Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann

„Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“
„Niemand“
„Wenn er aber kommt?“
„Dann laufen wir davon!“

Das Kinderlaufspiel scheint etwas aus der Mode gekommen zu sein. Ohnehin wurde es, wie ich im Netz lese, aufgrund politischer Korrektheit umbenannt. Dabei hat die politische Korrektheit hier wieder mal eine Formulierung verfemt, die überhaupt nichts mit Schwarzhäutigkeit zu tun hat, sondern vermutlich die Angst vor dem „Schwarzen Mann“ als den „Schwarzen Tod“ beinhaltet – sprich: Die Pest. Aber weil in Zeiten wie diesen sprachliche Sensibilität immer notwendiger wird und missverstanden wird, was missverstanden werden kann, wurde das Spiel in pädagogischen Einrichtungen umgemünzt in Wer hat Angst vorm weißen Hai…, dem wilden Mann oder was auch immer.
Als wir Kinder waren, in der Zeit der Mohrenköpfe und Negerküsse, hieß es eben noch „Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“

Der für mich als Kind wirklich furchteinflößende Schwarze Mann aber war der Kohlenmann, der den alten Häusern in der Stadt mit dem Lieferwagen die Kohle brachte und diese oft unter lautem Getöse und schwarzen Staubwolken den Kohlenschacht hinunter in den Keller warf oder rutschen ließ. Stämmige Kerle, dreckverschmiert, sicherlich nicht mit bestem Ruf ausgestattet, vor allem nicht, seit sie sich in den ersten Nachkriegsjahren gegen massenhaften Kohlenklau zur Wehr setzen mussten, und das ging ganz sicher nicht gerade freundlich von Statten.
Das war zwar auch schon wieder lange Zeit her, aber der Mensch vergisst nicht.
Als ich vielleicht so sieben Jahre alt war, hatte ich ein nahezu traumatisches Erlebnis mit dem Kohlenmann.
Wir besuchten mit der ganzen Familie den Cousin meiner Mutter und fuhren anschließend ein paar Tage in den Harz. Dort wurden unsere Kinderphantasien aufgeladen mit allerlei Schauergeschichten, denn wir waren in der Nähe der Brockens und die Großen erzählten uns von den jährlich stattfindenden Hexentreffen dort. An einer Souvenirbude kauften meine Eltern meinem Bruder und mit zwei kleine Hexen aus Holz, beklebt mit Stoff und Kunsthaar, auf einem Besen reitend. Zum Brocken selbst konnten wir nicht, der lag jenseits der Grenze und dem Todesstreifen in der ehemaligen DDR, dem Reich des Bösen nahekommend. Da musste man schon eine Hexe auf einem fliegenden Besen sein, um diese Grenze zu überwinden. Aber auch die Schauergeschichten von der verminten Todesgrenze und dem Leben fahinter, waren wunderbar geeignet, uns Kindern Angst einzuflößen.
Doch das war nicht alles. Tief in unserem Inneren nagten bei meinem Bruder und mir das schlechte Gewissen. Wir hatten etwas angestellt und es niemandem erzählt: Bei einem Waldspaziergang hatten wir einen kleinen Bach aufgestaut. Als wir weitergingen entfernten wir diesen Staudamm aus Steinen, Stöcken und allerlei Laub nicht.
Mit der Zeit wurde in unserer Phantasie aus dem Rinnsal ein Fluss… Was, wenn er über die Ufer träte? Was, wenn er den daneben liegenden Waldweg überflutete? Was, wenn er eine Geröll- und Schlammlawine ins Tal… wir konnten uns die schlimmsten Szenarien ausmalen, trauten uns aber immer weniger, jemandem davon zu erzählen. Und je mehr wir darüber grübelten, umso größer wurde das Bächlein und die drohende Gefahr, eine halbe Ortschaft zu überfluten.
Am Nachmittag schlichen wir Kinder uns verbotenerweise in den Keller des Hauses, in dem wir im Harz übernachteten. Die anderen waren um einiges älter als ich und wussten, dass sie sich gleich einen riesigen Spaß mit mir, dem kleinen, naiven Kerl leisten konnten.Angst vom schwarzen Mann
Wir tappten durch den dunklen, muffigen Keller, ich erinnere mich nicht mehr so genau, aber vermutlich erzählten die anderen fortwährend irgendwelche Hexen- oder Gespenstergeschichten. Plötzlich donnerte und polterte es. Ein Höllenlärm. Ich bekam Panik, dachte, das Haus stürzt ein oder sonst was. Plötzlich waren die anderen Jungs weg, sie hatten sich wohl irgendwo versteckt. Ich war allein und fürchtete, den Weg aus dem Keller nicht zu finden und irrte panisch herum. Derweil donnerte es unaufhörlich.
Der Kohlenmann war gekommen, aus  einem Schacht an der oberen Wand prasselten unaufhörlich Eierkohlen in einen Raum.
Ich kannte diesen Radau nicht, wir hatten keinen richtigen Keller, wir wohnten in einem Haus mit Hanglage. Es gab keine alten, dunklen, muffig riechenden mit Verschlägen abgetrennten Keller mit Spinnweben. Bei uns kam einmal im Jahr der Heizöllieferant und pumpte allen Häusern in der Nachbarschaft Öl in den Tank. Wie also hätte ich wissen sollen, dass das Ganze hier ganz normal und völlig ungefährlich war? So lang man sich eben nicht direkt unter den Kohlenschacht stellte konnte einem eigentlich nichts passieren.
Irgendwann heulte ich Rotz und Wasser, die Jungs hatten ihren Spaß und zeigten mir schließlich den Weg nach oben. Vielleicht war ihnen die Situation selbst nicht mehr geheuer, wer weiß, wie meine und vor allem ihre Eltern darauf reagiert hätten, wenn sie ein heulendes Häufchen Elend aus dem Keller zurückbrachten. Denn, sofern ich mich recht erinnere, hatten Kinder in einem fremden Keller nichts zu suchen. Ich versteckte mich eine Zeitlang. Nie hätte ich meinen Eltern erzählt, das wir in dem Keller waren, und was passiert war (eigentlich ist ja gar nicht passiert). Ich habe mich – auch wegen des Staudamms und des womöglichen Millionenschadens, den wir damit angerichtet hatten – viel zu sehr geschämt.
Die Angst aber vor dem Kohlenmann blieb. Ich war nie wieder im Harz.400-3384
Damit nicht genug. Auch mein Großvater hatte einen alten Keller direkt unter seiner Apotheke in der Hagener Innenstadt. Es war ein uraltes Gemäuer, in meiner Erinnerung riesig groß und verwinkelt, über den in den 50er Jahren typische Nachkriegshäuser gesetzt worden waren, als es darum ging, schnell Wohnraum zu schaffen und die zerbombten Städte an Rhein und Ruhr wieder auf Vordermann zu bringen.
Mein Opa warnte uns, nie allein in den Keller zu gehen und schon gar nicht irgendwelche Schachteln, Dosen und Flaschen in die Hand zu nehmen. Was immer er dort unten aufbewahrte: Wir waren gewarnt und hielten uns daran. Nur in seiner Begleitung durften wir hinabsteigen. Irgendwo standen braune Flaschen mit geschliffenen Glasstopfen, von denen ich heute noch als Erinnerung eine zu Hause habe. Apotheker hatten in der Zeit meiner Kindheit halbe Chemielabore, mixten viele Salben und Säfte selbst und demzufolge war für uns Kinder strengstes Kellerverbot.
Nur selten stieg er mit uns hinab und irgendwo ganz hinten, am Ende des alten Flures leuchtete von oben ein heller Schein Tageslicht. Ein alter Kohlenkeller.
Der Häuserblock, in dem sich die Apotheke befand, wurde begrenzt durch drei Straßen, in diesem Dreieck standen die vierstöckigen Häuser, der sich bildende Innenhof war durch hohe Mauern zerteilt. Es gab Schuppen und Hütten, Werkstätten und direkt hinter dem Haus, in dem meine Großeltern wohnten und ihre Apotheke hatten, den Kohlen- und Kartoffelhändler Hoppe

Von einer Terrasse, die auf dem Dach eines Anbaus errichtet worden war, konnten wir durch einen Maschendrahtzaun hinunter in den Hof der Hoppes schauen: Kohlenmänner, Berge von Eierkohlen und Brikets.
Die Männer schaufelten Kohle auf den offenen Lastwagen und fuhren damit davon. Überall standen auch schwere braune Jutesäcke mit Kartoffeln.20141121_123642
Hoppe, dem auch das Haus gehörte, war der Vermieter meiner Großeltern und demzufolge eine ungeheure Respektperson. Wenn der auftauchte, machten wir Jungs schnell einen schlanken Fuß. Er sah es nicht gern, wenn sich viele Leute auf der Terrasse befanden. Irgendwie war ihm die ganze Sache nicht wirklich koscher. Vermutlich war das ganze Schuppenzeugs weder statisch geprüft noch genehmigt. Einmal hat er einen Riesenzirkus veranstaltet, als meine Großeltern für uns ein Planschbecken auf der Terasse aufgestellt haben. Das Gewicht, so fürchtete Hoppe, hätte gut dazu führen können, dass das Dach einkrachte.
Er hat geschrien, das Planschbecken müsse verschwinden. Sofort.
Kohlenmänner haben mir immer einen Heidenrespekt eingeflößt. Und ja: Als Kind hatte ich Angst vor dem schwarzen Mann; dem Kohlenhändler Hoppe.
Einen anderen kannte ich nicht.


PS: Die Wurzeln der Familie meiner Frau liegen im Oberbayerischen und im Rheinland. Im rheinischen Teil der Familie wird noch heute das Wort Kollemosch benutzt. Der Kollemosch ist der Kohlenmann, der, der im Keller hockt und die Kinder erschreckt. Der Satz „Sei brav, sonst holt Dich der Kollemosch!“ ist kohlenschwarze Pädagogik der Nachkriegszeit.

Auch das wollte ich immer mal erklären. Falls Sie sich mal gefragt haben sollten, woher der Begriff stammt, der meiner kleinen Firma Kollemosch Verlag & Kommunikation seinen Namen gegeben hat, jetzt wissen Sie’s.

 

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