Mediatipps (Teil 18): „Der blaue Tiger“ von Jörg Wunram

Natürlich kann man die Alpen von Osten nach Westen durchqueren – zu Fuß.
Natürlich kann man dabei lange Gespräche mit seinem blauen Rucksack führen, ihn Tiger nennen und ihn erzählen lassen, was man dabei alles erlebt und vor allem, welche Begegnungen man auf dieser Route hatte.
Kann man, muss man aber nicht. Denn der Hamburger Journalist und Blogger Jörg Wunram hat das gemacht, darüber das wunderbare Buch „Der blaue Tiger“ geschrieben, das ich höchst gemütlich auf dem Sofa gelesen habe.
Soll er doch laufen: Bergab und bergauf, über die Berge, durch Flusstäler und Schluchten. Soll er doch Interviews mit allerlei Menschen führen und mit Reinhold Messner plaudern. Das alles hat er vortrefflich gemeistert. Ich lehne mich derweil zurück, knabbere einen Schokokeks und lese. Und kaum ist der Sonntag vorbei ist auch diese 1.4000km lange Reise, für die Wunram drei Monate veranschlagt und auch gebraucht hat, abgeschlossen. Und ich war dabei, habe mit ihm Bergbauern und Fremdenführer getroffen, Gastronomen und Spaziergänger.
Mit ihm bin ich im slowenischen Maribor aufgebrochen, habe Kärnten, Ost- und Südtirol durchquert, das Engadin und den Piemont. Immer westwärts: Monaco entgegen.

Mit ihm folge ich der Drau, besuche Alpendörfer und Berghütten und steige bei Zermatt auf mehrere Viertausender. Mit ihm stehe ich am Ende des Buches am Strand von Monaco – unendlich erleichtert und glücklich, weil der Weg geschafft ist und zugleich unendlich traurig, dass es nicht mehr weiter geht. Und zudem vollkommen verstört von dem Gefühl sich inmitten der Badeurlauber deplatziert zu fühlen und einfach nur noch weg zu wollen.
Natürlich findet das, was er erlebt hat, bei mit nur im Kopf statt. Dort entstehen anhand von Wunrams Schilderungen und einigen Fotos im Buch wunderbare Bilder. Das ist Kopfkino pur. Und es ist großartig.

Und warum macht er das?
„Ich kann meinen Durst nach Freiheit und Weite spüren. Nach Leben, nach einem friedlichen und erfüllten Sein. Ich will mehr davon!“ erklärt Wunram seinem blauen Rucksack und damit den Leserinnen und Lesern ziemlich genau in der Mitte des Buches – das ist nicht nur rein technisch das Zentrum seines Textes, das ist es auch inhaltlich:
„Trau dich, sei mutig, wage etwas, warte nicht, vertreibe die kleinen Bedenkenteufel, die Angst, kümmere dich nicht um die Meinung anderer Leute, folge deinen Wünschen und Träumen.“

Buchcover Der blaue Tiger von Jörg Wunram
Ich gebe zu: Ich war skeptisch. Zum Einen, weil ich befürchtete, als Leser auf den langen Weg zum Ich mitgenommen zu werden. Dann, weil das ganze Buch aus der Sicht des Rucksacks geschrieben ist, was ich anfangs für eine eher skurrile, etwas kapriziöse Idee hielt. Aber weder das eine noch das andere trafen zu. Erfrischend, der Autor ist kein dogmatischer Purist: Was heißt, dass er sich gelegentlich ein paar Kilometer mit einem Auto mitnehmen lässt, nicht biwakiert oder ausschließlich auf Berghütten übernachtet sondern gelegentlich kleine Hotels zum Quartier nimmt. Er ernährt sich auch nicht unbedingt „artgerecht“ von Proteinriegeln und Gebirgswasser. Man findet ihn immer wieder in den Alpendörfern und Städten in Cafés in der Sonne einen Espresso oder eine Johannisbeerschorle trinkend.  Das beruhigt.

Jörg Wunram hat sich einen großen Traum erfüllt – daraus aber keine hochtrabend stilisierte Herausforderung gemacht („Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss“), keine Prüfung oder einen Tripp zur Selbstfindung oder -heilung. Das ist sehr angenehm. Auch wenn er viel über Grenzen schreibt, echte auf der Landkarte, die in den Köpfen und die im Können und Wollen – als Leser hat man dennoch nicht den Eindruck, dass hier einer exhibitonistisch sein Innenleben nach außen krempelt, derweil er über seine eigenen Grenzen geht und sich und die Erfahrungen dabei abfeiert.
Wie angenehm.
Er nicht rituell und demonstrativ sein Handy platt gemacht sondern empfängt zwischendurch auch Anrufe, er hat sein Tablet dabei zum Bloggen und zur Kommunikation mit der Außenwelt, denn der Hamburger Journalist hat von Anfang an die Öffentlichkeit teilhaben lassen an dieser Wanderung, Bilder gestreut und Blogbeiträge veröffentlicht. Er hat seine Redaktion mit Stories versorgt und auch vor Ort Interviews geführt. Als Fragesteller wie auch als Auskunftgebender. Weltflucht geht anders, aber das sollte die Wanderung auch nicht sein. Und das wiederum unterscheidet das Buch aufs Angenehmste von so manch Ähnlichen. Hier sind eben Fünfe manchmal gerade und das ist gut so.

Foto aus Der blaue Tiger von Jörg Wunram Den Gipfel erstürmen

Foto aus dem Buch „Der blaue Tiger“

Das Lesen hat enorm viel Spaß gemacht. So bequem habe ich noch nie die Alpen durchquert – nebenbei: Außer im Flieger oder im Auto habe ich das grundsätzlich noch nie gemacht.
Einziges, kleines Manko: Ein  paar Karten, die den Weg zeigen, hätten einem ortsunkundigen Nichtalpinisten und Flachlandtiroler zur Orientierung geholfen. Aber wozu gibt es heutzutage Google Maps?


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Jörg Wunram: Der blaue Tiger – Drei Monate zu Fuß über die Alpen

Gebundene Ausgabe / 252 Seiten / Verlag: Eigenverlag von Jörg Wunram (15.07.2017) / Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3000566295

Preis: 19,40 €


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1 Antwort

  1. Kraulquappe sagt:

    Sehr ansprechende Rezension, danke, Lutz!
    Das Buch spricht mich sehr an!

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