsel in das Sitzmöbel neben dem schweren Eichenschrank. Ich kann ihnen diese ritualisierte Sitzplatzauswahl nicht verdenken, ich bin ja auch nicht besser und schätze diesen einen, nämlich meinen Schrank im Schwimmbad, was mir den Titel Spindschrankneurotiker eingebracht hat. Und wenn der belegt ist, nun ja…
Frau Schmiedigkeit hat den Mantel abgelegt und will es sich gerade bequem machen, da ruft ihr Ehemann laut und für alle vernehmlich: „Was stinkt denn hier so?“
Und noch einmal: „Meine Güte, irgendwas stinkt hier aber. Was ist denn das bloß?“
Dass er dabei keine zwei Meter von mir entfernt steht, ich der einzige Gast bin, stört den Rentner dabei weniger.
Meint der mich?
Ich schnüffle unauffällig an mir, kann aber eigentlich gar nicht gemeint sein. Nach dem Schwimmen und einer gehörigen Runde Alaska-Minze im Dampfbad, die ja nicht stinkt sondern duftet, habe ich mich geduscht. Mein Lieblingsduft Chlorine dürfte also abgewaschen sein. Statt dessen rieche ich nach einem ultimativ herb-frischen Sportduschgel.
Meint er also die Thunfisch-Pizza?
Thunfisch ist ja wohl der einzige Fisch, der nicht nach Fisch schmeckt und nicht nach Fisch riecht. Außerdem ist mittlerweile kaum mehr als ein Bissen übrig.
„Mechthild, lass uns bitte gehen. Das ist ja nicht zum Aushalten“, schallt es erregt durch den Laden, dass sich die Kassiererin an der Supermarktkasse erschreckt umdreht.
„Dann müssen wir unseren Kaffee eben woanders trinken.“ Spricht’s und deutet seiner Gattin, jetzt endlich zu kommen.
Zustimmend und schweigend zieht sich Frau Schmiedigkeit umständlich ihren Mantel wieder an. Doch dann seufzt sie: „Schade, denn heute hätte es Bienenstich gegeben. Und den esse ich doch so gern…“
„So, wie das hier stinkt, ist mir der Appetit auf Bienenstich vergangen“, erwidert ihr Mann. Dann verduften sie.
Ok: Bienenstich mit Thunfischduft – klingt wirklich nicht gerade vielversprechend, da muss ich ihm trotz seines dienstäglichen Arschlochgebarens Recht geben. Oder war’s doch der dynamisch vitalisierende Duft nach Alaska-Minze und Männer-Duschgel?
Ich sollte öfter an mir riechen…

1 Antwort

  1. zeilentiger sagt:

    Jetzt verstehe ich so viel besser. Die furchtbare, fast schon zwanghafte Angst, selbst einmal so zu werden, ist der Quell so vieler hier gekonnt in Worte gefasster Beobachtungen!

    Ich bin selbst kein Thunfischfan, aber ich kann nur hoffen, der war es nicht, den der Herr roch, sonst muss er wirklich alt gewesen sein. Der Fisch, nicht der Mann. Sich so aufzuführen …

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