Schneller… schwimm doch schneller!

Für Willi

So ein Urlaub am Meer besteht ja nicht nur aus Schwimmen. Manch einer der Ausdauerschwimmer, Kampfkrauler und Wasserratten mag das anders sehen, aber bei mir ist das eben so.
Ich möchte, nein, ich muss auch durch die Macchia im Hinterland kriechen und Viecher suchen. Schildkröten und andere Reptilien in ihren natürlichen Lebensräumen zu beobachten, gehört ebenfalls zu meinen Lieblingsbeschäftigungen im Urlaub und so mache ich mich gern morgens in aller Frühe auf ins Gebüsch, suche und finde (meistens) Tiere, fotografiere und beobachte sie und dann geht es nachmittags zurück zum Strand und ab ins Meer.

Mit Willi haben meine herpetologischen Ausflüge eigentlich auch nichts zu tun. Trotzdem musste ich in dem vor Kurzem beendeten Urlaub viel an Willi denken, obwohl ich fast nichts von ihm weiß, und meine Erinnerungen an ihn eine halbe Ewigkeit alt sind.

Willi war, das weiß ich noch, ein saumiserabler Skifahrer. Er – der wirklich so hieß oder zumindest von seiner Mutter so genannt wurde – war etwa 11 Jahre alt und verbrachte seinen Winterurlaub im gleichen Hotel in Bad Kleinkirchheim wie wir. Wir, das waren meine Familie und ich.
Willi war das geborene Opfer für alle, die dort im Hotel zu Gast waren, vor allem für uns 14-/15jährigen. Denn er war das, was man damals ein komisches Kind nannte, und das war alles andere als positiv gemeint.
Seine Mutter war allein mit ihm unterwegs, was heute nichts Ungewöhnliches mehr ist, damals aber allen anderen sehr befremdlich vorkam. Als dann am Abend vor Silvester plötzlich die Gendarmen im Hotel auftauchten, weil Kinder an der Tankstelle nebenan mit Feuerwerkskörpern hantierten, war klar: Willi. Wer sonst?
Von da an gab es kein Halten mehr, die dummen Sprüche machten die Runde, weder Willi noch seine Mutter konnten sich dem erwehren. Eigentlich muss es ziemlich schlimm für sie gewesen sein, wenn man sich das aus langer, zeitlicher Distanz rückblickend vor Augen führt. Kinder können echt Scheiße sein, vor allem diejenigen, die gerade mitten im Pubertätsrausch sind. Und das waren wir. Aber nicht nur die Kinder machten ihre Witze, die anderen Erwachsenen eben auch. Das machte es nur noch schlimmer. Statt uns zu bremsen, biederten sich die Erwachsenen uns halbreifen Teenagern förmlich an und übertrafen sich mit immer gehässigeren Bemerkungen über den komischen Willi und seine nicht minder komische Mutter.
Vollends außer Kontrolle geriet es, als abends Aufenthaltsraum der Fernseher lief, irgendein Karl-May-Film, ich weiß nicht mehr welcher. Wir schauten, obwohl unendlich cool und abgebrüht, trotzdem mit. Das war alle Mal spannender als das Gerede der Erwachsenen.
Willi schaute auch. Und seine Mutter, zu den amderen Erwachsenen hatte sie keinen Anschluss gefunden.
Und Willis Mutter ging voll mit. An sich ist das beste Kompliment, das ein Zuschauer einem Filmregisseur machen kann.
So wie wir heute selbstverständlich vor dem Fernseher bei jedem Fußballspiel mitschreien „Lauf doch mal, Du Arsch!“, „Schiedrichter, Du blindes Stück, das war Foul. Pfeif endlich“, so verfiel Willis Mutter plötzlich ebenfalls in wildes Geschrei: „Schneller, Winnetou. Reit doch schneller!“
Sie brüllte den Fernseher an. „Beeil Dich. Du schaffst das…“ sprang von ihrem Stuhl auf, ließ sich wieder nieder, drückte das Blut aus den Daumen und war ganz in den Film hineingezogen worden.

Das aber hätte sie besser nicht getan, denn nun war nicht nur Willi Opfer offenen Spots, auch seine Mutter wurde, wenn auch mehr hinter vorgehaltener Hand verlacht. Natürlich von uns, den obercoolen 14jährigen, die das Ganze mitansahen. Denn das, was sich Willis Mutter geleistet hatte, war in unseren Augen der Gipfel peinlichen Fehlverhaltens.

In diesem Sommer besuchten wir im Urlaub in Kroatien einige der Drehorte der Winnetou-Filme: Die Plittwicer Seen (Silbersee), den Tuvolo grede (Nugget Tsil), die Krka Wasserfälle (bekannt aus vielen Filmen) und den Zmanja Canyon (Rio Pecos und Pueblo).

Ein wenig überkam mich die Gänsehaut, als ich die Drehorte sah, die ich unendlich oft im Fernsehen zuvor gesehen hatte. Es gibt sie wirklich und sie schauen so verdammt echt aus. Weil sie es sind. Weil es sie wirklich gibt. Weil ich sie nicht nur aus den Filmen sondern auch von den Deckblättern von Mal- und Zeichenblöcken kenne, von Hörspielplattencovern und Sammelalben. Weil man die Hand ins Wasser strecken kann, Steine vom Boden mitnehmen kann, weil man die Sonne über sich spürt, das Rauschen des Wassers hört und den Wind… und zumindest im Nationalpark bei den Seen die Hundertschaften an Besuchern, an denen ich unermüdlich versuche, vorbei zu fotografieren.
Ich möchte nicht wissen, bei wie vielen Deutschen in der Phantasie Winnetou auf seinem Rappen angeritten kam, obwohl gerade erst Pierre Brice, der Winnetoudarsteller schlechthin, gestorben ist.

Diese Bilder gehören zu meiner Kindheit gehören und heute noch drängen sie beim Schwimmen in der heimischen Kiesgrube in meine Phantasie und Erinnerung. Wie die Episode mit Willi und seiner entfesselten Mutter vor dem Fernseher damals in einem kleinen Hotel in Bad Kleinkirchheim. Es wird Zeit, sich bei Willi und seiner Mutter zu entschuldigen, dass wir uns damals das Maul so zerrissen haben. Das war keine Ruhmestat. Das seh ich ein.

Willi, lass uns eine Friedenspfeife rauchen. Hoch oben über dem Rio Pecos.
…und dann geh ich wieder schwimmen. Unterhalb der berühmten Krka-Wasserfälle. Wie so’n Indianer oder Charlie.
Und wehe, es ruft da einer vom Ufer oder der Holzbrücke herüber: „Schneller, Sam Hawkens. Schwimm doch schneller!“ Dann fliegt aber das Tomahawk.

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