Eine Insel mit ’nem Zipfel…

Korsika- und Sardinienurlauber kennen das. Kaum manövrieren sie ihr Fahrzeug auf der Insel von der Fähre, prangt an der Heckscheibe ein Aufkleber der Fährgesellschaft. Und jeder weiß: Oh, da hat einer Ferien auf einer Insel gemacht.
Allerdings gibt es auch Menschen, die freiwillig per PKW mitteilen, dass sie zu den Insel Touristen gehören. Beliebt sind die Aufkleber der Silhouette von Sylt, jener lang gezogenen Nordseeinsel, deren Form so charakteristisch ist, dass ein jeder sie kennen sollte, der wenigstens etwas in Erdkunde in der Schule aufgepasst hat.
Und wer dem Unterricht nicht gefolgt, in der Schule abgerutscht und beim Plebs gelandet ist, der kann sich einen Urlaub auf Sylt sowieso nicht leisten, da braucht er auch die Silhouette nicht zu erkennen. Fast ist es wie weiland mit den Freimaurer- oder Illuminatengeheimzeichen. Man erkennt einander als Syltfan, Außenstehende hingegen haben keine Ahnung. Aber die brauchen das auch gar nicht zu wissen.
Womit alle Vorurteile, die man gegenüber Sylt haben kann, bedient sind – und ja: Ich war noch nie dort.

Nun ist das mit den Insel-Silhouetten so eine Sache, vor allem, wenn man nicht gerade zu den Bewohnern der Küste gehört. Viele Inseln bieten solche Aufkleber an, gemein ist allen, dass sie den Namen der Insel nicht verraten und man es also entweder weiß oder lange rätseln muss. So was kann man bitte auf der Seite der Süddeutschen machen, aber nicht im Straßenverkehr.
Trotzdem nötigen einen andere Autofahrer förmlich dazu:

Ein silberfarbenes Cabrio fährt vor uns, als wir uns zu den Schwiegereltern aufgemacht haben. Hinten rechts klebt eine solche Silhouette, eine schwarze Linie zeichnet die Konturen ab, merkwürdig gezackt, unten links ein Zipfel. Eine Halbinsel, die weit ins Meer hinausragt.
Und schon geht das Raten los. Meine Frau meint, sie hat das schon öfter gesehen, sie kennt die Umrisse. Auch mir kommen sie bekannt vor. Während die eine Tochter auf der Rückbank das ganze mit wenig Interesse verfolgt (was klug von ihr ist) wird die andere genauso wepsig wie ich.
Das kann ja nicht sein, dass wir das nicht in Erfahrung bringen. Schließlich haben wir das schon mal gesehen. Aber wo?
Rügen? Nein. Fehmarn? Nein. Eine friesische Insel? Eine balearische?

„Ist wohl eher eine Insel im Süden“, meint meine Frau. „Wenn der mit dem Auto hingefahren ist und noch dazu im Cabrio.“
Ein überzeugendes Argument, um zum Beispiel die Hebriden auszuschließen. Aber auch die Seychellen oder Malediven. Den Einwand, er könnte ja auch in den Urlaub geflogen und sich einen Aufkleber dort gekauft haben, wischt sie weg: „Wer macht denn sowas?“
„Na ja… auch in München fahren Leute mit BVB Aufkleber rum“, wirft meine Tochter ein. Ich überhöre das geflissentlich.
Statt dessen habe ich längst Google Maps geöffnet, mir Mallorca, Menorca und Ibiza angesehen. Danach Gran Canaria, Teneriffa und von Terschelling aus die Nordseeküste Insel für Insel überprüft.
Gut, dass ich heute nur Beifahrer bin.

„Sardinien?“
„Nein.“
„Sizilien?“
„Nein. Das ist viel zu dreieckig“.
„Malta“
„Ach was – sieht doch ganz anders aus“.
Ich durchsuche auf dem Handydisplay die drölfzigtausend Inseln in der Adria vor der kroatischen Küste und in der Ägäis. Nichts. Keine Insel mit nem Zipfel.

Leise läuft im Kopfkino die Melodie an: Das ganze Leben ist ein Quiz

Das Thema lässt uns den ganzen Tag über keine Ruhe. Mit ihrem Opa durchstöbert meine Tochter den Weltatlas, entdeckt eine Insel vor Lettland, was ich komplett abstrus finde. „Außerdem sieht die gaaaanz anders aus.“
Wieder wird das Handy herausgeholt. Ich suche weiter. Doch weder die britischen Kanalinseln noch die Azoren passen. Auch Madeira nicht.
Verdammt. Verdammt.

Es nagt. Welche Scheißinsel ist das?
Kann doch nicht sein, dass wir das nicht herausbekommen.

Stunden später, als wir durch München fahren, werde ich plötzlich furchtbar hektisch, bitte meine Frau dem vorausfahrenden Wagen zu folgen und näher heranzufahren. So lange, bis ich die Schrift auf dem Aufkleber lesen kann – denn wieder fährt einer mit einem solchen vor uns. Wieder die gleiche Silhouette. Eine Insel mit nem Zipfel.

Ich werde leicht hysterisch.
Jetzt. Jetzt.Jetzt löst sich das Geheimnis.

„Ich sag doch, die hab ich schon oft gesehen“, meint meine Frau und verringert die Distanz.
Das Wort ist in einer kaum lesbaren Schrift geschrieben. Wer soll denn sowas auf die Entfernung lesen können? Dämlicher Grafiker.
„Noch näher“.
Norderney? Heißt das Norderney?

An der nächsten Ampel hält der Wagen. Wir stehen direkt hinter ihm. Ich lehne mich weit vor, mache ein Handyfoto, was der Fahrer vor uns im Rückspiegel bemerkt, vermutlich mit großer Verwunderung.

Mir egal.
Hauptsache, wir wissen Bescheid.
Es heiß nicht Norderney.
Und es geht auch nicht um eine Insel.
So schlau sind wir jetzt auch…

Das ist der Nürburgring.
Die flache Hand klatscht gegen die Stirn.
Klar.
Das hätte man wissen können – einfach mal in der Schule aufpassen. Dann wäre vielleicht auch was aus mir geworden und ich hätte nach Sylt fahren können. Und mit einem Aufkleber auf dem Autoheck zurückkommen.
Nun ist es zu spät.


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2 Antworten

  1. Jörg sagt:

    Ich werf mich weg. So cool. Ich kleb mir jetzt die Silhouette meines Sonntagsschnitzels aufs Autoheck ;-)

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