Nur für Männer: Lassen Sie uns übers Müssen reden…

Lassen Sie uns übers „Müssen“ reden. Und wenn Sie das nicht wollen, oder es Ihnen unangenehm ist, dann überspringen Sie diesen Beitrag einfach. Ich möchte das nämlich: Also übers „Müssen“ reden, und es ist mein Blog, da kann ich Themen anschneiden, ganz, wie es mir beliebt.  Also geht es heute über etwas, was mich seit einem Besuch auf dem Münchner Oktoberfest wieder mal mental schwerst beschäftigt: Wenn Männer müssen… und warum sie das nicht einfach tun.Auf der Wiesn - Kettenkarrussell

Wenn Männer nämlich müssen, dann gehen sie nicht einfach nur und machen. Letztlich machen sie es zwar, aber selten ohne TammTamm, einige nicht ohne Drama, andere nicht ohne Pannen und wieder andere… nun ja. Darauf kommen wir später.

Eine kleine Randnotiz zur Wiesn 2018

Da nach diversen Litern Bier selbiges förmlich durch den Körper hindurchläuft und auf die Blase drückt, ist auch das männliche Geschlecht regelmäßig auf dem Weg zu den und in den Toiletten des Oktoberfests anzutreffen. Lassen Sie sich da nur nichts einreden, werte Leserinnenschaft. Kerle müssen genauso.
Nun wäre es ein Einfaches, wenn Männer dann einfach das machen, was sie müssen, wenn sie müssen. Auf der Wiesen - Wer müssen muss, folgt dem Schild

Aber längst nicht jeder tut das.

Da gibt es zum Beispiel den, der nicht kann, wenn andere anwesend sind und mal schnell schauen könnten. Sie können nicht vor Publikum oder wollen nicht, sie drucksen in der Schlange herum, bis endlich ein Stellplatz in der hintersten Ecke frei wird, da wo nun wirklich niemand mehr hingeht, und vor allem, dort, wo besagte Klientel meint, unbeschadet, weil unbeobachtet müssen zu können. Dabei ist es nachgerade lächerlich zu glauben, dass nur ein Millimeter von Men’s best friend verloren geht, nur weil ein Nebenmann einen beabsichtigten oder unbeabsichtigten Blick drauf geworfen hat, was selbiger gerade hinter seinem Hosenlatz hervorgekramt hat. Es hat noch nie einer einem etwas weggekuckt. Jedenfalls nicht, soweit ich weiß. Und ich bin ganz sicher, dass, wäre dem so, dieser Fall längst so berühmt wäre, dass er Jedermann und jedem Mann bekannt wäre. Schon, um Panik zu schüren. Hüte Dich – sonst kuck und schwupp. Weg ist er. Mimimi!

Also wartet der gschamige Dimpfl lieber, bis er einigermaßen unbeobachtet ist, was auf der Wiesn vollkommen realitätsfern ist, und blockiert anderen  sogar den Zugang zur stählernen, stets durchspülten Rinne.
Derweil schaut eine andere Klientel Kerle vollkommen ungeniert und mit großem Interesse an Details dem Nachbarn beim Müssen aufs Geschlecht. Ob das aus erotischem Interesse erfolgt, mag angesichts des Massenandrangs auf den Toiletten eher dahin gesellt sein. Viel eher vermute ich, dass es dieser kurze Blick ist, der spätestens seit der Pubertät zutieft verinnerlicht wurde. Was hat der? Größer? Kleiner? Dicker? Dünner? Viele Haare, wenig, rasiert? Was man eben so innerhalb eines kurzen Blicks so erkennen kann.
All das ist immens wichtig, eine Orientierungshilfe, um sich selbst in eine Rangordnung einzusortieren. Als wenn es um Größe ginge (geht es das etwa nicht?), oder als wenn es irgendetwas an einem Selbst ändern würde, wenn der Nebenmann mehr oder weniger zu bieten hat. Manche Männer können eben nicht ohne – immer im Vergleich, immer im Wettbewerb. Vor allem hier.
All das ist sattsam bekannt und auch kein Phänomen, dass sich auf das Oktoberfest beschränkt. Das ist wohl in schier unendlichen Bedürfnisanstalten (was für ein wunderbar antiquiertes Wort) so, in denen Männer ihre Notdurft (noch so ein Verbalklassiker) verrichten.

Ein ganz anderes Kaliber ist da der Vogel, der bei einem Toilettengang im Festzelt neben mir steht und ganz offensichtlich ein großer Bewunderer von Chigaco Fire oder ähnlichen Formaten ist. Oder bei der freiwilligen Feuerwehr in Oberfischbach.
Fest hält er sein C-Rohr (was keines ist, ich habe extra nachgesehen) in der Hand und schwenkt es so, dass der Strahl in einer Spanne von etwa einem Meter auf die Stahlwand auftrifft – von links nach rechts, dann wieder zurück, dann wieder nach rechts. Das ist etwa so, als wolle er einen Flächenbrand ganz alleine löschen. Das Kommando „Wasser, marsch!“  habe ich zwar verpasst, aber ich bin sicher, dem Kollegen ist es durch den Kopf geschossen, nachdem er auf das Kommando „Die Krüge hoch“ folgsam reagiert und damit die Blase betankt hat.
Auf der Wiesn - Die Krüge hoch

Ein anderer zückt, kaum, dass er an der Rinne steht, erst einmal sein Handy.
Echt jetzt?Folgt jetzt etwa ein Selfie? Oder wird das Müssen gar im Digitalformat dokumentiert?
Wozu?
Aber was weiß ich schon: Es soll ja Menschen geben, die von allem Bilder machen – und es soll ja Menschen geben, die sich auch leidenschaftlich all das gerne ansehen. Soweit ich gehört habe. Überprüfen werde ich das nicht, und schon gar nicht via Google. Bekanntlich erinnert sich der Datenkrake an solche Suchanfragen, mutmaßt ein Interesse, wo keines ist, und mir werden Werbung zu Angeboten und Internetinhalte ausgespielt, die ich nie hatte sehen wollen.

Aber der Bursch macht kein Selfie. Er checkt wohl seinen Status und kommuniziert, indem er wild mit dem Daumen über das Display flitzt, während er sich verzweifelt mit der anderen Hand abmüht, genau das Körperteil zu finden und ans Freie zu befördern, damit er endlich das machen kann, weshalb er ursprünglich hergekommen ist.  Es erweist sich als hochdiffizil, die zwei Knöpfe der Lederhose zu öffnen, um den Latz herunterzuklappen. Auch die nächsten zwei, die freien Zugriff gewähren, zu öffnen ist die wahre Fummelarbeit, für die man ein gewisses Talent braucht. Zumindest, wenn man einhändig daran arbeitet, wie bei dem Burschen. Die andere Hand ist ja blockiert und mit der Kommunikation beschäftigt.
Nur am Rande bemerkt: Es ist einer der großen Nachteile der Lederhosen, vor allem der ganz neuen, dass die Knöpfe sich nicht in Sekundenschnelle öffnen lassen. Das lässt es anraten, frühzeitig zum Klo aufzubrechen. Denn nach Murphys Law weiß man: Je dringender man muss, und je betrunkener man ist, um so schwieriger wird es, den Hosenlatz zu öffnen. Und wenn dann die Hektik dazu kommt, kann so ein Unterfangen schnell mal in die Hose gehen. Und zwar buchstäblich.
Glauben Sie mir: Ich weiß, wovon ich rede. Auch wenn ich in vergleichbarer Situation vollkommen nüchtern war und beide Hände zur Verfügung hatte ist auch das Öffnen eines Kordelzugs einer Badehose ist im Zustand höchsten Blasendrucks nervenzerfetztend… und endet damit, dass man statt die Schleife geöffnet zu bekommen, einen Doppelknoten im Band hat und ganz schnell improvisieren muss.

Auf der Wiesn - Im Zelt

Irgendwann hat der Bursch den Latz dann doch auf, es geht alles seinen geregelten Gang. Na ja, fast. Eigentlich funktioniert es nur so mittelprächtig. Zu sehr sind seine Augen auf dem Display verhaftet und seine Konzentration ist so stark vereinnahmt, dass nicht alles, was er gerade von sich gibt (was jetzt nicht auf das Handy bezogen ist), dahin gelangt, wo es hin gehört. Ein Teil landet auf den Schuhen. Was aber – so erinnern sich Cowboys und alte Veteranen – kein Desaster ist: Einmal in die Stiefel gepinkelt, dann passen die wie angegossen.

Ein weiterer Neuzugang an der Rinne ist auch nicht mehr ganz so zielsicher. Er schwankt. Und zwar zum Takt der Musik, die aus dem Festzelt bis ins WC dringt. Wenn draußen alles auf den Bänken steht, tanzt und gröhlt, muss man an der Rinne schließlich auch seine Gaudi haben.

Oh, yeah
Back in the summer of sixty-nine, oh
Man, we were killin‘ time, we were young and restless
We needed to unwind
I guess nothin‘ can last forever, forever, no
Yeah

Auf der Wiesn - Alles tanzt auf den Bänken
Da kann man schon mal eine kleine Schwank-/Tanzeinlage vor der Rinne hinlegen. Da aber der Alkoholspiegel überschritten ist und zu motorischen Störungen kommt, schwankt sich Kollege aus dem Gleichgewicht. Kopfüber geht es.
Nein. Nicht in die Rinne. Die Stirn streichelt zärtlich die Wand, saugt sich fest, so bleibt er stehen. Wie zur Salzsäure erstarrt. Mitten in der Bewegung. Irgendwer schubst ihn an, er solle mal ganz unbayerisch gesprochen hinne machen. Macht er aber nicht.

„Ey Alta“, tönt es. „Der macht nicht hinne. Der ist schon hinne. Sieht man doch.“

Von draußen tönt es nach Abba. Die Festkapelle schmettert ein „Mama Mia“ durch das Zelt.

I been cheated by you since you know when
So I made up my mind, it must come to an end
Look at me now, will I ever learn?

So!
Fertig.
Das wird man doch wohl mal bloggen dürfen!

Und jetzt:

Die Krüge hoch.
Oans zwoa, gsuffa.
Prost.
Auf der Wiesn - unter den strengen Augen der Bavaria


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3 Antworten

  1. Belana Hermine sagt:

    Ja, die Notdurft wird immer nur notdürftig besprochen/diskutiert. Gut, dass Du Dich da rangewagt hast. Dabei ist sie ja doch immer ein riesiges Thema – so auch viel begangenen Wanderwegen wie dem camino frances. Darüber könnte man dann auch eine Sozialstudie anfertigen ;-)
    Auf dass jede/r das nötige Fleckchen zu seiner/ihrer Erleichterung findet.

  2. Alexander sagt:

    Ein weiterer Grund nie mehr auf die Wiesn zu gehen.
    Mein Albtraum an der Pissrinne ist nicht, das Starren aufs Zipferl, was es mir unmöglich macht zu urinieren, ist das glasige Starren eines Gegenübers. Das empfinde ich als aller Gräslichste … Allein deshalb bin auch ich ein „Im-letzten-Eck-Piesler“

    • Lutz Prauser sagt:

      Für einen Flaneur ist das freilich nichts. Das verstehe ich. Aber wer in die Abgründe menschlichen Verhaltens starren will, muss raus ins Feld und forschen.

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