Von der Schnecke, die hoch hinaus wollte
Kaum ist der Regen vorbei, lugt die Abendsonne noch einmal durch, schnappe ich mir die Kamera für einen kleinen Rundgang im Garten. Vielleicht finde ich ja ein Motiv. Zuerst denke ich an die Blätter des Frauenmantels, auf denen das Wasser abperlt, der altbekannte Lotos-Effekt, von dem immer noch viel zu viele fehlerhaft als Lotus-Effekt sprechen, als sei die britische Luxus-Automobilmarke Namensgeber und nicht die ursprünglich aus dem Asiatischen stammenden Wasserpflanzen, die aber schon damals Lotos hießen.
Frauenmantel wächst zuhauf im Garten, überall stehen Wassertropfen auf den Blättern, aber so richtig überzeugt mich das nicht.
Auch nicht die Drölfzigmillionen Schnirkelschnecken, die nach dem Regen unter den Pflanzen und aus ihren Häusern hervorgekrochen kommen und sich vermutlich jetzt den Bauch vollschlagen werden. Eine von ihnen hatte ich ja schon vor ein paar Wochen bei der #JedeWocheEinFoto Aktion fotografiert, ein Exemplar mit einer für mich sehr ungewöhnlichen Orange-Färbung:
Ich versuche mein glück bei den Rosen, auf deren Blättern das Wasser ebenfalls abperlt. Die ersten Knospen haben sich geöffnet, kleine Wassertropfen hängen an ihnen.
Ganz nett, aber irgendwie auch nicht überzeugend. Noch nicht. Die Zeit, Rosen in Hülle und Fülle zu fotografieren, kommt erst noch. 2020 war es Anfang Juni, als wirklich sämtliche Rosen gleichzeitig blühten und mich zu einem Bilderrausch trieben.
Nachbars Kletterrose, die über einen Bogen rankt, und die meiner Meinung nach die schönsten Blüten geizt noch mit den Blüten. Aber ich entdecke etwas, was mich doch ein wenig überrascht.
Eine Schnirkelschnecke kriecht am stachligen, verholzten Trieb hoch, dann auf einen Ast und weiter und weiter.
Unendlich langsam. Faszinierend zu beobachten und ein Geduldspiel für mich. Meditativ könnte ich mich während des Beobachtens jetzt in den Lotossitz begeben, womit spätestens jetzt jeder den Unterschied begriffen haben müsste. Denn ein Lotossitz ist etwas ganz anderes als ein Lotussitz. Rein kommt man im fortgeschrittenem Alter allerdings in beide nicht – und raus schon gleich gar nicht.
Was will die Schnecke da oben? Die frischen, zarten und ganz jungen Blätter fressen? Die Aussicht genießen?
Oder einfach nur mit einem ungewöhnlichen Stunt Aufmerksamkeit erheischen und fotografiert werden?
Nun… das zumindest hat sie geschafft. Während ihre Artgenossen zu meinen Füßen herumkriechen, begegnet mir dieses Exemplar auf Augenhöhe.
Und würde nicht der nächste Regen einsetzen, ich hätte der Schnecke noch lange zuschauen können. So aber drängt es mich zurück ins Haus.
Mach’s gut, kleine Schnecke.
Man sieht sich.
Vielen Dank fürs Lesen.
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Sehr schön gemacht. Ein guter Fotograf findet immer ein lohnendes Objekt.