Wie gehen, wenn man gehen muss?

der Reim zu versinken wäre ertrinken gewesen.
Aus: Günter Grass „Ein weites Feld“

Das Thema ist ernst, ungewöhnlich ernst für mein Blog. Und es könnte schnell fehlgedeutet werden. Daher vorab: Bitte verstehen Sie diesen Text nicht falsch. Er enthält weder versteckte Botschaften, Todessehnsüchte noch Andeutungen einer Suizidgefährdung. Ich hege keinerlei Absichten in diese Richtung.
Aber die Frage, wie man sterben möchte, wenn man sterben muss (was wir alle müssen), ist sicher jeder Leserin und jedem Leser bekannt. Und auch der Wunsch, sich das aussuchen zu können, was sich in den allermeisten Fällen aber so nicht realisieren lässt. Die meisten würden wohl sagen: Einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen. Aber das einfach einzuschlafen und nicht wieder aufzuwachen, hat auch seine Tücken. Denkt man das nämlich konsequent weiter wird jedes abendliche Niederlegen der Moment, in dem man dem Tod sehr nahe ist – denn einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen könnte dann in jeder x-beliebigen Nacht passieren. Das wäre mir sehr unbehaglich. Ich würde gerne auch weiterhin abends ins Bett gehen mit der relativ hohen Gewissheit, am nächsten Morgen auch wieder aufzuwachen und nicht einfach einzuschlafen und zu sterben.
Also?

Wie gehen, wenn man gehen muss - einfach losschwimmen?

Wie gehen, wenn man gehen muss

Stephanie Jaeckel schrieb im Sommer in ihrem Blog Klunkerdesalltags einen Beitrag über den Tod der 90jährigen ungarischen Philosophin Agnes Heller, die Augenzeugenberichten einfach hinaus in den Plattensee geschwommen und nicht mehr zurückgekehrt ist. So zumindest berichtete im Juli 2019 die Neue Zürcher Zeitung.
„An den Horizont schwimmen, bis man nicht mehr kann. Alle Achtung! Ahoi, Lady!“ endete Stephanie Jaeckels bemerkenswerter Text. Von der Autorin weiß ich, so wie sie von mir, dass sie meine Liebe zum Wasser teilt. Also kommentierte ich damals unter ihrem Beitrag:

„Bei den vielen Kilometern, die ich im Freiwasser schwimme, denke ich oft genau darüber nach. Wie es wohl wäre, wenn es an der Zeit ist, einfach die Schwimmbewegungen einzustellen, einfach zu sinken. Ins Nichts.
Ohne Angst, ohne Panik… weil ich selbst das so entschieden habe.
Ich kann bei dem Gedanken nichts Schreckliches, Bedrohliches finden.“

Wie gehen, wenn man gehen muss -Weiher am Abend

Und das meine ich ernst. Nicht nur, dass ich ihn nicht bedrohlich finde, ich finde ihn sogar in gewisser Hinsicht verlockend, verführerisch und reizvoll. Einfach gehen, dann schwimmen, dann nichts mehr tun.
Natürlich ist das ein frommer Wunsch, der noch dazu überfrachtet ist mit romantisierenden Vorstellungen, in denen mutmaßlich auch Goethes Ballade „Der Fischer“ und dessen Schlussvers halb zog sie ihn, halb sank er hin und ward nicht mehr gesehn eine Rolle spielt. Das Bild, einfach so in scheinbar fast gänzlich aufgehobener Schwere langsam im Blau, Grün, Schwarz zu versinken, hat für mich wenig Beunruhigendes. Bilder, wie man sie auch aus Filmen wie The Big Blue kennt.

Stephanie Jaeckel antwortete auf meinen Kommentar mit einer gehörigen Portion Ernüchterung: „Geht mir auch so. Aber ich wurde belehrt, dass Ertrinken eine stressige Art des Sterbens ist. Weil der Körper wohl noch eine Weile im Kampfmodus bleibt. Trotzdem, für mich ist Wasser ja auch „mein“ Element. Ich denke, es ist auf jeden Fall eine Option.“ Von ihr stammt auch der Gedanke, dass einfach einschlafen und sterben vielleicht doch nicht der optimalste aller Anhänge ist (s.o.).

Natürlich ist Sterben, ob willentlich oder nicht, kein Spaß und eignet sich wenig für theoretische, morbide Gedankenspiele. Was banal klingt, ist es ganz und gar nicht. Sicher: Im weiten Spektrum möglicher Selbsttötungsarten gibt es erheblich Schmerzvollere, vertraut man denen, die das wissen müssen und sich in dem Thema auskennen. Und es gibt reichlich Arten, bei denen der Vorgang des Sterbens viel schneller geht und weder das Bewusstsein noch der Verstand, der sich plötzlich mit der Unmittelbarkeit auseinandersetzen muss, wirklich mitbekommen, was da eigentlich passiert, bis es passiert. Ein Sprung – vorbei. Ein Schuss – das war’s.

Ertrinken muss ein grausamer Tod sein, wenn man um die Ausweglosigkeit weiß und gleichzeitig der Körper alle Selbesterhaltungstriebe mobilisiert. So stelle ich mir jedenfalls vor.
Von einer Episode meiner Kindheit abgesehen, in der ich in einem Freibad fast untergegangen, aber von einer Schwimmerin rechtzeitig zum Beckenrand gebracht wurde, abgesehen, kann ich hier nichts aus eigener Erfahrung beisteuern. Damals ging alles viel zu schnell, um nur annähernd zu verstehen, was geschah. Und ich habe es tief in Erinnerungen begraben und erst in meinem aktuellen Buch davon erzählt.

Heute habe ich keine Angst, geschweige denn die Panik, zu ertrinken, nur großen Respekt vor allen Gewässern. Entsprechend benehme ich mich in ihnen und meide, was riskant oder gefährlich sein könnte. Aber ich kenne Menschen, die das fast erlebt hätten und davon erzählen könnten. Und dabei ist es offenbar vollkommen gleichgültig, ob das Wasser zwei oder zweihundert Meter tief ist, ob der rettende Beckenrand im Schwimmbad zehn Meter oder die nächste Küste 10 Kilometer entfernt ist.

Wie gehen, wenn man gehen muss - Abschied für immer

Ich bin nicht sicher, ob sich diese Urinstinkte, überleben zu wollen, so einfach durch Wille und Verstand ausschalten lassen, wenn es notwendig wäre und man tatsächlich einfach zu sinken beginnen möchte. Ins Nichts. Ohne Angst, ohne Panik. Andererseits: Wie viele sind ins Wasser gegangen, um genau das zu tun: Versinken und ertrinken?

Wenn es so funktioniert, wäre das nicht schön?

Nicht mehr gehalten werden,

nicht mehr festgehalten werden,

nicht mehr aufgehalten werden…

Nichts hat mehr Gewicht, nichts mehr Bedeutung.
Verschmelzen mit dem eigenen Element, dem Wasser, eins werden, keins werden.

Vollkommen darin untergehen, vollkommen darin aufgehen.

Wie gehen, wenn man gehen muss - vom Hell ins Dunkel oder anders herum?

Aber wer kann schon wissen, wann dieser Zeitpunkt (wirklich) gekommen ist? Es ist, darauf hat Stephanie Jaeckel in ihrem Blog hingewiesen, ihre pure Spekulation, dass Agnes Heller diesen Tod so gewählt hat. In ihren Antworten auf die Leserkommentare bringt sie genau das zum Ausdruck, um was auch meine Gedanken kreisen: „.. dass jede/r seine Wünsche hat, was das eigene Sterben angeht. Und zurecht. Aber vielleicht ist dieser letzte Satz nicht ganz wahr, oder zumindest ist das meine Hoffnung, wenn ich von einem Sterben außerhalb des Bettes lese: Dass jemand den Tod überlistet. D.h. nicht wartet, bis er sich nimmt, sondern frei auf ihn zugeht. Natürlich ist das nur Spekulation. Aber für mich eine Hoffnung. Nicht, dass ich die Passivität ablehne. Aber ein freier Tod hat für mich immer etwas sehr menschenwürdiges.“

Übrigens: Heute ist Totensonntag. Darum dieser Text.

PS: Beim „Ausmisten“ der Fotoordner auf meinem Handy entdeckte ich eine Fotoserie, die ich im August gemacht habe und hier nun verwende. Schnelle, flüchtige Schnappschüsse nur. Damals entstanden sie an einem Abend am Kronthaler Weiher. Ich wollte diese sonderbare Stimmung eines wolkenverhangenen Tages einfangen, bevor ich gut geschützt im Neoprenanzug in das gar nicht mal so kalte Wasser gestiegen bin. Zum Schwimmen. Nur zum Schwimmen.


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4 Antworten

  1. gann uma sagt:

    Wasser einatmen, grässliches Husttornado – nee, klingt nicht so toll.
    Mit einer ordentlichen Portion Beruhigungsmittel kriegt man es vielleicht nicht mit.
    Oder mit viel Beruhigungsmittel im Winter draußen einschlafen.
    Kohlenmonoxid soll auch recht merk- und schmerzfrei sein.

  2. Buga-naut sagt:

    Schwimmbadblackout draußen im Freiwasser…..

  3. Kraulquappe sagt:

    Ein Text, der mich sehr anspricht. Danke dafür & schönen Sonntag!

  4. Stephanie Jaeckel sagt:

    Lieber Lutz, das ist eine schöne Überraschung heute morgen. Ich habe Deinen Beitrag gelesen mit neuen Bildern dazu im Kopf, ich war ja kürzlich am Pazifik. Und ja, es ist schon komisch. Wir haben alle unsere Fantasien über schönste Tage und größte Ereignisse, wie eine Heirat, eine Geburt oder so. Kein Mensch (zumindest keiner, den ich kenne) malt sich den eigenen Tod aus. Auch für mich gilt: ich habe keine Selbsttötungsfantasien. Ich werde bloß schnöde älter. Toll, dass Du Deine Gedanken dazu teilst. Die Fotos dazu vermitteln eine schöne Ruhe. Passt prima zum Totensonntag: Danke!

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