Jammern auf der Hochplatte – Jammern auf hohem Niveau

Nein, es ist kein Spaziergang, darum wäre die Einordnung dieses Beitrags in die Rubrik „Spazieren statt schwimmen gehen“ sicher falsch. Es ist eine vierstündige Wanderung, die uns an einem wunderschönen August Sonntag von Marquartstein aus hinauf auf die Hochplatte führt.
Das erste Stück nutzen wir den Sessellift, von der Staffenalm ist der Weg immer noch weit genug. Satte Almen, dunkle Wälder, ein paar schroffe Felsen, grasende Kühe – das ist Bilderbuchbayern, wie man es aus Wander- und Reiseführern kennt.

Immer wieder ergeben sich traumhafte Ausblicke weit hinein in die Berge Tirols. Zahmer und Wilder Kaiser, die Kitzbühler Alpen… All das ist ein guter Grund, immer wieder stehen zu bleiben und zu fotografieren, was natürlich vorgeschoben ist, denn ich pfeife angesichts des Anstiegs aus dem letzten Loch. Bergwandern ist eben nicht so meines.

Der Schweiß rinnt in Strömen, ich bin ungeübt, untrainiert, eigentlich auch nicht in meinem Element. Das merkt man schnell. Fish out of Water beschreibt am besten, was ich meine. Ich bin kein Erd-, ich bin ein Wassermensch. Trotzdem lasse ich mir diese Wanderung nicht entgehen. Irgendwann erspähe ich in der Ferne den Chiemsee – wieder ein Foto, einmal mehr der innerliche Fluch, was für eine Schwachsinnsidee das von mir gewesen sein muss, auf dieser Wanderung mitzugehen, eine Feststellung, die ich nur einmal äußere und dann verschweige. Ich will nicht quengeln, zumindest nicht unterwegs. Das hebe ich mir für später, für den Blogeintrag auf. Ganz abgesehen davon, dass mir auf den diversen Anstiegen ohnehin die Luft dazu fehlt, etwas zu sagen. Ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau – und das meine ich wörtlich, immerhin liegt der Gipfel der Hochplatte bei über 1.500 Metern über NN.
Warum bin ich hier? Warum nicht im Chiemsee?

Familien überholen mich, Kinder im Grundschulalter stapfen schnell und gewandt an mir vorbei, fröhlich plaudernd mit Eltern oder Großeltern. Mountainbiker treten in die Pedale, gelegentlich schaue ich mich um. Kommt da noch wer oder bin ich endgültig der Letzte?
Natürlich kommt da noch wer – nicht einer, hunderte. Ganze Völkerscharen durchwandern an diesem Traumtag die Alpen, also auch die Berge im Chiemgau. Es fällt schwer, um sie herumzufotografieren. Ich versuche es trotzdem, nehme entsprechende Pausen in Kauf, was mir die Gelegenheit zum Verschnaufen gibt, die anderen, die mich lahmen Esel zum Wandern in den Bergen mitgenommen haben, aber unruhig werden lässt.
„Dann geht doch schon mal weiter“, bemerke ich. „Zur Not treffen wir uns spätestens unten an der Staffenlam wieder.“

Wieder passiert ein Pulk Menschen den Weg – ein Vater trägt sein kleines, schlafendes Kind auf dem Rücken. Locker, beschwingt, keine Spuren der Erschöpfung zeigend. Jetzt komme ich mir komplett fehl am Platz vor. Trotzdem.  Ich bewundere die vielen Kaisermantel, die von Blüte zu Blüte flattern, fotografiere wie sie wie wild, weniger in der Hoffnung, gute Bilder zu erhalten, als mit dieser weiteren Pause meine Atmung wieder halbwegs auf Normalmaß zurückzubringen.
Dann Weiterlaufen, weiterschnaufen, Umkehr ist keine Option. Natürlich nicht.
So etwas machen Männer nicht… diese Dummköpfe. Und ich gehöre zweifelsohne da vor. Ale anderen stapfen höchst entspannt den Berg hinauf und haben auch noch Luft zu angeregter Plauderei – das ist so erniedrigend mit anzusehen. Schon jetzt weiß ich, dass ich abends halbtot aufs Sofa sinken werde, die Folgetage heftigen Muskelkater in den Schenkeln bekomme und jedes Treppensteigen eine Qual wird (so ist es dann auch). Was habe ich auch in den Bergen zu suchen?
Die Antwort liegt auf der Hand – Erholung. So wie all die anderen.

Endlich oben – na a fast. Der Weg zieht sich einigermaßen gerade dahin. Ab jetzt wird das Gehen sehr viel entspannter.  Der Blick hinunter ins Tal ist sensationell, das lohnt all die Anstrengungen und Strapazen, die natürlich nur ich auf mich genommen habe. Wie gesagt: Die Wanderung ist leicht, alle anderen hetzten hinauf, ich schleppe mich.
Und das letzte Stück bis ganz hinauf auf den Gipfel spare ich mir, sollen doch die anderen…
Auf abgesägten Baumstümpfen sitzt es sich vortrefflich. Es ist ein Kommen und gehen, dem zuzuschauen großes Vergnügen bereitet. Dazu ein paar Schlucke eines isotonischen Getränks, ein paar Energy-Riegel und schon sieht die Welt ganz anders aus.



Unten sehe ich die Plattenalm – eine ganz kleine, sehr urtümliche Hütte mit einem äußerst eigenwilligen Hüttenwirt und einer köstlichen Buttermilch. Die habe ich mir aber auch redlich verdient.

Nachher fahren wir zum Chiemsee und gehen einfach zusammen schwimmen – dann bin ich in meinem Element, Jungs.
Und dann sind die Karten neu gemischt. Schauen wir mal, wer dann Oberwasser hat.

Kommt Leute, ab ins Wasser und dann kräftig kraulen.
Wie jetzt?
Das Wasser ist zu kalt? Es ist zu windig? Zu viele kleine Wellen?
Stellt Euch mal nicht so an. Ihr wollt schon umkehren? Zum Ufer zurückschwimmen?
Echt jetzt?


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1 Antwort

  1. Linsenfutter sagt:

    Über Wasser ist die Landschaft doch wesentlich schöner und unter Wasser gibt es auch keine Sessellifte. Lach …

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