Lesetipp (Teil 7): "Im Wald" von Torbjørn Ekelund

Natürlich kann man sich in den Wald zurückziehen, zwei Jahre dort leben, so tun, als sei man fern der Zivilisation. Man kann sein selbst angebautes Gemüse essen, davon leben und sich als Tagelöhner verdingen, wenn man denn unbedingt etwas Geld braucht. Henry David Thoreau hat das gemacht, darüber das Buch „Walden“ geschrieben und sich zum Urvater der Aussteiger gemausert. Ist ja auch alles nicht so schwer, wenn der nächste Ort wenige Kilometer entfernt ist, der Wald bei weitem nicht so urzeitlich und gefährlich und vor allem, wenn die Mama regelmäßig in der selbstgezimmerten Blockhütte nach dem Rechten sieht und für eine gewisse Grundordnung sorgt.
Torbjørn Ekelund ist weit entfernt, es Thoreau gleichzutun, sein Ansatz, der zu dem Buch Im Wald führte, war ein gänzlich anderer:

Er wollte keine Expedition starten, kein zielgerichtetes Unternehmen, auch keine Mission, er wollte nur die Natur möglichst ungestört aus nächster Nähe beobachten, Forellen fischen und den Wald auf sich wirken lassen – in ihm herumstreifen. Ein Jahr lang wollte der Journalist jeden Monat 24 Stunden im Wald verbringen, je eine Nacht und einen Tag, egal, ob Sommer oder Winter, ob Regen, Sonnenschein oder Schnee. Und von letzterem gibt es viel, dort wo Ekelund lebt: In Norwegen.
Ekelund nahm sich vor, dem Mysterium Wald nachspüren, sich vom Wald beeindrucken lassen, ihn sehen, hören, riechen, darüber nachdenken und schreiben. Was er getan hat. Und viele Fotos hat Ekelund gemacht, von denen eine Auswahl im Buch zu sehen ist: Weniger inszenierte Landschaftspanoramen als Momentaufnahmen, Schnappschüsse, Details.
Meist zieht er allein los, einmal nimmt er einen befreundeten Journalisten mit, der über das Projekt eine Reportage machen will. Und einmal im Sommer hat er seinen Sohn dabei, der unbedingt seinen Papa bei diesem Abenteuer begleiten will.

Nicht in Norwegen und nicht von Ekelund, aber im Wald – gilt für alle Bilder in diesem Beitrag

So richtig viel erfährt der Leser nicht über das Leben im Wald. Immer nur 24 Stunden sind wohl auch zu kurze Zeitfenster, die Ekelund erlebt hat und beschreibt, um es als Waldleben zu charakterisieren. Noch dazu ist er ausgestattet mit Proviant, Hi-Tec-Zelt und Funktionskleidung, vor allem aber dem Wissen, dass nach durchregneter Nacht daheim die heiße Dusche wartet. Daher darf man das Buch nicht als Bericht über die großen Outdoor-Adventure oder -Romantisierung ansehen. Das will es aber auch gar nicht sein. Ekelund setzt sich auch ganz bewusst davon ab, verliert scharfe Worte gegen diese verklärende Naturromantik und Naivität, mit der zivilisierte Menschen der Wildnis begegnen, z.B. über Christopher McCandless tödlich endendes Projekt, das Jon Krakauer in „Into the Wild“ beschrieben hat. Viele Querverweise führen zu Krakauer, zu Thoreau, zu Timothy Treadwell, der als Grizzly Man jahrelang mit den Bären in Alaska zusammen gelebt hat, bevor diese ihn angefallen und getötet haben.
Auch mit praktischen Tipps und Ratschlägen in puncto Vorbereitung und Ausstattung seines Unternehmens hält sich Ekelund zurück. Zwar verzichtet er nicht ganz darauf, aber es hält sich so sehr im Rahmen, dass man als Leser, will man dieses Experiment nicht wiederholen, nicht das Buch gelangweilt zur Seite legt. Im Wald ist keine Outdoor-Fibel, eher eine Mischung aus Erlebnis- und Gesinnungsaufsatz verbunden mit vielen Reflexionen über den modernen Menschen und die Natur, bzw. die Entfremdung davon.

Und es ist – wieder einmal – die Chronik einer Herausforderung eines Menschen an sich. Wie Andreas Faths Rheines Wasser oder Wigald Bonings Im Zelt schildert auch Ekelund, dass er sich eine eher spinnerte Aufgabe gestellt hatte, die er bewältigen wollte und auch bewältigt hat, ohne sich sicher zu sein, dass er das auch würde durchziehen können oder wollen. Ob man sich selbst nun etwas zu beweisen sucht, seine Grenzen kennenlernen will, die Grenzen des Machbaren zu eruieren oder Erfahrungen abseits des Alltäglichen machen möchte, in eine Idee und das daraus resultierende Projekt total vernarrt ist… die Gründe mögen verschieden sein. Aber es kommt immer wieder das Gleiche heraus: Es einfach auszuprobieren, ob es geht.
Und einmal mehr bestätigt sich meine Vermutung, dass darüber ein Buch zu schreiben und seine Erfahrungen zu schildern gar nicht so sehr der eigenen Schulterklopferei dient („Schaut her, was ich Tolles gemacht habe“) oder zur direkten Nachahmung motivieren soll, sondern zunächst Teil der Selbstmotivation ist. Wenn ich so etwas ankündige und darüber schreiben will, kann ich mich nicht mehr so einfach aus der Nummer herausstehlen…
Dass die Autoren vielleicht die Leser inspirieren wollen, sich selbst auch an Dinge heranzuwagen, die auf den ersten Blick völlig unmöglich, absurd oder skurril klingen, gehört allerdings ganz sicher dazu. Anregend wirken solche Erfahrungsberichte allemal. Es muss ja nicht gerade sein, dass man Monat für Monat sein Packerl schnürt, an einem Wanderparkplatz sein Auto stehen lässt und kilometerweit in den Wald marschiert, um dort eine Nacht und einen Tag zu verbringen. Es gibt genug Wege, dem Alltag immer wieder zu entfliehen. Man muss sie nur finden. Viele davon liegen direkt vor der Haustür – sowie Ekelund eben auch nicht um die halbe Welt geflogen ist, sondern einfach in die Nordmarka direkt vor den Toren der norwegischen Hauptstadt Oslo gefahren ist.
So einfach kann es manchmal sein. Und manchmal geht noch einfacher: Sich abends an das Ufer eines Sees setzen, Im Wald lesen, den Alltag hinter sich lassen und sich nach Skandinavien in den Wald träumen. Das funktioniert sogar am Kiesweiher ums Eck – zumindest, wenn man dort alleine ist. Was leider viel zu selten vorkommt.
Und ja: Ich gehe selbst viel zu gern in den Wald, um dieses Buch nicht zu mögen…


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Torbjørn Ekelund: Im Wald: Kleine Fluchten für das ganze Jahr
Gebundene Ausgabe: 272 Seiten / Verlag: Malik / Erschienen am 07. März 2016 / Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3890294707 / ISBN-13: 978-3890294704
Taschenbuch: 15.00 € / Gebundene Ausgabe: 18.00 € / Kindle-Edition: 15,99 €



Alle Lesetipps:

Teil 1: Wir Wochenendrebellen von Mirco von Juterczenka
Teil 2: Rheinehttps://zwetschgenmann.de/lesetipp-teil-2-rheines-wasser-von-andreas-fath/s Wasser von Andreas Fath
Teil 3: Im Zelt von Wigald Boning
Teil 4: Wasser: Entdeckung des Blauen Planeten von Markus Eisl, Gerhard Mansberger und Paul Schreilechner
Teil 5: Wasser und andere Welten von John von Düffel
Teil 6: Der kleine Wassermann von Otfried Preußler
Teil 7: Im Wald: Kleine Fluchten für das ganze Jahr von Torbjørn Ekelund

Teil 8 mal nichts zum Lesen, sondern zum Anschauen: „Weit – Die Geschichte von einem Weg“ von Patrick Allgaier & Gwendolin Weisser in einigen Wochen

 


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2 Antworten

  1. Kraulquappe sagt:

    Ja, ein großartiges, inspirierendes Buch!

  2. speedhiking sagt:

    Super Lesetipp-Liste, war mir bisher ganz entgangen! Thanx, bin bereits inspiriert!

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